Zeltstadt in Frauenau des Gebirgspionierbataillons 8 aus Degerndorf – Sammlung Josef Sedlmeier
Bevor der Abbruch vonstatten ging, wurde die Schlossanlage vom Kommando genau vermessen und beschrieben. Josef Sedlmeier notierte am 25.9.1959:
Das Schlossgebäude, ein im Stile der Neurenaissance gebautes, massives Gebäude. An einen Mittelbau (rechteckiger Grundriss, 14 m x 20 m) schlossen sich zwei Seitenflügel (Grundriss 22,70 m x 11,90 m) an. Außerdem wurde der Mittelbau von zwei kleineren und einem großen Turm flankiert. Zahlreiche Erker, Gauben und Ausbauten bestimmten das weitere Gesicht des Gebäudes. Die Höhe bis zur Traufe betrug 11,50 m und die Firsthöhe 15,50 m. Die beiden kleinen Türme erreichten eine Gesamthöhe von 28 m, während der große Turm 32 m maß .
Der Gartensalon, ein rechteckiger Anbau (11,90 m x 20 m) mit einer Traufenhöhe von 5,75 m und einer Firsthöhe von 6,75 m .
Abbruch des Schlosses; zu sehen sind die Wandmalereien im Festsaal – Sammlung Josef Sedlmeier
Der Wintergarten, ein Ruinengebäude von rechteckigem Grundriss (40 m x 11 m), das rückwärts von der Schlosskapelle abgeschlossen wurde, deren angebaute Erker und Galerien ebenfalls abgebrochen wurden .
Das Kutscherhaus, mit hinterem Pferdestall, Grundfläche insgesamt 310 m 2 .
Die Reithalle wurde am letzten Tag der Übung gesprengt, da der Bauzustand äußerst schlecht war und durch den Abbruch des Kutscherhauses dessen Stützwirkung verloren gegangen war. Um Unfällen vorzubeugen, wurde durch die Sprengung die Reithalle zum Einsturz gebracht“ .
Auf diese Arbeit ist Josef Sedlmeier noch heute besonders stolz, denn die Männer hatten es geschafft, dass nach der Sprengung der Reithalle nur die Steine am Boden lagen, die Dachbalken jedoch keinen Schaden erlitten hatten.
Schlossabbruch 1959 – Sammlung Josef Sedlmeier
Schlossabbruch 1959 – Sammlung Josef Sedlmeier
Nach Sedlmeier waren rund 8500 m 3Schutt verschoben, eine Gesamtfläche von 8000 m 2einplaniert und mit einer Humusschicht abgedeckt worden. Es wurden 740 Bohrlöcher gebohrt.
Die gesamte Arbeitszeit betrug 12 Wochen, bei einer Stärke des Kommandos von durchschnittlich 20 Mann. An 69 Arbeitstagen wurden insgesamt 11 600 Arbeitsstunden geleistet.
Schäden an der Schlossanlage
Josef Sedlmeier bestätigte folgende Schäden an der Schlossanlage 15„ die keinesfalls mit geringem Aufwand hätten behoben werden können “:
Die Amerikaner, die im Schloss gewohnt haben, hatten der Überlieferung nach teils große Zerstörungswut gezeigt. Sie hatten zum Beispiel die freiliegenden Wasserleitungen im Haus angeschossen, so dass das Wasser in den Räumen über die Wände herunter gelaufen sei. Durch den Frost sei dann im Winter der Putz von den Wänden gefallen. Gegen die Kälte hatten sie Parkettböden und sogar Chippendale Möbel herausgerissen, zerbrochen und im Schloss verbrannt. Auch das Archiv sei geplündert worden. Der Wintergarten und der Verbindungsbau zur Schlosskapelle seien völlig „ demoliert “ gewesen. Die Reithalle mit den angrenzenden Teilen des Kutscherhauses waren später einsturzgefährdet.
Für eine Sanierung und Wiederherstellung der Liegenschaft sei nach Sachverständigen die Kalkulation im Millionenbereich gelegen.
Walther Zeitler und Herbert Wolf schreiben in ihrem Buch „Bayerischer Wald in alten Fotos“ 16:
„ Nach dem letzten Krieg zogen zuerst amerikanische Soldaten, dann eine Kompanie ausländischer Kriegsgefangener und schließlich 130 Heimatvertriebene aus dem Osten in das Schloss ein. Als es dem jetzigen Chef der Familie Poschinger, dem langjährigen Präsidenten des Bayerischen Senats, Hippolyt Freiherr Poschinger von Frauenau, zurückgegeben wurde, war es praktisch unbewohnbar und mit vertretbaren Mitteln nicht mehr herzurichten. Eine Bundeswehrpioniereinheit sprengte schließlich das Schloss, das heute sicherlich eine Attraktion wäre .“
Bericht des Bayerwald Boten vor dem Abbruch 17
„Oberfrauenauer Schloß Übungsobjekt für Gebirgspioniere Schloßkapelle nach dem Abbruch letzte Ruhestätte der Familie von Poschinger
Frauenau. Was die Frauenauer gar nicht glauben wollten, wird nun doch Wirklichkeit: In dieser Woche beginnen die Abbrucharbeiten des einstmals stattlichen neuen Schlosses von Oberfrauenau. Von Reichsrat Georg Benedikt II. Poschinger von Frauenau in den Jahren zwischen 1875 und 1884 erbaut, wurde es in den ersten Jahren nach 1945 durch Besatzung und Einweisung völlig ruiniert, so daß eine notwendige völlige Restaurierung des Schlosses für den heutigen Besitzer und Nachfahren, Senator Hippolyt Freiherr Poschinger von Frauenau, keineswegs mehr tragbar erschien. Das Schloß wurde unentgeltlich einem Gebirgspionierbataillon der Bundeswehr als Übungsobjekt zur Verfügung gestellt .
Schlossabbruch 1959 – Fotos Josef Sedlmeier
Die Frauenauer sind in den vergangenen Tagen mit einiger Wehmut zu „ihrem Schloß“ hinaufgewandert, um das einstmals prächtige, heute schon fast zur Ruine gewordene Gebäude noch einmal zu besichtigen; Erinnerungsfotos wurden geknipst, und in den Familien erzählten die Alten von den herrlichen Zeiten, als das Schloß noch in einer märchenhaften Parklandschaft stand, der Hirschgarten lebte und die Poschingers in den großartig ausgestalteten Räumen residierten. Heute steht es in einer schönen Waldlandschaft, die die einstige gepflegte Atmosphäre noch erahnen läßt, dem Gebäude aber sieht man auf den ersten Blick an, wie schwer ihm mitgespielt wurde. Im Grunde steht vom Schloß nur mehr die arg ramponierte Außenfassade. Die Inneneinrichtung ist völlig verkommen, in die gelben Außenmauern haben die Besatzer als Erinnerung ihre Namen eingekritzelt: „Ch. Killroy was here, from Chicago“, kann man noch recht deutlich lesen.“
Bericht der Bayerischen Waldzeitung nach dem Abbruch
Die Bayerische Waldzeitung – Tageszeitung für die Stadt Zwiesel und den mittleren Bayerischen Wald, Amtsblatt für den Landkreis Regen – berichtete 1959 über den Abbruch wie folgt:
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