Nachdem die Fasern gereinigt worden waren, klopften wir sie mit einem Holzknüppel weich, bündelten sie und hängten sie unter der Decke auf. Wenn es auf den Winter zuging, sollte die Nesselwolle gesponnen werden.
Davon sah ich nicht viel, weil auch ich zu tun bekam. Ich sollte mit meiner neuen Gouvernante lernen.
Sie war schmächtig und wortkarg und trug das Haar nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt, damit es nicht in die Augen fiel.
Mir wurde ganz ängstlich zumute, als ich sah, wie viele Bücher sie mithatte, aber es half sofort, als sie, um meine Fertigkeit im Schreiben zu überprüfen, anfing, mir das Sprichwort zu diktieren: »Wissen ist Licht …«, und wir es beide wie aus einem Mund vollenden konnten: »Unwissenheit ist Finsternis.«
Seitdem brauchte man nie mehr Angst vor ihr zu haben, denn sie schimpfte weder noch lobte sie, so beschäftigt wie sie selbst mit Lesen und Schreiben war.
Wir bedeckten die Tapeten mit Vaters großen Landkarten und mit Bildern. Innerhalb kurzer Zeit konnte ich das Gedicht von dem tapferen norwegischen Lotsen auswendig und sämtliche Städte auf der Karte aufzählen, die wie Zecken im Fell des skandinavischen Bären saßen.
Sie hatte mir erklärt, daß wir Kinder den Erwachsenen gegenüber einen großen Vorteil hätten, wir hätten, wenn es um die Aneignung von Wissen gehe, ein Klebegehirn, und das sollten wir ausnutzen, solange es Zeit sei.
Ich beschloß deshalb, mit dem Roman »Krieg und Frieden« anzufangen, wie mit Goldbuchstaben auf dem Buchrücken stand. Vater überließ ihn mir, ebenso wie er mir seine Flinte überließ, als wir das neue Jahr mit Salutschüssen begrüßten.
Ich war stolz auf meine Lehrerin, die immer ihre Meinung sagte, als Vaters alte Schulkameraden, die sich »Demokraten« nannten und aus Europa geflohen waren, Hals über Kopf auf Besuch kamen, um über Politik zu reden.
Sie war es auch, die mich und Großmutter auf die Kleidertruhe beorderte, bevor die Polizei des Zaren das Haus nach Terroristen und anderen verdächtigen Elementen durchstöberte. Als die Polizisten weg waren und die Dunkelheit hereinbrach, sah ich mit eigenen Augen, wie sie Gewehre aus der Truhe holte.
Als Ostern herankam und die Schneewehen schmolzen, wollte ich zu Nas, um zu sehen, ob ihr Brautkleid fertig sei. Es fehlten nur noch die Stickereien auf dem viereckigen Latz, auf den eine Reihe von Hakenkreuzen aus roten Perlen aufgenäht werden mußte. Ich konnte aus all den drei- und viereckigen Figuren nicht recht klug werden, doch Nas wußte ganz genau, welche davon Schwäne darstellten und welche Frösche, Bärentatzen, Hechtzähne und Fliegenpilze waren.
Als es Frühling wurde, trafen wir uns wieder hinter der Mühle. Die ganze Steppe war lichtgrün. Hier und da schimmerte weiß ein abgenagter Schafsschädel hervor. Nas hatte rotgeweinte Augen und sagte, ihr bleibe nichts weiter übrig, als von zu Hause wegzulaufen. Sie wolle sich nicht in all und jedem nach andern richten, bloß weil sie ein Mädchen sei. Großmutter habe gesagt, sie müsse nun zusehen, daß sie Nas versorgt bekomme, denn sie selbst sei nun so alt geworden, daß sie jeden Augenblick sterben könne. Nas sagte, in der Nähe der Mühle gebe es einen Birkenwald, wo sie und ich von Kräheneiern und Kräutern leben könnten.
Um keinen Verdacht zu erregen, machten wir uns mit zwei Dungkörben auf den Weg. Bei einem der Schafsschädel ließen wir die Körbe stehen und marschierten ohne sie weiter. Nie hatten wir uns so frei gefühlt. Es war, als würden wir vom Wind vorwärtsgetragen. Wir gingen und gingen, doch die Birkenwipfel blieben ständig gleich weit entfernt. Die Sonne brannte inzwischen unerträglich auf unsere Scheitel herab. Wir hatten längst die Kekse gegessen und die vergorene Stutenmilch getrunken, die wir mitgenommen hatten. Als wir den Wald erreichten, stand die Sonne schon tief. Dort gab es massenweise violette und gelbe Blumen, aber keine Wege. Nas ging voran und suchte nach Wasser. Wir liefen auf irgendwas Blaues zu, das zwischen den Stämmen schimmerte. Wir kamen aus dem Wald heraus, und es zeigte sich, daß das Blaue kein Wasser war, sondern ein Meer von Vergißmeinnicht. Außerhalb des Waldes wehte ein kalter Wind, und es roch streng nach Wildgänsen. Nas sagte: »Die Vögel haben hier im Moor warten müssen, bis das Eis auf dem Ob aufgebrochen war.«
Meine weißen Schuhe waren pitschnaß geworden, und ich dachte nur noch daran, wie wir wieder nach Hause kämen.
Nas kletterte auf einen Baum und rief zu mir runter, daß ein Charaban mit Vater und Mutter und Panotschek über die Steppe fahre. Ich stürzte ihnen entgegen. Es war nicht auszuhalten, wie mich Vater und Mutter ansahen. Schniefend erzählte ich, warum wir ausgerissen waren. Ich mußte versprechen, es nie wieder zu tun, und Panotschek versprach, allen Freiern, die sich je in Nas’ Nähe wagen sollten, den Hals zu brechen.
Wir wollten an den Karatschi-See in die Sommerfrische fahren, als Panotschek von der Mühle herüberkam und bat, Vater sprechen zu dürfen. Daß er etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte, sah man daran, wie er dastand und die Mütze zwischen den Händen drehte.
Vater holte ihn ins Büro, und bald darauf hörte ich Vater ausrufen: »Aber Panotschek, das kann doch nicht wahr sein!« Als Panotschek weg war, ging Mutter ins Büro und blieb lange dort drinnen, und später paßten Mutter und Vater auf, daß sie nicht über Panotschek sprachen, wenn ich dabei war. Ich erfuhr das Ganze aber doch in der Küche. Panotschek wollte sich mit Nas verheiraten, und deshalb sollte er mit ihr ein Kind haben. Sie waren alle miteinander unzufrieden mit Panotschek, besonders Darja, die ihn doch sonst so gern mochte.
Vater regelte es so, daß die beiden zur Mühle meines Onkels hinüberziehen sollten, wo mehr Platz war und wo sie sich Ziegen und Hühner halten konnten. Er gab ihnen ein Pferd mit. Wir schmückten es mit all den Blumen, die wir in der trocknen Steppe auftreiben konnten. Die Alte setzte sich auf den Kutschbock. »Na, bist du nun zufrieden?« rief mein Vater zu ihr rauf. Sie sah zu ihm runter und kaute weiter auf ihrem mit Harz vermischten Tabak. Mit einemmal kam Bewegung in ihr Gesicht. Die Runzeln, die sonst von oben nach unten verliefen, legten sich plötzlich quer. Sie grinste über das ganze Gesicht. Das war das erstemal, daß ich sie lachen sah.
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