Interessenten für die Diplomatenlaufbahn müssen daher mehr mitbringen als ein überdurchschnittliches Allgemeinwissen und eine ausgezeichnete Auffassungsgabe. Ein Hochschulstudium (mindestens mit einem Master oder einem vergleichbaren Abschluss) ist ein Muss. Gefragt sind stabile Persönlichkeiten mit strategischem Weitblick, einem ausgeprägten Sinn für Zusammenhänge und großer intellektueller Flexibilität, die sich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten und diese nicht nur verstehen, sondern auch Gestaltungsspielräume erkennen und konkrete Handlungsvorschläge machen können. Nicht minder wichtig sind eine hohe soziale und interkulturelle Kompetenz, ein ausgeprägtes Kommunikationsverhalten, ein insgesamt souveränes Auftreten sowie eine sowohl körperlich als auch psychisch überaus robuste Konstitution. Von Diplomaten wird erwartet, dass sie fremde Kulturen, Systeme und Menschen verstehen, die eigenen Interessen freundlich, jedoch nachdrücklich vertreten und Gemeinsamkeiten als Grundlage für konstruktive Problemlösungen finden.
Die Anforderungen an Diplomaten sind also außergewöhnlich hoch. Und längst nicht jeder hat das Zeug zum Botschafter. Von den 1200 bis 1600 Bewerbern, die sich jedes Jahr dem Auswahlverfahren beim Auswärtigen Amt stellen, bleiben am Ende nur 35 bis 45 übrig, die tatsächlich die Ausbildung beginnen. Aber das sollte uns als »Normalbürger« nicht allzu sehr beeindrucken oder gar abschrecken. Auch wenn wir selbst den Test vielleicht nicht bestehen würden, können wir das Wissen der Diplomaten wunderbar für uns selbst nutzen. Dabei stehen vor allem die Grundsätze der diplomatischen Kommunikation und das persönliche Verhalten in Gesprächen im Vordergrund. Diplomatisches Geschick ist heute aus gutem Grund so gefragt wie nie.
Was auf Staaten zutrifft, gilt auch für private und berufliche Beziehungen
Diplomatisches Geschick ist auch außerhalb der staatstragenden Beziehungspflege gefragt.
Diplomatie meint ursprünglich die Pflege der Beziehungen zwischen Staaten durch Verhandlungen und die dabei angewandten Methoden. Wer diplomatisch vorgeht, möchte auf diese Weise die eigenen Ziele erreichen, ohne dabei die Beziehung zum Gesprächspartner zu belasten. Angespannte Beziehungen stellen immer eine Belastung für künftige Gespräche und Verhandlungen dar und behindern eine effektive Kommunikation. Was für die Diplomatie zwischen Staaten zutrifft, gilt in gleicher Weise für die Kommunikation im Beruf und in ganz alltäglichen privaten Situationen. Die Kunst der Diplomatie beherrschen allerdings nur wenige Menschen richtig, was in der Praxis oft zu Kommunikationsstörungen führt – die wiederum Konflikte, Missverständnisse, Demotivation und Vertrauensverlust nach sich ziehen können.
Die Kunst der Diplomatie hilft im beruflichen wie im privaten Alltag, Gespräche erfolgreich zu führen und Beziehungen zu stärken.
Mit Taktgefühl heikle Gesprächssituationen zu meistern und Gespräche so zu führen, dass sie auf keinen Fall eskalieren – das ist längst nicht jedem Menschen gegeben. Von der Kunst der Diplomatie kann deshalb fast jeder profitieren. Statt mit der Brechstange vorzugehen, ist es weitaus effektiver und auch weitsichtiger, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden, also ein Ergebnis zu erzielen, das den eigenen Zielsetzungen gerecht wird und gleichzeitig die Interessen der Gesprächspartner berücksichtigt. Das wesentliche Ziel der Diplomatie besteht darin, gute, stabile und belastbare Beziehungen herzustellen, sie zu erhalten und sie möglichst weiter auszubauen. Das ist jedoch einfacher gesagt als getan. Damit es gelingt, ist permanente Aufmerksamkeit gefordert. Und hierbei geht es nicht nur um die Befindlichkeiten des anderen, sondern primär um die eigenen Emotionen. Wer die eigenen Gefühle und ihre Ursachen nicht kennt und entsprechend gut einschätzen kann, fährt leichter aus der Haut und vergreift sich im Ton. Und damit werden unter Umständen langwierige Bemühungen mit einem Schlag wieder zunichtegemacht. Es kann also nicht schaden, sich mit diplomatischer Kommunikation zu beschäftigen und die wesentlichen Prinzipien anzuwenden.
