Wenn uns jemand fragt, wie groß wir sind, antworten wir: „Einen Meter fünfundsiebzig.“ – „Und wie siehst DU aus?“ – „Ich habe blaue Augen, blonde, bereits überwiegend graue Haare, ein Muttermal auf meiner Stirn und viele Körperhaare.“ Yama sagt: „Das stimmt nicht! Dein Wagen ist einen Meter fünfundsiebzig groß. Dein Wagen hat blaue Augen und blond-graue Haare und ein Muttermal auf der Stirn! DU bist nicht dein Wagen!“ Wenn wir sagen „Ich habe Stress“, dann sind das unser Wagen, der sich schnell hin und her bewegt, und unser Wagenlenker, der das als „Stress“ beurteilt. „ICH, ICH, ICH! Das ist alles, was ihr denkt!“, würde Yama zu uns heute wohl sagen: „Aber das ist eine Verwechslung. Wenn deine Pferde gut gefressen haben, sind sie glücklich. Aber das ist kein Glück, das anhält, wie jedes Pferd weiß. Wenn dann einmal kein Futter da ist, fühlen sich die Pferde schlecht. Du bist nicht die Pferde. Ebenso bist du nicht ein Gefühl, wie das Glücksgefühl, wenn du gerade einen großen Erfolg in der Arbeit gehabt hast. Dieses Gefühl hält ebenso nicht an. Auch bist du nicht dein Begehren, dass du noch dieses oder jenes Ziel erreichen musst! Hast du es dann erreicht, ist das Glücksgefühl schnell verflogen. Auch bist du nicht dein Verstand, der dir zum Beispiel sagt: Du hast doch alles, was man braucht, um glücklich zu sein, ein schönes Haus, eine wunderbare Familie, eine gute Arbeit, viele Freunde, immer genug zu essen. Warum bist du dann nicht glücklich? ABER wenn das alles zur Ruhe kommt, die Pferde, die Zügel, der Reiter und der Wagen, bringen sie DICH, dein Selbst, den Fahrgast oder Wagenbesitzer, in aller Ruhe ans Ziel. Du bist nicht das Gespann, du bist der Fahrgast!“
In unserer heutigen Zeit setzen wir uns mit dem Körper gleich. Wir lassen uns von den Sinnen leiten, hören auf unsere „Lust“ und unser „Ich will“, nutzen den Verstand mehr, um Strategien zu entwickeln, um genau das zu bekommen und rasen so in unserem Leben mit unserem Wagen von A (Geburt) nach B (Tod), ohne anzuhalten und ohne den Fahrgast zu fragen, wohin er eigentlich will. Und zumeist nehmen wir den Fahrgast kein einziges Mal wahr ...

Wir haben immer die Wahl! Pferde durchgehen lassen und dem Vergnügen nachlaufen, Sinnesbefriedigung auf allen Ebenen und „Egotrip“, also „ICH-Trip“, den Weg Preya einschlagen, oder doch mit etwas Anstrengung und Disziplin, etwas Geduld und viel Zeit Gesundheit, Sicherheit und Geistesfrieden wählen, also den Weg Śreya einschlagen ...
Yama sprach: „Ich bin mein Körper; wenn mein Körper stirbt, sterbe ich.“ So denken viele. Dies ist die schwerwiegendste Verwechslung, die ich mir vorstellen kann! Das allwissende Selbst wird nie geboren und es wird nie sterben. Das Selbst ist ewig und unwandelbar. Das ewige Selbst tötet nicht, noch wird es je getötet. Verborgen im Herzen eines jeden Geschöpfs existiert das Selbst, feiner als das Feinste, größer als das Größte. Ātman (Sanskrit ātman, neutral, „das wahre Selbst“) kann nur von jenen erfahren und erkannt werden, die von unlauteren Gewohnheiten ablassen, ihre Sinne zügeln, ihren Geist zur Ruhe bringen und meditieren. Niemand sonst kann das allgegenwärtige Selbst erkennen. Steht auf! Wacht auf! Sucht die Anleitung eines erleuchteten Lehrers und erkennt das Selbst. Doch Achtung: Der Weg ist scharf wie eine Rasierklinge, so sagen es die Weisen, der Pfad schwierig zu durchschreiten.
