Im Altertum mit seinem weit weniger entwickelten Verkehrswesen blieb die Demokratie auf den Rahmen der Gemeinde beschränkt. Wohl erreichte der Verkehr unter den Ländern am Mittelmeer schließlich, im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, eine ansehnliche Ausdehnung, so sehr, daß er dort zwei Sprachen zu internationaler Geltung brachte, das Griechische und das Lateinische. Aber das vollzog sich unglücklicherweise gerade zu der Zeit, wo die Demokratie und das politische Leben überhaupt ein Ende nahm – unglücklicherweise, aber nicht durch einen unglücklichen Zufall. Die Entwicklung des Verkehrs zwischen den Gemeinden war damals notwendigerweise an Bedingungen geknüpft, die auf die Demokratie tödlich wirkten.
Es ist nicht unsere Aufgabe, das an den Ländern des Orients darzutun, wo die auf die Gemeinde beschränkte Demokratie zur Grundlage für eine besondere Art des Despotismus wurde. Wir wollen hier bloß den besonderen Entwicklungsgang der hellenischen lind römischen Welt betrachten, und zwar nur an einem Beispiel, dein der Gemeinde Rom. Dieses zeigt die Tendenzen des antiken Entwicklungsganges besonders drastisch, weil er hier rascher und riesenhafter vor sich geht, als bei jeder anderen der Stadtgemeinden in der antiken Welt. Aber bei allen wirkten die gleichen Tendenzen, wenn auch vielfach schüchterner und kleinlicher.
Die Ausdehnung jeder Markgenossenschaft und Gemeinde hatte ihre engen Grenzen, über die sie nicht hinaus konnte, und die bewirkten, daß die verschiedenen Genossenschaften und Gemeinden einander ziemlich ebenbürtig blieben, solange die reine bäuerliche Wirtschaft herrschte. Es gab in diesem Stadium auch nicht viele Anlässe zu Eifersüchteleien und Kämpfen zwischen ihnen, da jede der Markgenossenschaften und Gemeinden im wesentlichen alles selbst produzierte, was sie brauchte. Höchstens mochte bei wachsender Bevölkerung Mangel an Boden eintreten. Aber die Zunahme der Bevölkerung konnte nicht zu einer Erweiterung der Markgenossenschaft führen. Diese durfte ja nicht so groß werden, daß nicht jeder Genosse die gesetzgebende Volksversammlung ohne übermäßige Mühe und Versäumnis für sich erreichen konnte. War wirklich aller kultivierbare Boden der Markgenossenschaft bebaut, dann machte sich die überschüssige kriegsfähige Jungmannschaft auf, um auszuwandern und eine eigene Markgenossenschaft zu gründen, entweder durch Vertreibung anderer, schwächerer Elemente, oder durch Niederlassung in Gegenden, in denen noch eine tiefere Produktionsweise herrschte und daher die Bevölkerung dünn war, es also noch Platz gab.
So blieben die einzelnen Gemeinden oder Markgenossenschaften einander ziemlich ebenbürtig. Aber das änderte sich, wenn neben der bäuerlichen Wirtschaft der Handel aufkam.
Wir haben schon gesehen, daß der Warenhandel sehr frühzeitig beginnt. Seine Anfänge reichen in die Steinzeit zurück. In Gegenden, wo manche sehr gesuchten Rohmaterialien leicht zu erlangen waren, die anderswo nur selten oder gar nicht vorkamen, lag es nahe, daß deren Bewohner mehr davon gewannen, als sie verbrauchten, auch in ihrer Gewinnung und Verarbeitung größere Geschicklichkeit erlangten. Die Überschüsse gaben sie dann gegen andere Produkte an ihre Nachbarn ab, die davon wieder manches weitergaben. Auf diesem Wege des Tauschhandels von Stamm zu Stamm konnten manche Produkte unglaublich weite Strecken zurücklegen. Die Vorbedingung dieses Handels war eine nomadische Lebensweise einzelner Horden, die bei ihrem Umherschweifen öfter aufeinander stießen und bei solchen Gelegenheiten ihre Überschüsse austauschten.
