Nach dem Spiel ging es unter die Dusche, danach heim zum Mittagessen. Oft wurde Bernhard schon sehnsüchtig von seiner Mutter erwartet, die ihm vom Küchenfenster aus zurief: „Geh und hol Vati aus der Gaststätte.“ Manchmal kam sein Vater so spät heim, dass seine Mutter den Tränen nahe war, und einmal verlor Bernhard die Beherrschung und hob den Arm, um ihn zu schlagen. „Schlage niemals deine Eltern!“, warnte sein Vater, und Bernhard hielt sich zurück. Aber war genau das nicht das Problem? Sein Vater machte, was er wollte, und alle anderen hatten zu spuren.
„Warum hast du Vati geheiratet?“, fragte er seine Mutter eines Abends. Sie saßen nebeneinander auf dem Sofa, sie strickte im Licht der Stehlampe, er blätterte gelangweilt in einer Zeitschrift. In der Nacht hatte es wieder einen Streit zwischen den Eltern gegeben, sein Vater hatte die Mutter angeschrien, während Berni, Karl Heinz und Helga in ihren Betten lagen und so taten, als schliefen sie.
Die Mutter schaute ihren Sohn überrascht, fast geschockt, an. Anscheinend hatte er den Streit mitbekommen, aber sie wusste nicht recht, was sie ihm antworten sollte.
„Du bist zu jung, um das zu verstehen“, wich sie aus.
„Bin ich nicht. Sag mir einfach, warum du dir das antust?“
Sein Vater arbeitete an dem Tag eine Doppelschicht und kam erst um halb neun nach Hause. Im Bremer Hafen wurde nun rund um die Uhr geschuftet, in den Werften entstanden U-Boote für die deutsche Kriegsmarine, dafür wurden Arbeitskräfte gebraucht, die anderswo fehlten. Draußen wurde es bereits dunkel, Helga lag im Bett, Karl Heinz saß am Radio. Seine Mutter sagte etwas von der Zeit, die sein Vater im Weltkrieg in den Schützengräben verbracht hatte, und von den anstrengenden Doppelschichten und der ständigen Sorge, seine Arbeit zu verlieren. Bernhard ließ sich damit nicht abspeisen. Er verachtete seinen Vater dafür, dass er seine Mutter bedauern musste; ständig tat sie ihm leid, aber er konnte nichts daran ändern.
„Weißt du, er sah einmal sehr gut aus “, fügte sie etwas verlegen noch hinzu.
Als der Vater heimkam, sprang seine Mutter auf und stellte das Essen auf den Tisch. Herr Trautmann kaute fast wortlos seine Mahlzeit hinunter. Er habe noch mit den Offizieren von einem der Schiffe den einen oder anderen Whisky getrunken, erzählte er, aber das war ohnehin kaum zu übersehen. Nach dem Essen schlief er auf dem Stuhl neben dem Herd ein, die ungelesenen „Bremer Nachrichten“ auf den Knien.
An diesem Abend fand Bernhard heraus, wie viel sein Vater in der Woche verdiente. Seine Mutter wusste es nicht und hätte auch nicht gefragt, so war es damals. Frauen wie seine Mutter waren Sklaven, dachte Bernhard, nichts als Sklaven. Nun nahm er sie in die Diele mit, wo Herrn Trautmanns Lederwams am Haken hing. Seine Mutter hatte eine Heidenangst, denn sie ahnte, was er im Schilde führte. Der Lohnstreifen befand sich in der Innentasche. Bernhard schielte im fahlen Schein der Deckenlampe auf das Papierstück, dann gab er es an seine Mutter weiter. Sie schaute gar nicht hin, also sagte er es ihr: über 40 Reichsmark die Woche und das, wo der Durchschnitt bei kaum 25 lag.
