– Wo bist Du denn gewesen?
Er antwortete mit gedämpfter Stimme:
– Ich bin auf dem Telegraphenamt gewesen wegen einer dringenden Depesche.
Frau von Marelle näherte sich ihm:
– Nicht wahr, Liebling Sie bringen mich nach Haus? Sie wissen, daß ich nur unter der Bedingung soweit hergekommen bin.
Dann wandte sie sich zu Magdalene:
– Du bist doch nicht eifersüchtig?
Frau Du Roy antwortete langsam:
– Nein, nicht allzusehr!
Die Gäste gingen. Frau Laroche-Mathieu sah aus wie ein kleines Dienstmädchen aus der Provinz. Sie war die Tochter eines Notars, und Laroche hatte sie geheiratet, als er selbst noch ein armer Advokat gewesen.
Frau Rissolin war eine alte Dame und trat mit einer gewissen Prätention auf, sie machte den Eindruck einer ehemaligen Hebamme, die ihre Bildung aus der Leihbibliothek hat.
Die Vicomtesse blickte auf sie herab, ihr »Sammetpfötchen« berührte nur unwillig diese gemeine Hand.
Als Clotilde in Spitzen gehüllt an der Flurthür stand, sagte sie zu Magdalene:
– Dein Diner war reizend. Du wirst bald den ersten Politischen Salon in Paris haben.
Sobald sie mit Georg allein war, umarmte sie ihn:
– Ach mein süßer Liebling, ich liebe Dich täglich mehr.
Die Droschke schwankte wie ein Schiff:
– Ach so wie unser Zimmer ist das nicht.
Er antwortete:
– O nein. – Aber er dachte an Frau Walter.
Inhaltsverzeichnis
Der Dreifaltigkeitsplatz lag beinahe menschenleer in der brennenden Julisonne da. Eine drückende Hitze lastete auf Paris, als ob die Luft von dort oben schwer, brennend auf die Stadt herab gefallen wäre, eine dicke kochende Luft, die weh that einzuatmen.
Die Kaskaden vor der Kirche plätscherten nur leise, als wären sie müde zu laufen, auch schlaff und weich und die Flut in dem Bassin, in dem Blätter und Papierfetzen herumschwammen, sah grünlich, dick und schlammig aus.
Ein Hund war über den steinernen Rand gesprungen und badete sich in dem zweifelhaft reinlichen Wasser. Ein paar Leute die auf den Bänken des runden kleinen Gartens saßen, der an dem Portal liegt, sahen dem Tier fast neidisch zu.
Du Roy zog die Uhr. Es war erst drei. Er kam eme halbe Stunde zu früh.
Er lachte als er an das Stelldichein dachte. »Die Kirchen sind bei ihr zu allem gut,« sagte er sich. »Sie trösten sie, daß sie einen Juden geheiratet hat, geben ihr in der politischen Welt das Ansehen, als wehrte sie sich dagegen, heben sie in den Augen der guten Gesellschaft und dienen ihr bei galanten Abenteuern. Sie benutzt die Religion wie einen Entoutcas, bei schönem Wetter dient er als Stock, bei Sonnenschein als Sonnenschirm, wenn es regnet als Regenschirm, und wenn man nicht ausgeht, läßt man ihn im Corridor. Und so giebt es Hunderte die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, aber nicht wollen, daß man ihn lästert, und die ihn bei passender Gelegenheit als Vermittler benutzen. Wenn man sie in eine Chambre-garni-Wohnung lootsen wollte, so fänden sie das empörend, aber ihr Techtel-Mechtel am Fuße des Altars abzumachen, da ist weiter nichts dabei.«
Langsam schritt er am Bassin hin. Dabei sah er wieder nach der Uhr des Kirchturms, die gegen seine zwei Minuten vorging. Es war an ihr drei Uhr fünf Minuten.
Er meinte drinnen wäre es doch noch eine angenehmere Temperatur und trat ein. Die Kühle eines Kellers schlug ihm entgegen. Er atmete erleichtert auf und ging um das Schiff herum, um sich genau zu orientieren.
Ein anderer regelmäßiger Schritt, ab und zu aufhörend und wieder beginnend, klang im Hintergrund des weiten Raumes als Echo seinen eignen Schritten nach, die unter der hohen Wölbung schallten. Er war doch neugierig, wer das sein mochte, und suchte den Spaziergänger. Es war ein dicker Herr mit Glatze, der dahin schritt den Blick zur Decke gerichtet und den Hut in der Hand auf dem Rücken haltend.
Hier und dort kniete ein altes Weib und betete, das Gesicht in den Händen vergraben.
Das Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit, des Friedens packte einen hier, und das durch die Scheiben fallende gedämpfte Licht that den Augen wohl.
