Logischer Fehler:Ähnliche Auswirkungen hat der logische Fehler. Hier wird die Wahrnehmung dadurch getrübt, dass in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften immer zusammen auftreten: Wer gutmütig ist, ist auch tolerant; wer groß ist, ist durchsetzungsfähig usw.
Projektionen:Auch sie können zu größeren Verzerrungen der Wahrnehmungen führen. In diesen Fällen werden eigene Interessen, Erwartungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Annahmen, Befürchtungen und Probleme auf eine andere Person übertragen. Projektionen führen zum Beispiel in Vorstellungsgesprächen dazu, dass ein Bewerber günstiger beurteilt wird, wenn der künftige Vorgesetzte glaubt, dass der Bewerber ihm ähnelt.
Verallgemeinerungen:Wahrnehmungsfehler treten auch durch Verallgemeinerungen auf, die sich beispielsweise in unserer Sprache durch den Gebrauch von Worten wie »immer, alle, nie« usw. zeigen: »Der kommt immer zu spät.« – »Alle Politiker lügen.« – » Nie machst du das so, wie ich es möchte.« Durch solche Verallgemeinerungen manifestieren sich bestehende Vorurteile und Fehleinschätzungen.
Wahrnehmungsfehler dieser Art sind häufig die Ursache dafür, dass Menschen einen Stempel aufgedrückt bekommen, den sie dann nicht mehr loswerden: »Das ist doch der, der …« Es gehört daher zum diplomatischen Handeln, sich so wenig wie möglich von Vorurteilen leiten zu lassen. Was einfach klingt, ist in der Praxis durchaus schwierig. Ein praktikabler Weg besteht darin, zunächst die eigenen Gewohnheiten sowie Denk- und Handlungsmuster, die zusammen eine Art Vorstufe von Vorurteilen bilden, bewusst zu erkennen und schließlich zu durchbrechen.
Gewohnheiten durchbrechen – Handlungsspielräume erweitern
Jeder Mensch orientiert sich, meist unbewusst, an Gewohnheiten, Denk- und Handlungsmustern. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, sondern schlichtweg erforderlich, um nicht jede Kleinigkeit immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Schließlich kann niemand im Alltag fortwährend über alles, was er entscheidet oder macht, ausführlich und vollkommen neu nachdenken. Gewohnheiten und Denkmuster helfen hier, schnell und mühelos zu entscheiden, denn sie bieten Orientierung. Was sich bisher als richtig und angemessen erwiesen hat, kann so falsch nicht sein. Also entscheiden und handeln wir so, wie wir es bereits oft getan haben, denn das hat sich bewährt – dieses Vorgehen hat jedoch seine Tücken.
Wer sich seine Gewohnheiten und Denkmuster bewusst macht, kann sie durchbrechen und die eigenen Handlungsspielräume erweitern.
Sie zeigen sich dann, wenn Gewohnheiten dogmatisch werden (»Ich habe das schon immer so gemacht!«) und unser Leben beeinflussen, ohne dass wir es bewusst merken. Oft glauben wir, eine Entscheidung bewusst und nach sorgfältigem Abwägen gefällt zu haben, obwohl wir letztlich doch wieder so entschieden haben, wie wir gewohnheitsmäßig ohnehin entscheiden. In solchen Fällen schränken Gewohnheiten und Denkmuster unsere Wahrnehmung und unseren Handlungsspielraum erheblich ein. Mögliche Alternativen, die jenseits der Gewohnheiten und Muster liegen, werden gar nicht erst in Betracht gezogen und nicht einmal mehr als Option bewusst durchdacht.
Verharren Gewohnheiten im Unbewussten, bleiben uns viele Aspekte der Wirklichkeit schlicht und einfach verborgen, da wir von ihrer Existenz nicht einmal eine Ahnung haben. Und so treffen wir Entscheidungen, deren Grundlage ein äußerst begrenzter Ausschnitt der Realität ist. Und wir begreifen nicht einmal, wie viele Möglichkeiten wir uns selbst vorenthalten. Schließlich sind wir aus uns selbst heraus kaum noch fähig, Gedanken zu entwickeln, die sich außerhalb dieses konstruierten Rahmens befinden. Wir sind auf Denkwegen festgefahren, die wir nicht verlassen, weil wir uns dessen gar nicht bewusst sind. Deshalb ist jeder Mensch aufgerufen, ganz bewusst danach zu forschen, an welchen Punkten seine Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Entscheiden wirksam werden und ob diese Gewohnheiten tatsächlich das widerspiegeln, was unser Selbst ausmacht.