Diese Prinzipien klingen zunächst recht einfach. Unverzichtbar für eine diplomatische Gesprächsführung ist es:
jeden Gesprächspartner grundsätzlich ernst zu nehmen und ihm aufmerksam zuzuhören;
den Gesprächspartner in jeder Situation sein Gesicht wahren zu lassen und ihn nicht unnötig in die Enge zu treiben;
einen Gesprächspartner niemals vor anderen bloßzustellen;
in allen Gesprächen und Verhandlungen nach Vorteilen für beide Seiten zu suchen, um so eine Win-win-Situation zu schaffen;
die Absichten und Wünsche aller Beteiligten möglichst gut zu kennen und zutreffend einschätzen zu können;
einen langfristigen Nutzen im Blick zu behalten, statt durch kurzfristige (Einmal-)Erfolge dauerhafte Nachteile in Kauf zu nehmen;
das gegenseitige Vertrauen auszubauen und sich als glaubwürdiger Gesprächspartner zu erweisen;
wenn es darauf ankommt, schweigen zu können.
Wie sehr dieser letzte Punkt von Diplomaten beachtet wird, zeigt sich übrigens darin, dass viele gelungene Schachzüge der Diplomatie niemals bekannt geworden sind – eben weil sie von den Protagonisten nicht an die große Glocke gehängt wurden. Der Hintergrund all dieser diplomatischen Prinzipien: Man möchte die Beziehungen zum Gesprächspartner möglichst dauerhaft erhalten und sie stärken. Denn wenn eine Beziehung tatsächlich einmal abgebrochen wird, bleiben uns nicht mehr allzu viele Möglichkeiten, sie zu retten.
3. Wenn das Tischtuch zerschnitten ist
Wenn Menschen sich derart entzweien, dass eine Versöhnung unmöglich erscheint, heißt es, das Tischtuch zwischen ihnen sei zerschnitten. Diese Redensart kommt ursprünglich aus dem Mittelalter. Damals wurde bei Ehescheidungen das von den beiden Partnern gehaltene Tischtuch in der Mitte zerschnitten. Obwohl sich die Zeiten geändert haben, ändert das nichts am Ergebnis: Wo diese Redensart heute zutrifft, gibt es offenbar unüberbrückbare Differenzen. Der persönliche Umgang wird abgebrochen oder auf das Unvermeidliche reduziert. In einigen Situationen mag das der einzig konsequente Schritt sein. In vielen anderen bringt es Nachteile für beide Seiten und war oft in dieser drastischen Form auch gar nicht gewollt. Gehen Beziehungen – berufliche oder private – in die Brüche, entsteht Stress und es geht ein wichtiger Rückhalt verloren.
Der Mensch ist ein Beziehungswesen und strebt nach Kooperation, Zugehörigkeit und Anerkennung. Belastete Beziehungen versetzen ihn in eine Art Alarmzustand.
Menschen sind per se keine Einzelkämpfer, sie zeichnen sich vielmehr durch ihre Fähigkeit zur Kooperation aus. Tatsächlich fühlen sich Menschen am wohlsten, wenn sie auf stabile Beziehungen setzen können und Teil einer soliden Gemeinschaft sind. Der Mensch ist also schon seiner Veranlagung nach voll und ganz ein Beziehungswesen und strebt nach Kooperation, Zugehörigkeit und Anerkennung. All dies finden wir in stabilen Beziehungen. Das gibt uns Sicherheit.
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