Was mein eigenes Verständnis von Lebensläufen und Lebenskrisen betrifft, so habe ich es zunächst den Menschen zu verdanken, die als Ratsuchende zur Biographieberatung kommen. Im Gespräch mit ihnen kann, wenn es gut geht, dieses Element der Überraschung auftauchen. Es entsteht dann plötzlich eine Perspektive auf die aktuelle Lebenskrise, auf den Lebenslauf selbst, die zuvor keinem der Gesprächspartner bewusst gewesen ist.
Sodann gehe ich bei meiner Arbeit von einem anthroposophischen Menschenbild aus – so wie ich es eben verstehe. Es ist nach meiner Kenntnis das modernste und differenzierteste Menschenbild, das die geistige Sphäre des Menschen einbezieht. Dabei fühle ich mich folgenden Autoren verbunden: Bei Rudolf Frieling, dem christlichen Gelehrten und Pfarrer, lerne ich die Genauigkeit der Phänomenbetrachtung, das Ernstnehmen des »Textes«, hier: der biographischen Phänomene, so wie sie sich eben darstellen. Bei Friedrich Weinreb, dem jüdischen Gelehrten und Mathematiker, lerne ich das Denken in Zwischenräumen. Weinreb hat, anknüpfend an die kabbalistische Tradition, immer wieder die Wirkung der Sphäre des Geistigen bis ins Buchstäbliche und Tägliche hinein gezeigt und verständlich gemacht, wie das Wesentliche und Eigentliche zwischen den Dingen liegt. Für das Lernen bei Frieling wie bei Weinreb wie aber auch bei allen anderen Autoren, die ich heranziehe (Viktor Frankl, Bernard Lievegoed, Hans Schauder), gilt, dass man ihre Arbeit und ihr Denken nicht einfach übernehmen kann. Man muss etwas Eigenes daraus machen. Und insofern ist das Buch, wenngleich mitgeprägt von den genannten Menschen, doch wieder subjektiv, persönlich und damit einseitig. Es gibt nur meine derzeitige Sicht der Dinge wieder, und insofern kann es sich nur um einen Werkstattbericht handeln.
Von da aus ergibt sich mir auch die Berechtigung, nicht alles hier in Frage Kommende in Vollständigkeit darstellen zu müssen. Vieles ist unvollständig. So hatte ich auch nicht das Bedürfnis, zu den einzelnen Themen jeweils alles zu referieren, was man darüber anderswo nachlesen kann. Zum Beispiel behandeln die Kapitel über den Doppelgänger nur einige Aspekte dieses Themas. Selbstverständlich ist es sinnvoll, dazu all das Umfangreiche nachzulesen, was man diesbezüglich bei Rudolf Steiner und in der sonstigen anthroposophischen und nicht-anthroposophischen Literatur nachlesen kann. Der Charakter des Werkstattberichts mag es auch akzeptabel machen, dass in diesen Beiträgen zur Biographik ausgerechnet Ausführungen über karmische Zusammenhänge fehlen. Dies liegt daran, dass für mich dieser zentrale Themenbereich in der Praxis kaum handhabbar ist. Und ein bloßes Referieren von dazu vorhandener Literatur erschien mir nicht sinnvoll.
Erwähnen möchte ich noch, dass eine weitere Quelle meiner biographischen Verständnisbemühungen die – durch keinerlei kunstwissenschaftliche Vorbildung getrübte – Auseinandersetzung mit Werken der modernen Kunst ist. In der jahrelangen Beschäftigung mit dem Werk etwa Alexej Jawlenskys, Camille Claudels, Phillip Glass’, Béla Bartóks oder Wilhelm Lembrucks habe ich, so scheint es mir, mehr über die menschliche Entwicklung und das Lebenslabyrinth gelernt als im Studium der Psychologie. Zu solcherart fruchtbaren Kunstwerken zähle ich neben dem schon erwähnten Film Orlando (die Buchvorlage von Virginia Woolf hat einen anderen Akzent als der Film) auch den Film Le Bal, der davon erzählt, wie rätselhaft gleich man sich doch über die Jahre, Jahrzehnte und über die verschiedenen Erdengänge bleibt – bei allem Weiterschreiten, bei aller Entwicklung.
Dankbar für das anhaltende Interesse der Leser und mit Unterstützung durch den Verlag Johannes Mayer, Stuttgart, bringe ich dieses Buch in einer leicht überarbeiteten und um vier Kapitel erweiterten Fassung neu heraus.
Im Januar 2001
Mathias Wais
Coming
I am coming! I am coming!
I am coming through!
