„Wir werden in einem künftigen Kriege nicht nur die Front der Armee auf dem Lande, die Front der Marine zu Wasser, die Front der Luftwaffe in der Luftglocke über Deutschland haben, wie ich es nennen möchte, sondern wir werden einen vierten Kriegsschauplatz haben: Innerdeutschland.“ Mit diesen Worten wies Himmler vor dem Offizierskorps der Wehrmacht im Sommer 1937 auf „den inneren Feind“ hin, für dessen Bekämpfung weitere Konzentrationslager, Massenverhaftungen und Erschießungen politischer Häftlinge unabdingbar wären, da „die Vernachlässigung des Kriegsschauplatzes Innerdeutschland, das müssen wir uns auf jeden Fall und müssen wir uns für immer klar machen, zu einem Verlust des Krieges führen würde“.
1938 war die Unzufriedenheit mit dem Nazi-Regime durchaus weit verbreitet. „Unser genereller Eindruck ist: Unter der Mehrheit der Menschen wächst der Unmut über das Regime stetig, und wenngleich es sich wohl nicht in offener Opposition äußert, ist sich die NSDAP darüber bewusst, dass sie nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat“, berichtete ein englischer Angestellter der Hambros Bank in Berlin dem Auswärtigen Amt in London. Solche und ähnliche Berichte gab es aus ganz Deutschland; manche davon wurden, vorwiegend geheim und teilweise verschlüsselt, durch einen Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin, Ernst von Weizsäcker, nach England weitergeleitet. Woche für Woche, so berichtete von Weizsäcker nach dem Krieg, habe er Berichte an seine Partner in London weitergegeben und damit sein Leben riskiert. In seinen Erinnerungen erklärte er: „Solche Regime wie dieses können nur mit Hilfe von außen beseitigt werden.“
Anfangs hatte es noch Anlass zur Hoffnung gegeben. Sir Eric Phipps, seit 1933 britischer Botschafter in Berlin, warnte, es werde früher oder später Krieg geben, falls Hitler nicht in die Schranken verwiesen würde; zudem seien die Behauptungen von einem einigen Deutschland reine Propaganda, und noch sei es Zeit zu handeln. Seine Berichte gingen an Sir Robert Vansittart, dem ständigen Sekretär des Außenministers in London, der sie zusammen mit den Berichten von Ernst von Weizsäcker sowie seinen eigenen eindringlichen Warnungen an die Regierung weiterleitete. Die deutsche Opposition setzte große Hoffnungen in Vansittart. 1937 aber war Neville Chamberlain Premierminister und Phipps nach Paris versetzt worden. Sein Vertreter in Berlin war nun Sir Nevile Henderson, ein Mann, der sich strikt Chamberlains Appeasement-Politik verschrieben hatte. „Sir NH ist eine nationale Gefahr in Berlin“, warnte Vansittart, aber niemand wollte es hören. Die englische Regierung verlegte sich stattdessen darauf, alles zu vermeiden, was Hitler provozieren könnte. Als Chamberlain Premierminister wurde, ließ er den unbequemen Vansittart rasch durch Sir Alexander Cadogan ersetzen. „Ich fürchte, er schreibt eine weitere Abhandlung“, notierte Cadogan über seinen Vorgänger. „Ich kann nur hoffen, dass er nicht wieder über die deutsche Gefahr schwadroniert.“
Bernhard war 15, als er im Januar 1939 seine Lehrstelle antrat. Das Arbeitsamt hatte ihn ein paar einfache Eignungstests ablegen lassen und ihm eine Stelle bei Hanomag verschafft, einer Firma, die Lastwagen und Fahrzeuge für die Landwirtschaft herstellte und eine Niederlassung in Bremen betrieb. Seit Hitlers Machtübernahme allerdings wurden bei Hanomag immer mehr Fahrzeuge für die militärische Aufrüstung produziert. Der kommende Krieg würde mit Kraftfahrzeugen geführt werden statt mit Pferden, und Diesel war der neue Treibstoff, der den Sieg bringen würde. Überall im Reich wurden Hunderttausende von Hitlerjungen in Fabriken und Handwerksbetrieben ausgebildet, alles mit Blick auf den Krieg.