Diese Gelegenheiten nahmen ein Ende, wenn die Menschen seßhaft wurden. Aber das Bedürfnis nach dem Warenaustausch hörte darum nicht auf. Namentlich das Bedürfnis nach Werkzeugen oder dem Material, aus dem sie fabriziert wurden und das nur an wenigen Fundstätten zutage lag, das also meist nur durch Warenhandel zu erlangen war, mußte wachsen. Ihm zu genügen, mußte sich jetzt eine eigene Klasse von Nomaden bilden, die Kaufleute. Entweder waren es nomadische Stämme von Viehzüchtern, die sich jetzt darauf verlegten, mit ihren Lasttieren Waren von einer Landschaft, wo sie im Überfluß, also billig waren, zu anderen zu bringen, wo sie selten vorkamen und hoch im Preise standen, oder es waren Fischer, die sich mit ihren Fahrzeugen längs der Küsten oder von Insel zu Insel weiter wagten. Je mehr aber der Handel gedieh, desto mehr mochte er auch Ackerbauern veranlassen, sich mit ihm abzugeben. Indessen bewahrt der Grundbesitz in der Regel eine hochmütige Geringschätzung für den Handel, der römischen Aristokratie gilt wohl der Wucher, nicht aber der Handel für ein anständiges Gewerbe. Das hindert nicht, daß manchmal auch der Grundbesitz große Vorteile aus dem Handel zieht.
Dieser schlägt besondere Straßen ein, die lebhafter begangen werden. Gemeinden, die an solchen Straßen liegen, erhalten ihre Waren leichter als andere; und sie gewinnen in den Kaufleuten Abnehmer ihrer Produkte. Manche Punkte, die kein Abweichen von der Straße gestatten und nicht umgangen werden können, die dabei auch von Natur ans befestigt sind, erlauben es, daß ihre Bewohner und Herren, also ihre Grundbesitzer, die Kaufleute anhalten und schröpfen, ihnen Zölle auflegen. Andererseits gibt es Punkte, die zu Stapelplätzen werden, wo Waren umgeladen werden müssen, zum Beispiel Häfen oder Kreuzungspunkte von Straßen, wo Kaufleute in größeren Massen von den verschiedensten Seiten zusammentreffen und Waren oft längere Zeit lagern.
Alle derart von der Natur für den Handelsverkehr begünstigten Gemeinden wachsen notwendigerweise über das Maß einer bäuerlichen Gemeinde hinaus an. Und wenn die Bevölkerung einer bäuerlichen Gemeinde bald eine bestimmte Grenze in der Ausdehnung ihres Gebiets und dessen Fruchtbarkeit findet, so ist die Bevölkerung einer Handelsstadt von der Fruchtbarkeit ihres Gebiets unabhängig und kann weit darüber hinauswachsen. Besitzt sie doch in den Waren, über die sie verfügt, die Mittel, alles zu kaufen, was sie braucht, also auch Lebensmittel außerhalb der Mark zu erwerben. Mit dem Handel von Werkzeugen für die Landwirtschaft, von Rohmaterialien und Wertzeugen für die Industrie und von Industrieprodukten für den Luxus entwickelt sich der Handel mit Lebensmitteln für die Städter.
Die Ausdehnung des Handels selbst findet aber auch keine feste Grenze, und seiner Natur nach strebt er immer wieder über die einmal erreichten Grenzen hinaus, immer wieder nach neuen Kunden, neuen Produzenten suchend, nach neuen Fundstätten seltener Metalle, nach neuen Industriegegenden, nach neuen Abnehmern für deren Erzeugnisse. So sind die Phönizier schon frühzeitig aus dem Mittelmeer heraus im Norden bis nach England gelangt, indes sie im Süden das Kap der guten Hoffnung umsegelten.
„In unglaublich früher Zeit finden wir sie in Kypros und Ägypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika und Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meere und der Nordsee. Ihr Handelsgebiet reicht von Sierra Leone (Westafrika) und Cornwall (England) im Westen bis östlich zur malabarischen Küste (Ostindien); durch ihre Hände gehen das Gold und die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein, die Löwen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische Weihrauch, das Linnen Ägyptens, Griechenlands Tongeschirre und edle Weine, das cyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn, das Eisen von Elba.“ (Mommsen, Römische Geschichte, 6. Aufl., 1874, I, S. 484)
In den Handelsstädten siedeln sich mit Vorliebe auch die Handwerker an. Ja, die Handelsstadt bietet für viele Handwerke erst den Markt, dessen sie zu ihrem Entstehen bedürfen: einerseits die Kaufleute, die nach Waren suchen, andererseits die Landleute aus den umliegenden Dörfern, die an Markttagen zur Stadt ziehen, ihre Lebensmittel zu verkaufen und dafür Werkzeuge, Waffen und Schmuck zu kaufen. Die Handelsstadt sichert den Handwerkern aber auch die nötige Zufuhr von Rohmaterialien, ohne die sie ihr Gewerbe nicht ausüben können.
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