Hier wird etwas ganz Fundamentales angesprochen: Wir bestehen nicht nur aus unserem Ego, unserem Ich, sondern tief im Inneren bewahren wir unser Selbst, welches der Gott des Todes mit der Seele gleichsetzt. Dabei sitzt das Ich wie eine Maske mit rosaroter Brille auf dem Selbst.
Hier wird nun eine Wahrheit angesprochen, die Mystiker bis in unsere Zeit, in allen Religionen und an allen Orten dieser Welt, beschäftigt! Das Selbst ist ewig und verändert sich nicht. Das Selbst ist nicht abhängig von Raum und Zeit. Das Selbst ist etwas, das man erfahren und erleben kann, aber kaum beschreiben. Und das Selbst wird gerne in den Upanischaden und auch jeder anderen Weltreligion mit dem Göttlichen in uns oder Gott selbst gleichgesetzt. Unser Selbst ist Teil von dem großen Einen, und weil es so unfassbar ist, wird ihm ein Name verliehen, um es besser fassen zu können. Und dieses Selbst wird ummantelt von fünf Bewusstseinsebenen, die zusammen das ICH bilden.
„Fünf Bewusstseinsschichten verdecken das Selbst, Nachiketa. Mit Meditation kannst du jede einzelne erreichen. Und jede Ebene bringt neue Einsichten, welche du im täglichen Leben umsetzen musst. Erst dann kannst du zur nächsten Ebene weiterschreiten. Wenn du diese Reise gehst, wird sich für dich alles verändern.“
Die äußerste Schicht bildet das Bewusstsein des Körpers. Dann kommen drei Ebenen, welche zusammen eine Art psychischen Körper bilden: die Ebenen der Sinne, der Emotionen, des Verstandes. Dem Selbst am nächsten findet sich das Ego, das individuelle oder pure Ich-Gefühl.

Wenige vermögen bis zur Ebene des puren Ich vorzudringen, sehr wenige noch tiefer, so die Ansicht der Upanischaden.
Im Sanskrit gibt es die Begriffe Preya (preya oder preyas, neutral, wörtlich „das, was einem lieber ist“) und Śreya (Sanskrit śreya oder śreyas, neutral, wörtlich „das, was am wünschenswertesten ist“). Preya ist das Angenehme und Genussvolle, Śreya das Nutzbringende, das, was einen vorwärtsbringt. Preya bereitet Vergnügen, Śreya nützt unserer Gesundheit, unserem Geisteszustand, unserer Menschlichkeit.

„Ohne Śreya kein Preya!“, „Ohne Fleiß kein Preis!“
Kauft man sich zum Beispiel ein neues Auto, hat man große Freude daran. Aber nach einiger Zeit ist es einfach nur mehr ein Auto und man dürstet danach, wieder etwas Neues zu kaufen. Preya. Oder man geht jeden Abend fort, isst gut, trinkt gut und tanzt die halbe Nacht. Nach ein paar Wochen verschwindet das Besondere dieses Lebenswandels, wir fühlen uns ausgelaugt und leer. Preya hält nicht an. Preya bringt langfristig kein Glücksgefühl. Rafft man sich auf und geht zum Beispiel jeden Tag eine Stunde laufen, wird man sich nach ein paar Wochen viel kräftiger und vitaler fühlen. Śreya. Wenn man mit Disziplin jeden Tag früh schlafen geht, morgens früh aufsteht, den Morgen für eine Meditation, ein gekochtes Frühstück und dann eine geistige Arbeit nutzt, wird man bei dieser sehr viel weiterbringen und sich auch noch gesund und vital fühlen. Śreya bringt eine langfristige Veränderung. Śreya gibt uns ein Glücksgefühl, das viel tiefer reicht als das, was uns Preya vorgaukelt.
Yama spricht von der Freude der Seele, die immer bleibt, indem der Weise sich Śreya zuwendet und seinem Selbst immer näherkommt. Das sind die zwei Wege, die sich uns im Leben bieten, und wir als Menschen haben immer die Wahl. Links oder rechts, Preya oder Śreya, und auch, wenn man Śreya wählt, ist man noch lange nicht am Ziel ...