Hier spricht Yama ganz klar den Weg an, den man einschlagen muss, um den Tod zu überwinden. ICH muss nicht unsterblich werden, SELBST ist bereits unsterblich. Wenn es sich mir offenbart, überwinde ich den Tod und verliere die Angst vor ihm, weil das Selbst immer existieren wird und nicht mit dem Körper erlischt. Voraussetzung, dass man das WEIẞ, ist, dass man es ERLEBT hat, dass man das Selbst, Ātman, WAR, wenn auch nur kurz. Uns gehen immer wieder die Worte aus, Ātman zu beschreiben, denn:
„Das höchste Selbst ist jenseits von Namen und Form, jenseits der Sinne, unerschöpflich, ohne Anfang, ohne Ende, jenseits von Zeit, Raum und Kausalität, ewig, unwandelbar. Jene, die das Selbst erkennen und erleben, ‚sind‘, sind für immer aus den Klauen des Todes befreit.“
Es zahlt sich also aus, sich auf diesen schwierigen Weg zu begeben. Doch Yama warnt uns, dass der Weg steinig und scharf wie ein Rasiermesser sei.
Der Weg:
Doch wie bringen wir unseren Geist und unseren Verstand in die Stille? Jīva (Sanskrit jīva, maskulin) ist das individuelle Ego, das Ich, das sich zusammensetzt aus einem Bündel von Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen und den gesamten bewussten Gehirnfunktionen. Dieses Bündel nennt man die Saṃskāras. Sie sind die verschiedenen Muster, nach denen wir funktionieren, die verschiedenen Prägungen, die wir während unseres Lebens erfahren (siehe auch 1.18 des Yogasūtra). Wir halten Jīva für uns, unsere Persönlichkeit, das, was uns ausmacht. Yama würde das wieder eine Verwechslung nennen. Dem Jīva wird der Puruṣa (Sanskrit puruṣa, maskulin) gegenübergestellt. Puruṣa, die „Urseele“, das wahre Selbst, ist nur ein anderer Begriff für Ātman. Das, was wir als unsere Persönlichkeit bezeichnen, ist die Maske, welche der Puruṣa trägt.
Wir halten die Maske für unsere Persönlichkeit, weil wir sie schon so lange tragen. Und wir können die Maske noch so sehr schminken, strahlen wird sie durch das Licht dahinter, durch den Puruṣa. „Schönheit kommt von innen“, wie wir sagen. Jīva und Puruṣa sind wie Schatten und Licht. Das, was wir für „uns“ halten, ist der Schatten des Lichtes dahinter. Māyā (Sanskrit māyā, feminin) bedeutet Illusion, Zauberei und meint in diesem Zusammenhang die Verwechslung, dass wir die Maske für unser wahres Gesicht halten.
Yama sprach: „Jīva will wunderschön sein, will gefallen, will genießen, will das Süße im Leben kosten und das Bittere vermeiden. Der Puruṣa unterscheidet süß und bitter nicht. Er nimmt, was kommt und bewertet nicht. Der Puruṣa lebt im Licht, der Jīva lebt im Schatten. Beide leben in der geheimen Höhle des Herzens. Solange du, Nachiketa, dem Puruṣa nicht begegnet bist, lebst du nach den Regeln des Jīva. Das Ego verschwindet, wenn du dem Selbst begegnet bist. Dann nimmst du die Maske ab, Nachiketa, und bist Puruṣa.“
Yama sprach weiter: „Ein weiser Meister, der auf der Suche nach der Unsterblichkeit war, zog seine Sinne von der Welt der Veränderungen ab und richtete seinen Blick nach innen. Dort schaute er das todlose Selbst. Das, wodurch man Form, Geschmack, Geruch, Klang, Berührung und sexuelle Vereinigung genießt, ist das Selbst, Ātman.“
Yama spricht es deutlich an. Solange wir den Blick in „unserer Welt“ schweifen lassen und dort die Antworten finden, werden wir nichts finden. Das Fenster zur Wahrheit liegt einzig in uns. Und der Genuss, den man hat, wenn man das Selbst einmal gefühlt hat, ist kein kurzfristiger mehr, sondern er bleibt. Auf einmal ist Genuss keine kurzfristige Befriedigung mehr, sondern Licht und Glück im Selbst.
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