„Dann wird man bald seinen Namen auf meinen Verlobungskarten lesen.“
„Du bist wie dein Vater, halsstarrig und eigensinnig, wenn es gilt, einen Willen durchzusetzen“, in Frau Magdas Stimme bebte Zorn, sie sprang empor und durchmaß das Zimmer, wie eine böse Schlange zog die Schleppe ihres Morgenkleides hinter ihr über den Teppich: „Meinetwegen werde Frau Zernikow, ich will deinem vermeintlichen Glück nicht im Wege stehen. Wenn aber nachher nicht alles so kommt, wie du dir‘s ausmalst, dann denke daran, daß ich dich gewarnt habe, denn wie kannst du, schon seit Kindertagen an das glänzende vornehme Hofleben gewöhnt, als einfache Ingenieursfrau glücklich werden. Es ist eine ganz andere Gesellschaftssphäre, in die du kommen wirst.“
„Die Gesellschaft, zu der mein Gatte gehört, wird auch für mich die rechte sein“, stolz sagte es Else.
„Ach, lassen wir diese unangenehmen Gespräche, ich sehe ein, ich komme mit dir nicht weiter, du denkst eben wie ein junges verliebtes Mädchen.“ Eine tiefe Falte grub sich in Frau Magdas Stirn.
„Und doch dachtest du auch einmal genau wie ich, Mamachen“, Else Berner lächelte schalkhaft, „sonst hätte doch die gefeierte Baronesse Stormberg wohl kaum Maler Berners Werbung angenommen.“
Ein leise erinnerndes Lächeln zog über das schöne, nur etwas zu volle Gesicht der Frau, versonnen sahen ihre Augen ins Weite, sahen über lange, lange Jahre zurück bis in die fernen Tage, da sie noch im Mai ihres Lebens gestanden. „Die schöne Stormberg“ hatte man sie in jener Zeit genannt und mancher Freiersmann hielt um die Hand der „schönen Stormberg“ an. Leute, die Titel, Rang und Würden besaßen. Doch sie wählte keinen von den vielen, keinen, der junge Landschaftsmaler, der sich der paradiesischschönen Gegend wegen in Schneiditz niedergelassen, der hatte ihr‘s angetan, dem gab sie sich zum Weibe, er war ihr lieber als alle die adligen Herren. Und ob der Vater seine Einwilligung zuerst versagte, und ob die Mutter auch schalt und über Mädchentorheiten herzog, die Baronesse Stormberg gab nicht nach, bis sie Alex Berners Gattin geworden. Und wenn sie so nachdachte, bereut hatte sie es niemals, ihrem Herzen gefolgt zu sein. Ihr Mann war wohlhabend und hier, in der Residenz, wo sie geboren, stand hinter ihrem Namen noch immer der alte Name der Barone Stormberg. Wie ein Wall von Vornehmheit wehrte der den Troß der breiten Bürgerlichkeit von ihr ab. Ihr Mann war durch sie Galeriedirektor geworden, eins seiner früheren Bilder hatte ihm den Professortitel eingebracht, die Berners gehörten zu den Intimeren des Hofes. Ein ganz anderes Leben aber stand Else bevor. Not freilich, die würde ihr schönes Kind voraussichtlich nicht kennenlernen, denn die Mitgift, die man dem Mädchen mitgab, durfte nicht klein sein, aber eine andere Umgebung als die, in der sie groß geworden, erwartete Else und da ihre Tochter sie noch immer Antwort heischend ansah, sprach sie: „Wenn ich allerdings auch einmal genau so dachte wie du — so drücktest du dich doch aus —, so läßt sich zwischen einem Alex Berner und einem Walter Zernikow doch kein rechter Vergleich anstellen.“
„Ich danke für das Kompliment im Namen meines gerade abwesenden Papas, jenes soeben in so schmeichelhaftem Sinne genannten Herrn Alex Berner“, lachte Else. Wozu sollte sie sich über die Art der Mutter, von Walter so herablassend zu sprechen, ärgern, die Mutter brauchte ihn ja nicht zu heiraten, ihren Walter, das wollte sie schon selbst besorgen. Das sieghafte Kraftgefühl, das nur die Jugend kennt, erhob sich in ihr und ließ ihr alles klein und gering erscheinen. Nur eines auf der weiten Welt war groß und wert erstrebt zu werden und das war jener Augenblick, an dem ihr Walter Zernikow den glatten goldenen Reif an den Finger stecken würde. Herrgott, wie schön lag doch das Leben vor ihr. Ganze Ströme von Gold drängten sich durch das breite Fenster und über Elses Blondhaar streiften die Sonnenfäden und verwoben sich mit ihm.