Die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen und Klischeevorstellungen legt die Grundlage für mehr Toleranz und Offenheit.
Wer sich seine Gewohnheiten und Denkmuster bewusst macht, ist flexibler und viel eher bereit, neue Erfahrungen zu machen, unkonventionelle Wege zu gehen und andere Standpunkte einzunehmen. Das reduziert die Neigung zu Vorurteilen ganz erheblich und eröffnet uns die Möglichkeit, anderen Menschen mit mehr Wertschätzung und Respekt gegenüberzutreten. Machen Sie sich daher bewusst, welche Klischeevorstellungen sich bei Ihnen festgesetzt haben. Orientieren Sie sich mehr an Tatsachen als an Mutmaßungen und Interpretationen. Und nutzen Sie eines der besten Mittel gegen Vorurteile: Informationen. Wer sich über die tatsächlichen Fakten informiert, statt gewohnheitsgemäß zu entscheiden oder aus einem Impuls heraus zu handeln, erhöht seinen Handlungsspielraum und erweitert den eigenen Horizont.
6. Farbe bekennen – wie Glaubwürdigkeit entsteht
Die persönliche Glaubwürdigkeit ist eine elementare Voraussetzung für gute Beziehungen.
Für einen diplomatischen Auftritt ist nicht nur eine vorurteilsfreie Herangehensweise wichtig, es geht dabei auch um persönliche Glaubwürdigkeit. Was nützen die schönsten Worte, wenn niemand ihnen Glauben schenken mag? Wer allzu sehr in Vorurteilen und Denkmustern verhaftet ist, wird seine Handlungsoptionen sowieso schon einschränken – wenn er darüber hinaus nicht glaubwürdig ist, gehen sie oft gänzlich verloren. Glaubwürdigkeit ist für gute Beziehungen, konstruktive Gespräche und das Entwickeln von Lösungen von elementarer Bedeutung – da sind sich viele Menschen einig. Umso erstaunlicher, dass sie so oft auf der Strecke bleibt. Und das hat weitreichende Konsequenzen: Wenn ein Mensch mit seinen Aussagen nicht mehr ernst genommen wird, verliert er nicht nur an Ansehen und Respekt, sondern auch die Möglichkeit, Einfluss auf das Geschehen zu nehmen.
Was macht uns glaubwürdig?
Der Begriff »Glaubwürdigkeit« beschreibt die Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit eines Menschen aus der Sicht von anderen. Alle Ihre Gesprächspartner, vor allem wenn Sie sie gerade kennenlernen, werden sich eher früher als später die Frage stellen: »Kann ich mich auf ihn oder sie verlassen?« Es schadet also nicht, sich einmal selbst zu fragen: »Bin ich eine glaubwürdige Person?« Zwar wird hier kaum jemand mit einem glatten Nein antworten, doch führt die Frage zu einer ersten Selbsteinschätzung und darüber hinaus zu der nächsten Frage: Was bewegt uns überhaupt dazu, einen Menschen für glaubwürdig zu halten? Glaubwürdigkeit ist schließlich kein gewöhnliches, leicht feststellbares Merkmal wie beispielsweise Pünktlichkeit. Wir müssen jeden Einzelnen von unserer Glaubwürdigkeit überzeugen, das ist immer wieder ein neuer Kraftakt. Uns selbst fällt es schwer, Menschen als glaubwürdig zu bezeichnen, über die wir keine Informationen haben. Wir messen die Glaubwürdigkeit eines Menschen vor allem an Erfahrungswerten. Hat mich dieser Mensch schon einmal belogen oder betrogen? Hat er schon einmal versucht, die Wahrheit zu verschleiern? Hält er, was er (ver)spricht? Weiß er überhaupt, wovon er redet?
Ob uns jemand glaubwürdig erscheint oder nicht, entscheiden wir ganz intuitiv.
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