Jakub Małecki - Rost

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2002 sterben die Eltern des siebenjährigen Szymek auf ihrem Rückweg in das kleine Dorf Cholny bei einem Autounfall. Sein Leben vor diesem Ereignis kippt in eine ihm scheinbar unerreichbare Vergangenheit. Schon das Leben seiner Großmutter Tosia, bei der er nun aufwächst, ist von Ereignissen geprägt, die es in Stücke rissen, das erste Mal 1939, mit dem Ausbruch des Krieges, da war sie gerade so alt wie ihr Enkel zu Beginn des Romans.
Jakub Małecki verwebt nach dem Muster einer Fuge – deren existentielle Themen Liebe, Verrat und Krieg in dunklem Moll und eindringlich zarter Sprache erklingen – das Schicksal des heranwachsenden Szymek mit den Leben der Menschen aus Tosias Vergangenheit: den Einwohnern von Cholny. Die Schicksale dieser Menschen greifen ineinander, bilden Kontrapunkte zueinander, spiegeln sich in den Generationen und bilden ein ganzes Universum aus. Aber sie alle bleiben dem Leben in Cholny mit seinen dunklen Heimsuchungen verhaftet, als erklinge aus tiefer Vergangenheit ein wirkungsmächtiger Ruf zu ihnen empor.
Mit Szymek und Tosia tauchen wir ein in das gegenwärtige Polen und hinab in seine vom Krieg gezeichnete Geschichte. Und bewiesen diese beiden Menschen nicht eine so unbedingte Kraft und Liebe, die sich im Schweigen und Handeln ausdrücken, wir könnten der Trauer um die Welt von Cholny kaum entgehen. Aber die beiden zeigen mit ihrem Eigensinn immer wieder auf, dass der Mensch Widerstand leisten kann gegen die Unbill der Wirklichkeit.
Jakub Małecki hat mit Rost ein im Licht der dörflichen Besonderheit erstrahlendes Lebenspanorama erschaffen, das aus Cholny heraus tief in unsere Welt zu leuchten vermag.

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Jakub Małecki ROST

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Rdza .

© 2017 Wydawnictwo SQN, Krakau 2017

Copyright © Jakub Małecki

Erste Auflage

© 2021 by Secession Verlag für Literatur, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Renate Schmidgall

Lektorat: Christian Ruzicska

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-verlag.com

Typografische Gestaltung: Julie Heumüller, Berlin

Satz: Marco Stölk, Berlin

Herstellung: Daniel Klotz, Berlin

ISBN 978-3-905951-98-1

eISBN 978-3-905951-99-8

Für Stach, den Unsichtbaren

Inhalt

1.2002 1

2.63 Jahre früher 2

3.2002 3

4.62 Jahre früher

5.2002

6.61 Jahre früher

7.2002–2014

8.57 Jahre früher

9.2014–2016

10.41 Jahre früher

11.2016

12.39 Jahre früher

13.2016

14.38 Jahre früher

15.2016

16.21 Jahre früher

17.2002

18.2016

1

An jenem Tag, als alles zu Ende ging, beugte er sich über die Gleise. Seine Finger waren staubig. Die Münzen legte er in eine Reihe, so dass sie sich überschnitten. Nur ein bisschen. Er rückte die zwei mittleren zurecht, machte einen Schritt nach hinten, dann wieder nach vorn, korrigierte noch einmal. Dann hob er den Kopf und schirmte die Augen ab. Der Zug kam von der Stadt her. Ein Güterzug, sehr gut.

»Komm jetzt«, sagte Budzik von hinten.

Er trat zurück und klopfte die Hände ab. Unkraut reichte ihm bis zu den Knien, das Gras wogte sanft. Er ging wieder auf den Trampelpfad und verschränkte die Arme hinterm Kopf. Sein Nacken war heiß von der Sonne.

»Vielleicht springen sie gar nicht so weit.«

Budzik nickte. Sie standen schweigend da und schauten. Die alte Lokomotive zog lauter gleiche braune Waggons hinter sich her. Es war schwül. Heiß. Wurde immer lauter.

Schließlich verkündete Budzik, im Unkraut werde er nicht suchen. In letzter Zeit bekam er Blasen von den Brennnesseln und überhaupt. Szymek hockte sich neben ihn, die Hände auf den Knien. Nur das Summen einer Hummel im Gras und das Rattern der schweren Räder waren zu hören.

Wenn er in Chojny war, kamen sie fast immer hierher. Sie brachten Metallgegenstände mit, die sie gefunden oder gestohlen hatten. Nägel, Schrauben, Münzen. Manche konnten sie danach nicht wiederfinden – unter dem Gewicht des Zuges schossen sie weit ins Gras oder Gebüsch. Doch die meisten fanden sie. Szymek hatte zwei Scharniere, die wie Schmetterlinge aussahen, viele zusammengeklebte Münzen in verschiedenen Formen, zerquetschte Schrauben und Nägel, einen gleichmäßig durchtrennten Hammerkopf, Kleckse aus zusammengeklebtem Draht und eine originell zerrissene Klinge. Am meisten liebte er ein auf dem Parkplatz vor dem Wohnblock gefundenes Kettchen, das die Lokomotive zu einer kriechenden Schlange mit rauer Haut geschmolzen hatte. Manchmal stellte er sich vor, er hätte eine Freundin und würde ihr dieses ausgefallene Teil schenken, und sie würde sich aus Dankbarkeit unsterblich in ihn verlieben. Die Sachen versteckte er in einem Baumloch in Großmutter Tosias Obstgarten. Großmutter wusste das nicht oder wollte es nicht wissen. Sicher hatte sie ab und zu bemerkt, wie er in dem alten Apfelbaum wühlte, den Arm bis zum Ellbogen im dicken Stamm.

