»Wie es glänzt, wie es glänzt!« sagte das Sperlingsfräulein. »Das wird wohl das Schöne sein. Piep! Hier ist es aber größer als ein Pfau!« Es erinnerte sich noch aus seinen Kinderjahren an Das, was seine Mutter als das Größte unter dem Schönen erkannt hatte. Es flog in den Hof hinunter; da war Alles außerordentlich prächtig; an die Mauern waren Palmen und Zweige gemalt; mitten im Hofe stand ein großer, blühender Rosenstrauch; er breitete seine frischen Zweige mit den vielen Rosen über ein Grab hin. Dahin flog das Sperlingsfräulein, denn es sah dort mehrere, seines Schlages. Piep und drei Kratzfüße – so hatte es das Jahr hindurch oft gegrüßt und Niemand hier hatte geantwortet; denn die einmal getrennt sind, treffen sich nicht alle Tage: der Gruß war ihm zur Gewohnheit geworden. – Heute aber antworteten zwei alte Sperlinge und ein junger mit »Piep!« und dreimaligem Kratzen mit dem linken Fuße.
»Ah! Guten Tag! Guten Tag!« Es waren zwei Alte aus dem Neste und noch ein Kleiner aus der Familie. »Treffen wir uns hier? Es ist ein vornehmer Ort, aber es giebt nicht viel zu essen. Das ist das Schöne! Piep!«
Und viele Menschen traten aus den Seitengemächern heraus, wo die prächtigen Marmorgestalten standen, und näherten sich dem Grabe, das den großen Meister barg, der die Marmorgestalten gebildet hatte. Alle standen mit verklärten Gesichtern um Thorwaldsen's Grab, und Einzelne lasen die abgefallenen Rosenblätter auf und bewahrten sie auf. Sie waren weit hergekommen: Einer aus dem mächtigen England, Andere aus Deutschland und Frankreich. Die schönste Dame pflückte eine der Rosen und barg sie in ihrem Busen. Da glaubten die Sperlinge, daß die Rosen hier regierten, und daß das Haus ihretwegen gebaut sei; das schien ihnen nun allerdings zu viel, indeß, da die Menschen alle ihre Liebe für die Rosen zeigten, wollten sie nicht zurückbleiben. »Piep!« sagten sie und kehrten den Fußboden mit ihren Schwänzen und blinzelten mit einem Auge nach den Rosen; sie hatten sie nicht lange betrachtet, da überzeugten sie sich, daß es die alten Nachbarn waren. Und sie waren es wirklich. Der Maler, welcher den Rosenbusch bei dem abgebrannten Hause gezeichnet, hatte später Erlaubniß erhalten, ihn auszugraben, und hatte ihn dem Baumeister gegeben, denn schönere Rosen hatte man nie gesehen; und der Baumeister hatte ihn auf Thorwaldsen's Grab gepflanzt, wo er als Bild des Schönen blühte und feine rothen, duftenden Rosenblätter hingab, um nach fernen Landen als Erinnerung getragen zu werden.
»Habt ihr hier in der Stadt Anstellung gefunden?« fragten die Sperlinge.
Die Rosen nickten; sie erkannten die grauen Nachbarn, und freuten sich, sie wiederzusehen. »Wie es doch herrlich ist, zu leben und zu blühen, alte Freunde wiederzusehen und jeden Tag fröhliche Gesichter! Es ist, als wäre jeder ein Festtag.« »Piep!« sagten die Sperlinge. »Ja, es sind wahrlich die alten Nachbarn; ihre Abstammung vom Teiche her ist uns erinnerlich. Piep! Wie die zu Ansehen gekommen sind. Ja, Manchem gelingt es im Schlafe! – – Ah! da sitzt ein verwelktes Blatt, das sehe ich ganz deutlich!« Und sie pickten so lange daran, bis das Blatt abfiel. Aber frischer und grüner stand der Busch da; die Rosen dufteten im Sonnenschein auf Thorwaldsen's Grabe, an dessen unsterblichen Namen sie sich anschlossen.
Inhaltsverzeichnis
Der Brunnen war tief, deshalb war das Seil lang; die Winde drehte sich schwer, wenn man den Eimer mit Wasser gefüllt über die Brunnenkante hinauf heben mußte. So klar das Wasser auch war, so reichte die Sonne doch niemals so weit in den Brunnen hinab, daß sie sich im Wasser spiegeln konnte, aber so weit sie zu scheinen reichte, wuchs Grünes zwischen den Steinen der Brunnenwände hervor.