Frau Magda ließ ihre Augen kühl abwägend über ihr schönes Kind gleiten und leise klang es in ihr: Jammerschade, so viel Schönheit wäre mit einer Fürstenkrone nicht zu teuer erkauft! Aber schließlich mußte sie sich damit abfinden, daß dieser entzückende Liebreiz hineinglitt in die engen Grenzen braver Gutbürgerlichkeit.
Es klopfte, der Diener trat ein, um Frau Magda etwas zu fragen. Nachdem diese Frage erledigt war, warf die Frau leicht hin, ob Maurer nicht wisse, um was für eines Bildes willen sich ihr Mann so plötzlich nach Berlin begeben hätte.
Maurer machte eine bedauernde Bewegung, das hieß, er habe keine Ahnung.
„Hat denn mein Mann kein Wort zu Ihnen darüber gesagt?“ drang Frau Magda weiter in den Diener.
„Ich weiß soviel wie gar nichts“, erklärte der Alte, „der Herr Professor sagte nur, er habe einen Wink bekommen, daß er aus einer Privatsammlung ein wertvolles Stück für die Galerie erwerben könne.“
„Und wer meinen Mann auf das betreffende Bild aufmerksam machte, wissen Sie auch nicht?“
Er verneinte. Nun durfte er gehen, und er tat das gern, der alte Maurer, denn die Art, in der die Frau Professor Fragen stellte, hatte etwas Inquisitorisches. Man kommt sich vor, als ob man vor einem strengen Richter stehe, dessen Fragen einen verlegen machen und einschüchtern, auch wenn man eigentlich gar nichts Unrechtes getan hat. So ähnlich war dem alten Diener aber fast immer in der Nähe der Frau Professor zumute.
„Der weiß also auch nichts“, Frau Magda pflanzte sich kerzengerade vor ihrer Tochter auf, „und ihn, seinen Getreuen, zieht Papa sonst fast immer ins Vertrauen, sage mal, wie findest du das?“
Die Angeredete lächelte nachsichtig: „Was soll ich denn finden, Mama?“
„Ach, stelle dich doch nicht an, als wüßtest du nicht, was ich meine“, die Frau in dem weichen lila Schleppkleid hob abwehrend die Hand, als müsse sie irgendein Hindernis fortscheuchen, „diese plötzliche, allzuplötzliche Reise muß einen anderen Beweggrund haben als den, den dir der Papa angegeben. Dahinter steckt eine andere Geschichte, das liegt doch klar auf der Hand! Ich finde“, sie schwieg sekundenlang und sah dabei auf ihre glänzend gepflegten Fingernägel nieder, als müsse sie davon ablesen, was sie sagen wollte, „ich finde diese Reise direkt mysteriös.“
„Aber, liebe Mama, was du heute alles findest. Vorhin sprichst du von Geheimniskrämerei, jetzt nennst du Papas harmlose kleine Reise mysteriös“, um Elses Mundwinkel zuckte leichter Spott.
„Nun, wenn du dir die Mühe gäbest, ein bißchen nachzudenken, würdest du diese Reise entschieden ebenfalls mysteriös finden“, wieder wanderte sie schnell über den weichen Teppich, „doch wozu soll ich mir den Kopf zerbrechen“, sprach Frau Magda stehenbleibend in ruhigerem Tone weiter, „ich will jetzt gehen und ein paar wichtige Briefe schreiben.“
„Ich werde das gleiche tun“, sagte Else sich erhebend.
„Wahrscheinlich an —“
„An Walter will ich schreiben, Mama“, vollendete das junge Mädchen, „ich bin ihm einen Brief schuldig, durch die Vorbereitungen zum Ball bin ich ein paar Tage lang nicht zum Schreiben gekommen.“
„Ich wundere mich überhaupt, daß du den Ball mitgemacht hast“, warf Frau Magda ein.
„Du wünschtest es doch, liebe Mama, und da ich noch nicht öffentlich verlobt bin, konnte ich gut deinem Wunsche Folge leisten.“
Frau Magda erwiderte nichts mehr und verließ das Zimmer. Es war wirklich schade um jedes weitere Wort, das sie verlor. Wenn das törichte Mädchen, wie sie Else bei sich nannte, gewußt hätte, welche Hoffnungen sie an den gestrigen Hofball geknüpft hatte. Hatte sie doch gemeint, in dem glanzvollen Rahmen des Hofballes würde die Gestalt des eleganten Barons Tomwitz die Erinnerung an den einfachen Ingenieur wieder verblassen lassen. Früher bevorzugte Else doch den Baron sichtlich, und ohne diese Reise nach Nauheim wäre auch wahrscheinlich alles so gekommen, wie es sich Frau Magda ersehnte.
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