Nachiketa sprach: „Ich wähle ja schon den Śreya-Weg, entsage allen weltlichen Genüssen und weiß trotzdem noch nicht, wohin ich gehen soll. Das kann doch noch nicht die ganze Wahrheit sein, oder ...?!“
Yama freute sich über seinen wachen Schüler: „Ja, genau! Du hast es einmal bis hierher verstanden. Preya und Śreya sind zwei Straßen, die in verschiedene Richtungen führen. Im Leben musst du dich ständig entscheiden, welche Straße du nimmst. Die erste führt dich in die Dunkelheit und weg von dir selbst, die zweite bringt dich dem Licht immer näher.“ Und dann beschreibt Yama den Wagen, der auf diesen Wegen unterwegs ist, ein Streitwagen, wie wir ihn aus Monumentalfilmen wie Ben Hur (1959, neu verfilmt 2016) kennen, bespannt mit fünf Pferden:

„Der Wagen samt Gespann, Nachiketa, das bist DU!“, sagte Yama. „Der Wagen ist dein Körper. Er wird von fünf Pferden, deinen fünf Sinnen, gezogen. Deine Pferde galoppieren durch die Zeit deines Lebens, von der Geburt an bis zu deinem Tod, immer ihrer Begierde nachjagend. Der kritische Verstand, die Urteilskraft, ist der Wagenlenker. Seine Aufgabe ist es, den Wagen auf dem Weg zu halten, um nicht seitlich die Klippen hinunterzustürzen. Die Zügel, die der Wagenlenker führt, sind der Geist: deine Emotionen, dein Begehren. Der Fahrgast, welcher auch der Besitzer des Wagens ist, entspricht deinem Selbst.“
Dies ist ein wunderbares Bild, um die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins bildhaft dazustellen. Das Ziel ist, dass wir vorankommen im Leben, dass sich der Wagen bewegt. Die Pferde stehen für die fünf Sinne. Pferde sind Fluchttiere. Sie achten sehr sorgfältig auf ihre fünf Sinne: Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen. Wittert ein Pferd mit seinen Sinnen „Gefahr“, so rennt es weg. Das ist der Instinkt des Pferdes. Es weiß „von seinen Genen“, dass es ein Fluchttier ist und wegrennen soll. Wir können die Sinneseindrücke, die unsere Sinnesorgane erfassen, viel differenzierter betrachten. Wir empfinden zum Beispiel einen Geruch als angenehm, wie den Mandelgeruch von Blausäure. Unser Verstand warnt uns aber und verhindert, dass wir in einem Chemielabor diese nach Mandeln riechende Flüssigkeit trinken. Oder wir sehen in einem Supermarkt wunderbare Torten. Wir werden sie aber zum Beispiel deshalb nicht kaufen, weil unser Verstand sagt, dass sie uns einfach nicht gut bekommen. Außerdem gibt es gerade keinen speziellen Anlass, um Torte zu essen ... Unsere Hündin Luna würde die Torte sehen, riechen und fressen, die ganze Torte! Auch Emotionen, unsere Gefühle, helfen uns, die Sinneseindrücke differenzierter zu betrachten. Zum Beispiel sehen wir einen tiefen Abgrund vor uns und die Emotion Angst schützt uns davor, zu nahe heranzugehen. Nun kann es auch sein, dass man bereits einmal einen Abhang hinuntergestürzt ist. Dann wird die Emotion Angst uns davor bewahren, überhaupt auf den Berg hinaufzusteigen. Unsere Hündin Luna hat, bevor sie in unsere Familie gekommen ist, wohl schlimme Erfahrung mit Schüssen gemacht. Wenn irgendwo ein Schuss knallt, bellt sie hysterisch und zittert am ganzen Körper. Sie hat nicht den Verstand als Instrument, sich selbst zu sagen: „Das mit dem Schuss ist so lange her! Der Schuss gerade hat mit dem früheren Schuss gar nichts zu tun. Und heute kann mir ein Schuss nichts mehr anhaben!“ Aber wir Menschen haben ihn, den Verstand. Er kann die Zügel bändigen, kann die Emotionen zur Ruhe bringen und das Begehren, den Trieb, in Zaum halten.
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