Langsam schritt sie durch die Zimmerflucht zurück. In der wurde jeden Morgen abgestaubt und aufgefegt. Aber trotzdem war ihr, als hingen Spinnweben in den Ecken der hohen Räume — ein Hauch der Vergangenheit und der Vergänglichkeit überall . . .
Sie blieb stehen und dachte sich: ,Sonst warnt man alte Männer, sich noch Häuser zu bauen, damit das Schicksal nicht gereizt wird und sie belehrt, dass wir nur Gäste auf der Erde sind. Aber er war doch noch jung! Wir hatten doch noch ein Recht auf Glück . . .‘
Es schien ihr so lang, diese drei Witwenjahre. Und doch: es war nichts in dieser Zeit verblasst. Sie hatte seine Gestalt festgehalten. Sie sah ihn vor sich, an ihrem letzten Geburtstag, den sie zusammen feierten. Da waren nicht so viele Blumen auf dem Tisch wie heute. Keine Fremden drängten sich heran. Aber seine Gaben lagen auf dem weissen Tuch. Er war da und seine Liebe . . .
Dies Schweigen umher . . . Draussen die tiefe, vornehme Stille dieses letzten Ausläufers des Tiergartenviertels. Sie wollte ja nichts von der Welt da draussen. Sie verschloss sich vor ihr. Aber sie fröstelte doch. Ein Gefühl unendlicher Einsamkeit durchkältete sie. Der Anblick dieser vielen toten, meist von Licht und Lachen erfüllt gewesenen Räume lastete auf ihr. Sie musste sich zu sich flüchten. Dort, am Eingang zu dem kleinen weissen Musiksaal, stand ihr alabasternes Ebenbild und lud sie ein, und sie ging und betrat ihr Reich.
Ihre Stimme, dieser glockenhelle, machtvolle Sopran, hätte ihr mit Leichtigkeit den Weg in den Konzertsaal geebnet, wenn sie, die Tochter aus reichem Hause, darauf angewiesen gewesen wäre. Das ganze Elternhaus lebte ja von Musik, sie selber auch. Sie setzte sich an das Klavier, träumerisch verschlungen klangen die Weisen. Sie sang halblaut mit, die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt. Ihr Antlitz sah auch jetzt, bei geöffnetem Munde, schön aus. Die Züge hatten nun etwas Leidendes, Sehnsüchtiges, Weltentrücktes. Sie glichen denen einer jugendlichen Mater dolorosa. Aus ihrer Stimme sprach ein anderer Mensch als sonst im Leben. Leidenschaft statt der Kühle.
„Was weckst du der Wala Schlaf . . .?“
Es klang wie eine Klage. Geheimnisvoll. Bang abwehrend . . . Was drang da alles von aussen herein, rüttelte an den Pforten der Seele, begehrte Einlass? Und innen stand doch nur ein Sarg. Begrabene Liebe . . .
Sie trieb im Meer der Töne wie ein Schwimmer draussen auf den weiten Wellen. Das war dies wunderbare Gefühl der Uferlosigkeit, der Abgrundtiefe unter sich — ein Selbstvergessen. Sie wunderte sich nicht, als sie endlich die Hände von den Tasten sinken liess, dass der halbe Vormittag vergangen war. Sie stand auf. Sie war jetzt ganz gefasst. Aus ihrem Musiksaal kam sie beruhigt, wie aus der Kirche.
