Abbildung 2bentspricht dabei der Situation, in der komplexes Verhalten erlernt wird: Wir trainieren in relativ langsamer Fahrt einen bestimmten Skischwung auf dem »Idiotenhügel« oder wir üben unseren Vortrag, was noch etwas stockend geht, weil wir immer wieder bewusst über Auswahl und Formulierung der Inhalte nachdenken müssen. Das Selbst macht dabei eine Vielzahl von Vorschlägen in Form von Verhaltensbausteinen, die per psychoneuraler Selbstorganisation erzeugt werden (»Einfälle«, »Eingebungen«). Das Ich wählt sie mit dem Vernunftauge aus und setzt sie mithilfe des Synergieohres zusammen.
Flow
Mit zunehmender Übung unter Leitung des Synergieohres geraten wir dann immer näher an den Flow-Zustand heran, den Abbildung 2czeigt. Das Ich kann sich zurückziehen und das Verhalten ganz dem Selbst überlassen: gelingendes Tun in Ich -Vergessenheit und Selbst vertrauen. Doch der Flow-Zustand ist oft instabil und störanfällig: Schlechte Form, überzogene Leistungserwartungen, aufkeimende Selbstzweifel oder ungünstig veränderte Außenbedingungen können schnell dazu führen, dass wir wieder in den Normalzustand b zurückfallen.
Gefahren
Erweisen sich die Probleme als hartnäckig, entsteht Gefahr: Das Ich kommt nun in die Versuchung, den Gesamtprozess unter seine bewusste Kontrolle bringen zu wollen: Hyperreflexion (Überkontrolle, übermäßige Selbstbespiegelung) und Hyperintention (verkrampftes Erzwingenwollen) sind die Folgen. Aufgrund seiner geringen »Kanalkapazität« verbessert das aber nicht die Performance. Im Gegenteil: Das Verhalten wird immer stockender und die Leistung sinkt.
Die Stressblockade
Nun entstehen auf vielen Ebenen Teufelskreise: Die erwähnte Stressreaktion springt an und führt über den »Tunnelblick« zu einer weiteren Verengung der Kanalbreite. Negative Gefühle und negative Gedanken steigern sich wechselseitig immer weiter in eine negative Richtung: Selbstbeschimpfungen und Katastrophengedanken erzeugen Ärger, Wut oder Angst – und diese Gefühle fördern dann wieder das Negativdenken. Der innere Druck steigt, das Ich bläht sich, bildlich gesprochen, auf und erdrückt zunehmend das Selbst . Immer mehr Feinfunktionen des Selbst blockieren. Als Folge des Tunnelblicks und der teilweise nach innen gerichteten Aufmerksamkeit lassen Wahrnehmung und Sensibilität nach außen nach. Die Handlungskompetenzen werden gehemmt bis hin zur totalen Blockierung im Tausendfuß-Syndrom. Spätestens jetzt stürzt der Ski-Abfahrtsläufer, der Redner oder Konferenzleiter beginnt zu stottern, verhaspelt sich und verliert unter Erröten gänzlich den Faden. Diese Entwicklung wird in Abbildung 2agezeigt.
1.7 Persönlichkeitsentwicklung und chronisches Dysstress-Syndrom
Zugleich lassen sich an unseren drei Schemata einige Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung verdeutlichen. Wie unsere tierischen Vorfahren sind insbesondere kleinere Kinder oft im Flow-Zustand, wie ihn Abbildung 2czeigt. Spontan und unbekümmert handeln sie drauflos. Doch allmählich wächst das Ich : Das Kind vergleicht sich selbst mit anderen, es wird von anderen bewertet und bekommt Normvorgaben von Eltern und Lehrern, an denen es sich selbst misst.
Der Vergleich als zweischneidiges Schwert
Naturgemäß lauern hier Gefahren: Es ist nicht schwer, diese Vergleiche und Bewertungen sehr zu den eigenen Ungunsten ausfallen zu lassen. Natürlich verfügten wir im Jugendalter in vielen Bereichen über weniger Kompetenz als die bewunderten Stars der Erwachsenenwelt. Außerdem mangelte es uns in diesem Alter noch an eigenen Wertmaßstäben, sodass wir geneigt waren, die Normvorgaben der Autoritäten für bare Münze zu nehmen. Der Abstand zu unseren unrealistischen Idealvorstellungen war riesengroß und entsprechend gewaltig war der Veränderungsdruck, den wir uns auferlegten. Eine ideale Situation für das Ingangkommen der beschriebenen Teufelskreise, die dann in die Ich -Krise der Pubertät führen. Gern entwickeln sich jetzt leichte psychische Störungen wie soziale Ängste (von denen sich dann durchaus psychische Erkrankungen herleiten können, insbesondere nach dem Hinzutreten traumatisierender Erlebnisse).