Es wohnte dort unten eine Familie vom Krötengeschlechte; sie war eigentlich kopflings hinunter gerathen durch die alte Krötenmutter, die noch lebte. Die grünen Frösche, die weit früher hier zu Hause waren und im Wasser umherschwammen, erkannten die Vetterschaft an und nannten sie die »Brunnengäste«. Diese mochten aber im Sinne haben dort zu bleiben; sie lebten hier sehr angenehm auf dem Trockenen, wie sie die nassen Steine nannten.
Die Froschmutter war einmal gereist, war im Wassereimer gewesen, als dieser aufwärts ging, aber es wurde ihr zu licht, sie bekam Augenschmerzen, glücklicher Weise gelangte sie aus dem Eimer heraus; sie fiel mit einem entsetzlichen Plump in's Wasser und lag drei Tage darauf krank an Rückenschmerzen. Von der Welt oberhalb sollte sie freilich nicht viel erzählen können, aber das wußte sie, und das wußten sie alle, daß der Brunnen nicht die ganze Welt sei. Die Krötenmutter hätte zwar Dieses und Jenes erzählen können, aber sie antwortete niemals, wenn man sie fragte, und so fragte man nicht.
»Dick, fett und häßlich ist sie,« sagten die jungen grünen Frösche. »Ihre Jungen werden ebenso häßlich sein!«
»Das mag sein!« sagte die Krötenmutter, »aber eins von ihnen hat einen Edelstein im Kopfe oder ich habe ihn!«
Die grünen Frösche horchten und glotzten, und weil ihnen das nicht gefiel, so machten sie Grimassen und gingen in die Tiefe. Aber die Krötenjungen streckten die Hinterbeine aus vor lauter Stolz, jedes von ihnen glaubte, den Edelstein zu haben; und darauf saßen sie ganz still mit dem Kopfe, aber endlich fragten sie, was es wäre, worauf sie stolz wären und was so ein Edelstein eigentlich für ein Ding sei.
»Das ist etwas so Herrliches und Köstliches, daß ich es gar nicht beschreiben kann!« sagte die Krötenmutter. »Es ist Etwas, womit man zu seinem eigenen Vergnügen umhergeht und über welches die Andern sich ärgern. Aber fragt nicht, ich antworte nicht!«
»Ja, ich habe den Edelstein nicht!« sagte die kleinste Kröte; sie war so häßlich wie nur eine sein kann. »Weshalb sollte auch ich eine solche Herrlichkeit haben? Und wenn sie Andere ärgert, kann sie mich ja nicht erfreuen! Nein, ich wünsche nur, daß ich einmal bis an den Brunnenrand hinaufkommen und hinausschauen könnte; dort muß es reizend sein!«
»Bleibe Du am liebsten, wo Du bist!« sagte die Alte, »hier kennst Du Alles und weißt was Du hast! Nimm Dich in Acht vor dem Eimer, der zerdrückt Dich; und kommst Du auch wohlbehalten hinein, so könntest Du herausfallen; nicht Alle fallen so glücklich wie ich und kommen mit ganzen Gliedmaßen und ganzen Eiern davon!«
»Quak!« sagte die Kleine, und es war grade als wenn wir Menschen »Ach!« sagen.
Sie hatte ein zu großes Verlangen bis zur Brunnenkante hinauf zu gelangen und dort auszuschauen; sie fühlte eine zu große Sehnsucht nach dem Grünen dort oben; und als am nächsten Morgen zufällig der mit Wasser gefüllte Eimer aufgewunden wurde und einen Augenblick unterwegs grade vor dem Steine anhielt, auf welchem die Kröte saß, bebte es im Innern des kleinen Thieres, es sprang in den gefüllten Eimer, der nun vollends hinaufgewunden und ausgegossen wurde.
»Pfui Teufel!« sagte der Knecht, der den Eimer ausgoß und die Kröte erblickte. »So was Häßliches habe ich lange nicht gesehen!« Und mit seinem holzbeschuhten Fuße stieß er nach der Kröte, die beinahe verstümmelt worden wäre, sich aber doch in die hohen Nesseln hinein rettete, die am Brunnen standen. Hier sah sie Stiel an Stiel stehen, sie schaute aber auch aufwärts! Die Sonne schien auf die Blätter, die ganz transparent waren; ihr war zu Muthe wie uns Menschen, wenn wir plötzlich in einen großen Wald treten, wo die Sonne zwischen Zweige und Blätter hinein scheint.
»Hier ist es viel schöner wie unten im Brunnen! Hier möchte man sein Leben lang bleiben!« sagte die kleine Kröte. Sie blieb deshalb eine Stunde, ja zwei Stunden liegen. »Was wohl draußen sein mag? Bin ich so weit gekommen, muß ich auch versuchen weiter zu kommen!« Sie kroch so schnell als sie kriechen konnte, und gelangte auf die Landstraße hinaus, wo die Sonne sie beschien und wo der Staub sie puderte, als sie quer über die Straße marschirte.
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