Onkel Zé räkelte sich genauso gemütlich auf dem Sessel wie wir, wenn wir auf dem Liegestuhl lagen, ein Besuch, der sich nicht wie Besuch benahm. Die Neuigkeiten aus dem Mutterland klangen aus Onkel Zés Mund noch seltsamer, sein Zischen 15war viel stärker als das von Vater und Mutter. Die Soldatenstiefel von Onkel Té schlugen gegen das polierte Tischchen und ließen die Wasserschale wackeln, in der ein Drachenbäumchen prächtig gedieh, Mutter schimpfte erneut mit Onkel Zé, wenn du dich angekündigt hättest, hätten wir dich vom Schiff abgeholt. Wir bemerkten gleich, dass Onkel Zé nicht wie die anderen Soldaten war, er schloss die Augen, wenn er Limonade trank, manchmal klimperte er mit den Augenlidern, er beschwerte sich, weil die Feuchtigkeit sich schwer auf seine Lungen lege und seine Haut verfaulen lasse und weil die Hitze seine Sicht trübe. Die anderen Soldaten redeten nicht so, außerdem waren die Lippen von Onkel Zé wie ein Herz geformt, genau wie Mutters Lippen, was für ein schöner Mann du geworden bist, sagte Mutter zu ihm, Vater lässt es nie zu, dass Mutter mir sagt, ich sei hübsch, Männer wollen nicht hübsch sein, aber Onkel Zé lächelte dankbar und wurde sogar rot wie die Mädchen, Männer dürfen nicht rot werden.
Als die beiden das Paket aus dem Mutterland öffneten, sahen meine Schwester und ich zum ersten Mal Kirschen, sie lagen alt und vertrocknet in einer mit Stroh ausgelegten Schachtel. Mutter aß die Kirschen mit so viel Genuss, dass meine Schwester und ich glaubten, sie müssten die köstlichsten Früchte der Welt sein, es gibt nichts, was so gut ist wie Kirschen, sagte Mutter immer wieder, doch sie irrte sich, es gibt wohl nichts, das so unköstlich schmeckt wie Kirschen. Onkel Zés Soldatenstiefel hinterließen Streifen auf dem Nappaleder des Sessels, die Mutter am nächsten Tag mit flüssigem Paraffin entfernte. Als Vater von der Arbeit kam, fuhren wir zum Baleizão 16, um die Ankunft von Onkel Zé zu feiern, Vater schaltete das Autoradio ein, wir drehten die Fensterscheiben herunter, denn die Pretos wagten es noch nicht, sich den Autos zu nähern, um uns auszurauben, der Himmel war so orange-farben, dass Onkel Zé meinte, er habe noch nie eine so große Glut gesehen, Ob-la-di, ob-la-da , Mutter mit einem weißen Turban auf dem Kopf, und Onkel Zé sagte zu ihr, sie sei genau so fein wie die Frauen in Lissabon, Ob-la-di, ob-la-da , das konnte nur eine Lüge sein, wie hätte Mutter einer Frau aus Lissabon ähnlich sehen können, wenn sogar die Nachbarinnen sich darüber lustig machten, wie sie sich kleidete.
Als es dunkel wurde, sagte Onkel Zé, die Nacht komme hier so schnell, dass es wirke, als hätte jemand das Licht am Himmel ausgeschaltet. Wir saßen an einem Tisch und unterhielten uns, Onkel Zé bestellte Bier, wie kann man nur diese Hitze abkühlen, die warmen Brötchen mit Schinken rührte er nicht an, auch nicht die Cassatas, die Vater für alle bestellt hatte. Es wurde spät, die Kleinen müssen morgen in die Schule, Vater bot Onkel Zé an, ihn mitzunehmen, doch der lehnte ab, er nahm sich ein Taxi, es war ein guter Tag gewesen, trotz des Geruchs, den Onkel Zés Uniform verströmte, und trotz seiner seltsamen Art. Er war schon fast im Taxi, als er noch einmal zurückkam und Mutter erneut umarmte, Sehnsucht, viele Jahre, das war verständlich. Nur, dass Onkel Zé zu weinen begann, ein Mann weint nicht, noch dazu ein Soldat, und noch dazu schluchzend wie ein kleines Kind, Vater versuchte, sie zu trennen, doch Onkel Zé ließ nicht los, er weinte mit dem Gesicht in Mutters Halsbeuge und der Tätowierung Angola 1971 uns zugewandt, bis der Taxifahrer es leid war zu warten und hupte.