Das Dysstress-Syndrom infolge überzogener Ansprüche
Bei den meisten Menschen geht das Älterwerden dann mit zweierlei einher: mit einer Relativierung allzu harter Anforderungen an sich selbst und dem Kompetenzzuwachs in vielen Bereichen. Dies bringt das Ich zum Abschwellen und das Selbst zum Wachsen, womit wir uns zumindest in den Normalzustand von Abbildung 2bbewegen. Hier allerdings bleibt die Entwicklung dann oft stecken. Viele Menschen fühlen sich Zeit ihres Lebens unter Veränderungs- und Leistungsdruck Sie haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein, taxieren angstvoll ihre Leistung und ihren Wert im Urteil der anderen, stehen unter Spannung und haben ständig das Gefühl, nicht genug geschafft zu haben. Zeiten der Entspannung im Nichtstun oder im Flow sind eher selten. Ein solches chronisches Dysstress-Syndrom ist unfunktional. Es steigert nicht die Leistung, sondern untergräbt sie. Es verdirbt die Stimmung und immer besteht die Gefahr, dass das Ganze in eine Angsterkrankung und/oder eine Depression »umkippt«.
Hier kommt wieder die Psychosynergetik ins Spiel. Sie möchte Menschen dabei helfen, ihre Flow-Potenziale zu stärken, um sich, wie in Abbildung 2gezeigt, mehr von b nach c zu bewegen.
Der Prozess der inneren Befreiung zielt auf die Entblähung des Ich , der Prozess des inneren Wachstums auf die Stärkung und Vergrößerung des Selbst .
1.8 Wie aus Schmerz Leid wird
Auch starken Schmerz kann man ausblenden
Habe ich Ihnen eigentlich schon von meinem letzten Skiurlaub erzählt? Ich konnte dabei einige wichtige psychologische Erkenntnisse noch einmal sehr eindrucksvoll am eigenen Leib nachvollziehen. Gleich am ersten Tag stürzte ich heftig und zog mir ein dickes, handflächengroßes Hämatom über der rechten Hüfte zu (dessen Ausläufer dann in den nächsten Wochen bis hinab in die Kniekehle wanderten). Glauben Sie mir – das waren richtig starke Schmerzen, bei jeder Bewegung des Beines, beim Drehen im Bett und vor allem beim Sitzen. Das Merkwürdige aber war: Diese starken Schmerzen haben mich in meiner Stimmung praktisch nicht beeinträchtigt. Das Wetter war hervorragend, die mitgereisten Leute unterhaltsam. Ich war oft abgelenkt. Beim Skifahren spürte ich die Schmerzen überhaupt nicht, sie waren tatsächlich zu 100 Prozent ausgeblendet.
Am meisten schmerzt die Angst
Am vierten Tag dann wachte ich mit einem ganz leichten Schmerz im linken Knie auf. Das nun verdarb mir sofort die Laune, und zwar mächtig. Ständig bewegte ich das Knie hin und her: Tut es immer noch weh? Ja – verdammt! Ich grübelte herum: Kann ich damit weiterfahren? Gewöhnt sich das Gelenk an die Belastung oder wird es schlimmer? Ruiniere ich mir am Ende das ganze Knie? Ist der Skiurlaub für mich jetzt zu Ende? Werde ich womöglich gar nicht mehr Skifahren können? Nein – bis zum Rollstuhl trieb ich meine Sorge nicht. Schließlich entschied ich mich missmutig für einen Pausentag. Alle anderen haben jetzt Spaß beim Fahren – nur ich nicht
.
Die gedankliche Verarbeitung entscheidet
Der Kontrast hätte größer und eindrucksvoller nicht sein können. Unter einem wirklich starken Schmerz litt ich praktisch überhaupt nicht, während ein sehr viel geringerer Schmerz starkes Leiden bei mir verursachte. Das macht eines sehr deutlich: Unsere Gefühlsreaktionen auf äußere und innere Ereignisse hängen offenbar stark davon ab, wie wir gedanklich damit umgehen. Von dem Hämatom-Schmerz wusste ich sicher, dass er harmlos ist, keinerlei Schonung erforderlich macht und sich das Ganze vollständig ohne jede Nachwirkung zurückbilden wird.
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