An dem grossen Empfangszimmer vorbeigehend, hörte sie innen die Stimme ihres künftigen Schwagers. Sie kannte dies heitere Lachen. Sie hörte, wie der Hauptmann Bankholtz zu ihrer Schwester sagte: „Ja natürlich, Maus . . . in den nächsten Wochen werde ich ja mit Gottes Hilfe in die preussische Armee zurückversesst . . . ich hab’ die Sandbüchse da unten in Südwest nach vier Jahren nu auch allmählich dicke . . .“
„Dann wollen wir jedenfalls noch vor Weihnachten heiraten!“
„Hoffentlich, ich kann mir nur die neue Garnison nicht herzaubern!“
„. . . wir heiraten doch vor Weihnachten!“
„Sobald wir ein Heim haben! Du hast hier eines! Ich hab’ es vorläufig noch nicht!“
„Ich noch weniger! Ich will hier heraus!“
Das klang heftig und entschlossen, ganz anders, als die heitere blonde Gisela sonst sprach. Ihre Schwester wollte eben aus dem Nebengemach zu ihr hinein, da hörte sie ihren eigenen Namen: „Du weisst nicht, was das heisst, mit Gabriele zusammenleben!“
„Na — sie beisst doch nicht!“
„Das nicht! Sie ist in ihrer Art immer gut und nett. Sie meint es nicht so. Aber sie erdrückt einen förmlich. . . .“
„Wieso denn?“
„Ja, nicht mit Gewalt! Ganz unmerklich! . . . Du siehst es ihr so nicht an, aber sie ist ein ganz unbeugsamer Mensch — war’s immer. Sie gibt anderen nicht ein Haarbreit nach! Also müssen wir fortwährend Opfer bringen . . .“
„Zu mir ist sie immer liebenswürdig!“
„Freilich! Wen sie gern hat . . . Sie hat auch mich gern — Mama — jedermann! Sie ist gar kein böser Charakter. Sie biegt sich die Leute nur eben in aller Sanftmut zurecht, wie sie sie haben will . . .“
„Komisch!“
„Sie weiss es immer durchzusetzen, dass sich alles um sie dreht! . . . Ganz lächelnd, ganz selbstverständlich! Ich glaub’, es kommt ihr gar nicht voll zum Bewusstsein. Aber ich hab’ das satt! . . . Ich will jetzt einmal etwas für mich sein . . .“
Gabriele Lünhardt wandte sich ab, um nicht mehr zu hören. Auf ihrer niederen weissen Stirne standen drei unmutige Querfalten zwischen den dichten, dunkelblonden Augenbrauen. Sie war eigentlich mehr erstaunt als erzürnt. Was war das für ein dummes Gerede? Sie, die keiner Fliege etwas zuleide tat — die jeden Menschen nach seiner Fasson selig werden liess — und nun dies alberne Mädel . . .
,Die war eben verliebt! Wer da nicht ewig mit ihr mithimmelte, erschien ihr teilnahmlos.‘ Die junge Witwe war schon wieder versöhnlich gestimmt. Sie war von Natur weitherzig. Sie trug nicht leicht etwas nach, am wenigsten dem blonden Schaf da drüben. Durch die Türe vernahm sie, wie der Hauptmann vergnügt sagte: „Warum seid ihr denn dann zu ihr ins Haus gezogen, du unkluger Schatz?“
„Weil sie’s so gewollt hat!“
„Aber du und die Mama hättet es doch gar nicht nötig gehabt!“
„Wenn Gabriele was will, dann geschieht’s! Sie möchte als Witwe nicht allein sein. Also mussten wir kommen! Das verstehst du eben nicht . . .“
„Nun — weiss Knöppchen nicht!“ lachte der Schustztruppler und sprang bei Gabrieles Eintritt eilig auf. Sein krebsrot gebranntes, lustiges Gesicht mit dem weissblonden Schnurrbärtchen und dem stoppelkurzgeschnittenen Haar war rundlich, die breitschultrige Gestalt beinahe zu voll für die kleidsame graue Felduniform. Er strotzte von Gesundheit und Lebenslust.
„Guten Tag! Und herzlichen Glückwunsch, liebe Schwägerin!“
„Guten Tag!“ sagte die junge Frau kühl. „Schönen Dank für die Blumen!“ Sie hatte sich noch nicht entschliessen können, den demnächstigen Verwandten ,Du‘ zu nennen. Sie war abwehrend gegen ihn wie gegen alle Männer, obwohl doch gerade dieser am allerwenigsten Absichten auf sie hatte. Immerhin gab sie ihm freundlich die Hand. Das Konventionelle in ihrem Dasein trat jetzt deutlich hervor. Man fühlte, dass sie dieses etwas leere und zerstreute Lächeln für jeden übrig hatte. „Sie wollen schon gehen?“ frug sie im Ton oberflächlichen Bedauerns.
Der Hauptmann Bankholtz hatte seiner breitrandigen Schlapphut ergriffen.
„. . . Höchste Zeit, dass ich mich beurlaube! Wir zanken uns schon seit einer Stunde, mein künftiges Hauskreuz und ich . . . aber alles in Liebe und Güte, wie der Pastor sagt . . . ich habe nur noch eine dringende Bestellung auszurichten: Herr von Ostönne ist zurzeit im Lande, hier in Berlin . . . Sie kennen ihn . . .“
„Persönlich nicht!“
„Freilich: er war ja nun sieben Jahre ununterbrochen drüben in Ostafrika . . . gesegnete Konstitution . . . na . . . seine Plantagen liegen ja auch oberhalb der Fieberzone . . .“
„Mein seliger Mann hat mir natürlich viel von ihm erzählt!“
„Ja! Man wird selten zwei so dicke Freunde finden, wie die beiden waren! Na . . . Ostönne ist nun also mit Gottes Hilfe hier . . . hat mich auch aufgesucht . . . als alten Zeltkameraden von Anno Tobak. Und wie er hörte, dass ich Ihr Schwager in spe sei, hat er mich gebeten, bei Ihnen anzufragen, ob er Ihnen seine Aufwartung machen darf . . .?“
Читать дальше