Dann begann die Zeit der Briefe aus Quitexe 17. Sobald einer eintraf, erzählte Mutter den Nachbarinnen davon, während sie Tischdecken oder Einsätze für Bettlaken häkelten. Schon bald machten die Buschabenteuer von Onkel Zé ihn zu einer Art Tarzan von Quitexe. Die Nachmittage im Viertel waren eintöniger als die Nachmittage irgendwo anders, einschließlich der Nachmittage in Krankenhäusern, Gefängnissen und sogar bei den Toten auf den Friedhöfen. Der Horizont der Nachbarinnen war so eng wie ihr eigenes Viertel, in allem suchten sie nach Ablenkung, in ungeschickten Fahrern, denen es nicht gelang, auf Anhieb richtig einzuparken, in Hausiererinnen, die ihre Frucht am lautesten anpriesen, alles Mögliche diente den Nachbarinnen dazu, die Nachmittage schneller verstreichen zu lassen, doch die Abenteuer des Tarzans von Quitexe zu hören war unvergleichlich, sofern sie nicht von Schlägereien oder aufgeschlitzten Weißen handelten.
Eines Tages traf wieder ein Brief ein. Nachdem Mutter ihn gelesen hatte, legte sie sich aufs Bett, nicht einmal die Spitzendecke hatte sie zuvor zurückgeschlagen. Sie weinte, während der Deckenventilator auf Maximum lief. Nach jenem Tag gab es nie wieder Abenteuer des Tarzans von Quitexe. In dieser Zeit war Tarzan ohnehin aus der Mode gekommen, sogar im Kino. Meine Schwester und die anderen Mädchen schwärmten für den müden Joe 18. Ich und meine Freunde wollten wie der müde Joe sein, doch es war schwierig, in Luanda den Stil eines Cowboys zu imitieren. Es war die Zeit, in der ich es am meisten genoss, blaue Augen zu haben. Nicht, dass sie denen vom müden Joe ähnlich gewesen wären, doch sie hatten zumindest dieselbe Farbe. Sogar die verheirateten Frauen seufzten, wenn sie von den Augen des müden Joe sprachen, die blauer waren als die Lagune von São João du Sul, von welcher Mutter ein Foto mit Seerosen und Flamingos besaß.
Seit dem Nachmittag, als Mutter sich zum Weinen ins Schlafzimmer einschloss, verursachte jeder Brief, der aus Quitexe eintraf, dieselbe Reaktion bei ihr: Mutter auf dem Bett, während der Deckenventilator ihr die Tränen trocknete. Einmal holte Vater mich von der Schule ab und hielt auf dem Rückweg unter der Mulemba 19, bevor wir das Haus erreichten. Er reichte mir einen Brief von Onkel Zé, kein Wort davon zu deiner Schwester, Mädchen verstehen die Dinge anders. Es wurde gerade dunkel, die Luft war voller Moskitos, du hast bestimmt schon mitbekommen, was los ist, keine Uniform der Welt kann das bemänteln, was dein unseliger Onkel ist. Der Brief war voller Anspielungen, doch es genügte, um zu verstehen, dass Onkel Zé wie die Jungen war, die im Schulklo dabei erwischt wurden, wie sie Schweinereien miteinander machten. Nur, dass Onkel Zé kein Junge mehr war und außerdem Mutters kleiner Soldatenbruder. Die Moskitos stachen mich, ich wollte nur, dass Vater aufhörte zu reden und mich nach Hause brachte, doch er war nervös und wollte viele Dinge sagen, ich will, dass du mir Bescheid sagst, falls Onkel Zé komische Sachen zu dir sagt oder dir ganz nah kommt. Die Sonne muss Vaters Haut so zäh gemacht haben, dass die Moskitos ihn nicht mehr beißen können, er zündete sich eine Zigarette an, ich verspürte einen solchen Drang, mich zu kratzen, doch Kratzen ist was für Mädchen, Männer müssen auf alles vorbereitet sein, und ein Moskito wird einen Mann nicht dazu bringen, sich wie ein Mädchen zu benehmen, deshalb ertrug ich es, ohne mich zu rühren.
Vater betrachtete die Blätter der Mulemba, als würde er dort eine Methode suchen, das zu richten, was Onkel Zé war, wenn ich dein Großvater wäre, hätte ich deinen Onkel schon zurechtgerückt, auch wenn ich ihm jeden Tag eine Tracht Prügel hätte verabreichen müssen, es gibt keinen Ton, der nicht geformt werden kann, solange er frisch ist, der Jammerlappen hört nicht auf, sich bei deiner Mutter zu beklagen, er nutzt ihre Güte aus, die Ärmste kommt aus dem Weinen nicht heraus, ausgerechnet deine Mutter, die, Vater brach ab, es gab keine Worte für Mutters Krankheit, der Jammerlappen beschwert sich, dass die anderen Soldaten ihn verprügelt haben, natürlich mussten sie ihn verprügeln, Vater warf die Zigarette auf die andere Straßenseite, seine Wut konnte man daran erkennen, wie schnell der Stummel flog, wenn es hier nicht so viele Pretas gäbe, könnte dein Onkel noch von Nutzen sein, ja, denn es gibt keinen Mann, der nicht seine Bedürfnisse hätte.
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