Du Roy fand es hier sehr mollig.
Er kehrte wieder zum Portal zurück und sah von neuem nach der Uhr, aber es war erst ein viertel. Nun setzte er sich an den Haupteingang; er bedauerte nur, nicht rauchen zu können.
Man hörte jetzt nahe am Chor, auf der andern Seite der Kirche, den langsamen Schritt des dicken Herrn.
Jemand trat ein. Georg blickte sich schnell um. Es war eine gewöhnliche Frau in wollenem Kleid, die am ersten Betstuhl in die Kniee sank und unbeweglich, die Hände gefaltet, den Blick emporgerichtet, liegen blieb.
Du Roy betrachtete sie mit Interesse. Er fragte sich, welches Leid, welcher Schmerz, welche Verzweiflung wohl dieses arme Herz zermalmten. Der Hunger sah ihr aus allen Zügen. Vielleicht hatte sie noch einen Mann, der sie prügelte, oder ein sterbendes Kind.
Er murmelte still in Gedanken:
»Ach es giebt doch viel Leid auf der Welt, und viel Unglück!« – und eine Wut gegen die unerbittliche Natur stieg in ihm auf. Dann dachte er daran, daß diese armen Menschen wenigstens meinten, daß man sich dort oben um sie kümmerte, und daß ihr Soll und Haben in den ewigen Himmelsregistern sorgfältig gebucht würde.
– Dort oben? – Wo denn?
Und Du Roy, den das Schweigen der Kirche träumen ließ, überschlug die ganze Schöpfung mit einem Gedanken und sagte vor sich hin:
– Ach ist das dumm alles!
Er fuhr zusammen. Er hatte ein Kleid rauschen hören. Sie war es.
Er stand auf und ging auf sie zu. Sie gab ihm nicht die Hand und flüsterte leise:
– Ich habe nur einen Augenblick Zeit, ich muß nach Hause. Knieen Sie neben mir nieder, daß man uns nicht sieht.
Und sie ging in das Hauptschiff und suchte eine passende sichere Stelle, wie jemand, der die Kirche genau kennt. Sie hatte ihr Antlitz hinter einem dichten Schleier verborgen und trat leise auf, so daß man ihren Schritt kaum hörte. Als sie in die Nähe des Chores gekommen war, drehte sie sich um und flüsterte in jenem gedämpften Ton, in dem man in der Kirche spricht:
– Auf der Seite ist es besser, hier wird man zu sehr gesehen.
Sie verneigte sich vor den Heiligtümern des Hauptaltars mit tiefem Kopfneigen und einer leichten Biegung des Oberkörpers, dann wendete sie sich rechts, ging wieder ein bißchen in der Richtung auf den Eingang zurück, trat dann kurz entschlossen in einen Betstuhl und kniete nieder.
Du Roy kniete im Betstuhl daneben und sobald sie unbeweglich thaten als ob sie beteten, sagte er:
– Dank! Dank! Dank! Ich liebe Sie wahnsinnig! Ich möchte es Ihnen immer sagen! Ich möchte es Ihnen sagen, wie es kam, daß ich Sie liebe, daß Sie mich gewonnen haben auf den ersten Blick. Darf ich es Ihnen einmal sagen? Ihnen mein Herz ausschütten?
Sie hörte ihm zu, in einer Stellung als wäre sie ganz versunken und hätte nichts vernommen; doch sie antwortete zwischen den Fingern sprechend:
– Ich bin ja verrückt, Sie so sprechen zu lassen, verrückt, daß ich gekommen bin, verrückt, daß ich das thue, verrückt, Ihnen Hoffnung zu lassen, daß dieses … daß dieses Abenteuer eine Fortsetzung haben könnte. Vergessen Sie alles und sprechen Sie niemals wieder mit mir davon.
Sie hielt inne. Er suchte nach einer Antwort, nach ein paar leidenschaftlichen entscheidenden Worten, aber da er seine Worte nicht mit einer entsprechenden Geste begleiten konnte, so fühlte er sich wie gelähmt.
Er begann:
– Ich erwarte nichts, ich hoffe nichts. Ich liebe Sie: Sie können thun, was Sie wollen, ich werde es Ihnen so oft sagen, so laut, so laut, so heiß, daß Sie mich endlich verstehen müssen. Ich möchte alle meine Zärtlichkeit und Liebe Wort für Wort, Stunde für Stunde, Tag für Tag hinein gießen in Ihre Seele, daß Ihre Seele ganz davon durchdrungen wird, wie eine Flüssigkeit eindringt, die Tropfen um Tropfen niederfällt, daß sie Sie milder mache, weicher, und später einmal zwänge mir zu antworten: Auch ich liebe Dich!
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