Diesmal hatte Budzik Glück. Seine Nägel hatten sich unter der Last der Lokomotive in ein längliches, dickes Spinnennetz verwandelt. Ein Teil war gleich abgebrochen, geblieben war ein Netz, nicht größer als eine Hand. Budzik hielt die Beute unter die Sonne und schaute mit seinem Zahnlückengrinsen durch die schmalen Spalten. Von den Münzen keine Spur, sie waren weit Richtung Wald geflogen. Szymek hatte zu suchen begonnen, aber schnell aufgegeben. Ein Klebteil war nur ein Klebteil, das nächste Mal würde es klappen. Von einem fehlenden Klebteil ging die Welt nicht unter, vor allem nicht an einem Tag, wo Mama versprochen hatte, aus Warschau den neuen Asterix mitzubringen. Wer wollte an so einem Tag im Gras und in den Disteln stöbern. Alte Münzen hatte er noch ein halbes Glas. Er zuckte mit den Achseln und folgte Budzik.

Langsam gingen sie zurück und reichten sich abwechselnd den flachen Gegenstand mit den ausgefransten Rändern. Budzik sagte, eines Tages werde er alle seine Klebteile aus dem Versteck im Hühnerstall holen und auf das Regal im Zimmer legen. Was sein Vater sagen würde, sei ihm piepegal. Eines Tages werde er das tun.

Sie kamen an der Ausfahrt zur Landstraße vorbei, und Szymek hielt Ausschau nach dem blauen Uno. Er blieb stehen und wartete eine Weile in der Hoffnung, gleich würden seine Eltern hier abbiegen. Doch sie bogen nicht ab. Nur Hołowczyc flitzte in die andere Richtung, wie immer nahe an der Böschung, groß und unheimlich. Mit seinen dicken Armen schob er die Räder an und brummte etwas in seinen dichten Bart.

Szymek hoffte, die Eltern würden bald nach Hause kommen, wie versprochen, aber er kannte es bereits – bei den Eltern wusste man nie. Er war gerne bei Großmutter Tosia, doch an diesem Abend würde Bugs Bunny im Fernsehen laufen, und er hatte noch viel zu tun. Daheim erwartete ihn das langweilige Prozedere mit den Fischen: Lebendfutter aus der Tiefkühltruhe, ein bisschen trockenes aus der Tüte, Heizstab und Filter abwischen, Wasser nachgießen. Aber das Wichtigste: das Ausmalen der Kühe.

Die Kühe brachte Papa von der Arbeit mit. Sie standen auf riesigen Papierbögen, in einem kleinen Rahmen in der linken oberen Ecke. Eine Seite, die andere Seite und der dreieckige Kopf von vorne. Geister von Kühen, dünne Umrisse ohne Flecken, denn die musste man selbst ausmalen. Papa zeichnete sie auf der Arbeit ein und markierte die Stellen, die schwarz sein sollten, mit einem Kreuzchen. Szymek setzte sich an den Schreibtisch, knipste die Lampe mit dem roten Metallschirm an und malte die Flecken sorgfältig mit seinem Filzstift aus. Wenn er sich vertat, musste er das ganze Blatt mit der Kuh noch einmal machen. Entschlossen bewegte er den Stift über das Fell der Tiere und belebte eins nach dem anderen. Fast nie fuhr er über die Linien hinaus: Er war sieben Jahre alt und hatte in seinem Leben schon Hunderte von Kühen ausgemalt.

Bugs Bunny lief um 18.00 Uhr, es wäre also am besten, die Kühe schon vorher zu erledigen. Dann könnte er Mama in der Küche von den schönsten Stellen des Zeichentrickfilms erzählen. Sie wäre bei den Töpfen, an der Spüle oder mit der Backhaube beschäftigt, er würde an dem quadratischen Tisch neben dem Zeitungsstapel auf der kleinen Eckbank sitzen, den Kopf an die Holzverkleidung gelehnt, und minutiös die Abenteuer von Bugs Bunny und den anderen Helden wiedergeben. Mama lachte immer, auch wenn die Geschichten gar nicht so lustig waren.

Doch es könnte sich herausstellen, dass die Kühe zu viele wären und er sie vor dem Film nicht alle schaffen würde. Dann müsste er ein paar für später übriglassen, was bedeutete, dass nach dem Baden weniger Zeit für Asterix wäre, und Asterix muss man auf einmal lesen, das weiß ja jeder. Alles hing davon ab, wie viele Kühe Papa bringen würde. Mittwochs waren es in der Regel die meisten, denn da hatte er das größte Gebiet, aber es kam auch vor, dass er an einem Freitag mit einem großen Stapel ankam. Und die jetzigen wären ja vom Freitag: Die Eltern waren gleich nach der Arbeit nach Warschau zu einem Konzert gefahren. Szymek beschloss, wenn es sehr viele Kühe wären, würde er es riskieren, Asterix im Bett, unter der Decke zu Ende zu lesen – er hatte ein Lämpchen in Form eines Kugelschreibers, von Onkel Roch; die Eltern erlaubten zwar nicht, es nachts zum Lesen zu benutzen, aber Asterix war eben Asterix, mit dem würde er ja nicht bis zum Morgen warten.

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