„Aber doch nur, weil er eine Doppelschicht arbeitet“, flüsterte sie. „Steck es zurück, um Himmels willen.“
Am 1. September 1939 fielen die Deutschen in Polen ein. Der Teil der Bevölkerung, der die Nazis unterstützte, brach in grenzenlosen Jubel aus, und Hitler und Goebbels schwangen im Radio siegestrunkene Reden über neuen Lebensraum und die „Unterwerfung der minderwertigen Völker durch die Herrenrasse“. Auf den Straßen gab es Aufmärsche und Kundgebungen und nächtliche Fackelmärsche, bei denen alle Uniform trugen, Militärkapellen spielten und die hysterischen Massen „Sieg Heil! Sieg Heil!“ riefen. Die andere Hälfte der Bevölkerung verhielt sich still. In Arbeitslagern und Konzentrationslagern im ganzen Reichsgebiet waren zahllose Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Oppositionelle wie Bernhards Onkel Mencken inhaftiert, und wer bei Verstand war, wollte ihnen keinesfalls dorthin folgen. „[Es herrscht eine] schlechte Stimmung in der Bevölkerung“, notierte General Ritter von Leeb, der später als Oberbefehlshaber die Heeresgruppe Nord nach Russland führte, am 3. Oktober 1939 in seinem Tagebuch. „Keinerlei Begeisterung, keine Beflaggung der Häuser, alles erwartet den Frieden. Das Volk fühlt das Unnötige des Krieges.“
Innerhalb der Familie Trautmann war man geteilter Ansicht. Bernhard und Karl Heinz waren begeistert und käuten die halbverdauten Theorien wieder, die ihnen von der Hitlerjugend eingetrichtert worden waren. Frieda Trautmann sagte nicht viel; der Vater meinte, dass ein Krieg mit Großbritannien nun unvermeidlich wäre. „Und auch den werden wir verlieren“, ergänzte er. Für diese Bemerkung hätte ihn Bernhard beinahe geschlagen. Das war genau die Art von defätistischer Haltung, die sie bei der HJ verachteten – schwach und feige, es war die Art von Gesinnung, die einen ins Gefängnis brachte. Die erst neunjährige Helga saß nur da und fragte sich, was die ganze Aufregung zu bedeuten hatte.
Am 3. September erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg. Für die schweigende deutsche Opposition kam die Kriegserklärung zu spät. Ein Jahr zuvor, als das Reich sich auf den Einmarsch in die Tschechoslowakei vorbereitete, hätte eine Intervention vielleicht etwas bewirken können. Hätten die Alliierten Hitler damals Paroli geboten, wäre er vielleicht noch aufzuhalten gewesen.
Bernhard, den Kopf voller Hirngespinste, verschwendete keinen Gedanken daran, was die Kriegserklärung bedeutete. Für ihn stellte sich ohnehin nur die Frage, wie lange Deutschland brauchen würde, um Frankreich und Großbritannien zu besiegen – vielleicht ein Jahr, vielleicht auch nur ein halbes. Polen war im Nu erobert worden, und das war ja auch kein Wunder: Die Polen verkörperten eine unterlegene Rasse, schmutzig, dumm, unzivilisiert, wie Dr. Goebbels im Film „Feldzug in Polen“ erläutert hatte. Aber was seltsam war: Die Russen waren doch auch Untermenschen, und trotzdem hatte der Führer mit Stalin einen Nichtangriffspakt ausgehandelt, und die beiden Länder hatten Polen unter sich aufgeteilt: Das Deutsche Reich erhielt den Westen und die Sowjetunion den Osten.
„Gehst du für deine Mutti zu Schmidt?“, lauerte Frau Mrozinzsky ihm wieder einmal im Hausflur auf. Sie hatte ein Tuch um den Kopf gebunden und trug wie immer eine große Schürze, die nicht besonders sauber aussah. Sie strahlte, lächelte ihn an und gab ihm ein wenig Geld, das sie in Zeitungspapier eingewickelt hatte. „Bring mir ein halbes Brot mit, Berni.“ Sie nannte ihn immer noch Berni. Es machte ihm nichts aus, er mochte Frau Mrozinzsky.
So wie er es sah, lebten die Mrozinzskys inzwischen so lange in Deutschland, dass sie gar keine richtigen Polen mehr waren. Aber er wunderte sich, dass die Nachbarin so fröhlich war, wo doch ihr Land gerade erobert worden war – das war nicht normal. Und was war mit Herrn Mrozinzsky? Wie fühlte er sich? Dieser Tage sah man Herrn Mrozinzsky kaum noch, weil er eine Arbeit in einer Munitionsfabrik vor den Toren der Stadt hatte. Er verließ früh das Haus und kehrte spät heim. Seine Frau musste nicht mehr Brot auf Pump kaufen – also profitierten wohl auch die Polen vom Tausendjährigen Reich des Führers.
Hitler war der größte Führer, den Deutschland jemals gehabt hatte, größer noch als Kaiser Wilhelm und sogar Bismarck. Hitler wusste über alles Bescheid, was im Reich vor sich ging – das jedenfalls war Bernhard immer wieder eingeimpft worden, und er glaubte es gerne.
Was Hitler allerdings nicht wusste, war, dass Winston Churchill, damals Erster Lord der Admiralität, eigene Pläne hatte. Am 5. September, zwei Tage nachdem Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatten, verkündete Präsident Roosevelt die Neutralität seiner USA. Sechs Tage später nahmen Churchill und Roosevelt eine geheime Korrespondenz auf, die sie den gesamten Krieg hindurch aufrechterhielten. „Ich möchte, dass Sie und der Premierminister wissen“, schrieb Roosevelt, „dass ich es allzeit begrüße, wenn Sie mich persönlich über alles, was Sie für wichtig erachten, auf dem Laufenden halten. Sie können mir jederzeit versiegelte Briefe per Diplomatenpost schicken.“
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