Coming across the divide to you
In this moment of unity
Feeling an ecstasy
To be here, to be now
At last I am free
Yes at last, at last
To be free of the past
And of a future that beckons me
I am coming! I am coming!
Here I am!
Neither a woman, nor a man
We are joined, we are one
With a human face
We are joined, we are one
With a human face
I am on earth
And I am in outer space
I’m being born and I am dying
Sally Potter,
Schlussgesang aus Orlando
1
Das Zukunftselement in heutigen Schicksalen und die biographische Krise
Unter welchem Gesichtspunkt wird man einen Lebenslauf sinnvollerweise betrachten? Zunächst scheint es nahezuliegen, den schon abgeschlossenen Lebenslauf etwa einer Künstlerpersönlichkeit aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts oder den sich gerade entfaltenden Lebenslauf eines Zeitgenossen unter einem historischen Gesichtspunkt anzuschauen: Wie ist alles geworden? Wie kam der Künstler zu seiner Malweise, mit welchen Stilrichtungen hatte er Berührung, mit welchen Kollegen sich auseinandergesetzt, aus welchem persönlichen Erleben hat er ein bestimmtes Thema in seinen Bildern immer wieder aufgegriffen? Oder: Wie kommt es, dass mein Nachbar nicht verheiratet ist und allein in dem großen Haus wohnt? Welche Beziehungserlebnisse haben ihn dazu gebracht? Wie war das mit seinen Eltern? Was haben sie ihm hinsichtlich der Belastbarkeit von Beziehungen vorgelebt?
So könnte man fragen. Das wäre eine historische Frageweise: Wie ist es dazu gekommen, dass es jetzt so mit meinem Leben steht? Man stellt, wenn man historisch fragt, die Frage nach der Ursache, nach der Verursachungskette. Wieso ist es so, wie es ist? Und man sucht die Ursachen in der Vergangenheit.
Es war eines der großen Verdienste der Psychoanalyse, dass sie kausale Zusammenhänge zwischen Erwachsenenleben und Kindheitserlebnissen aufzeigen konnte. Mittlerweile gehört es zum allgemeinen Bildungsgut, seelische und zwischenmenschliche Gegebenheiten kausal-logisch anzuschauen: Weil mein Vater mich damals nicht ernstgenommen hat, deshalb traue ich mir heute nichts zu. – Weil der Maler X zwei Jahre die Malschule von Y besuchte, deshalb hat er später diesen Malstil entwickelt.
Seit rund hundert Jahren scheint die historische Betrachtungsweise zunehmend nicht mehr auszureichen, um Lebensläufe zu verstehen. Diese kausal fragende, nach einer Verursachungskette fragende Sicht hat sich als richtig und wichtig herausgestellt. Aber sie kann nur begrenzt sichtbar und verstehbar machen, wie sich der moderne Mensch in seinem Lebenslauf individualisiert.
Lebensläufe waren bis in die jüngste Vergangenheit, von einigen Ausnahmen – Künstlern insbesondere – abgesehen, nur wenig individuell. Sie waren vor allem typenhaft und vorgezeichnet. Sie waren auch gar nicht dazu geeignet, in ihnen so etwas wie Individualisierung zu suchen. Und weil sie hauptsächlich typenhaft, gruppenhaft, klassen- oder ständetypisch waren, war ihr Ablauf aus der Vergangenheit bestimmt: aus den althergebrachten Werten und Traditionen. – Wieso bist du ein Schuster? – Weil mein Vater ein Lederhändler war. – Wieso hast du diesen Mann geheiratet? – Weil unsere Eltern befreundet waren und nebeneinander wohnten.
Insofern ein solcher Lebenslauf »typisch« ist und man, vor allem, »Typisches« in ihm erwartet, reicht die historische Betrachtungsweise aus. Insofern aber seit dem 20. Jahrhundert Lebensläufe immer mehr das Typische verlieren und zunehmend Individualisierung im eigenen Lebenslauf gesucht wird, braucht es noch einen weitergehenden Gesichtspunkt, wenn wir einzelne Biographien in ihrer individuellen Gestaltung verstehen und sie beratend begleiten wollen.
Biographiearbeit, Biographieberatung ist in den letzten Jahren nicht entstanden, um bessere Erklärungen für einzelne Lebensläufe zu finden, sondern aus dem Wunsch heraus, Biographien als etwas Zielgerichtetes anschauen zu können. Es wuchs das Bedürfnis nach einer Sichtweise oder Haltung, die es erlauben würde, Biographien auf ihre Sinnhaftigkeit befragen, miterleben und beratend begleiten zu können.
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