An den Wochentagen stand Bernhard um 5.30 Uhr auf, aß sein Frühstück aus Kaffee, Brot und Marmelade und fuhr dann mit dem Fahrrad oder bei schlechtem Wetter mit der Straßenbahn zur Arbeit. Die Haltestelle lag zu Fuß drei Minuten entfernt in der Gröpelinger Heerstraße, und die Fahrt dauerte nur 20 Minuten, danach waren es noch einmal fünf Minuten zu Fuß zum Hanomag-Werk, so dass er um 6.30 Uhr seinen Overall übergezogen hatte und bereit für die Schicht war. Im ersten Jahr war Bernhard der einzige Lehrling unter 15 ausgebildeten Mechanikern. Der Vorarbeiter im Betrieb war ein übellauniger Mann namens Budde, ein begeisterter Anhänger der Partei, der von jedem mit „Meister“ angesprochen wurde. Zum Glück war er nicht für Bernhards tägliche Ausbildung zuständig; diese Aufgabe fiel einem Mann namens Karl Wegener zu, der sein Handwerk in Lingen erlernt hatte, der Heimatstadt des berühmten Rennfahrers Bernd Rosemeyer aus der Werksmannschaft von Auto Union, die so viele Weltrekorde gebrochen hatte. Wegener war ein freundlicher Mann, der sein Handwerk verstand und dem Jungen ein guter Ausbilder war. Sie kamen von Anfang an prima miteinander zurecht.
Mit Dieselgeräten zu arbeiten war eine schmutzige, stinkende Angelegenheit, vor allem im Winter, wenn die Lastwagenmotoren demontiert und mit einer beißenden Benzinlösung gereinigt werden mussten. Oft musste Bernhard in einer Grube unter den Fahrzeugen arbeiten. Am Ende der Schicht waren seine Hände rissig und die Nägel schwarz vor Dreck und Öl. Seine Overalls waren am Ende einer Arbeitswoche vor lauter Schmiere und Fett so starr und steif, dass sie von alleine aufrecht standen. Es gab zwei Pausen am Tag, eine von 9.45 bis 10 Uhr und eine weitere von 12 bis 12.30 Uhr. Dann aß Bernhard das Mittagessen, das seine Mutter am Abend vorher zubereitet hatte. Feierabend war um fünf, außer samstags, dann war die Schicht um 12.45 Uhr zu Ende, und die Belegschaft musste die komplette Werkstatt gründlich schrubben – die Fenstersimse, die Werkbänke, die Gruben und den Boden, der so dreckig war, dass dem Schmutz nur mit einem speziellen Reinigungsmittel von Henkel namens P3 beizukommen war. Zuallererst aber musste die ganze dicke Dieselschmiere heruntergekratzt werden. Dem Meister schien es zu gefallen, an den Samstagnachmittagen herumzustehen, seinen Untergebenen bei der Arbeit in den Gruben zuzusehen und darauf zu achten, dass alles sauber war.
Als Lohn bekam Bernhard zwei Reichsmark die Woche, plus eine weitere für die Reinigung seiner Overalls. Falls der Meister am Montagmorgen feststellte, dass der Overall nicht in einer Spezialreinigung, sondern daheim gewaschen worden war, wurde die Mark wieder abgezogen. Zum Glück konnte sich Bernhard etwas zu seinem mageren Gehalt dazuverdienen: Es waren ständig und überall Kraftfahrzeuge aller Art zu reparieren und zu warten, viel mehr, als die Werkstatt in einer Woche bewältigen konnte. Bernhards Ausbilder Wegener schob sonntags Überstunden und machte dazu ein paar private Arbeiten. Bernhard half ihm oft dabei, und sie teilten den Verdienst.
In jenen Jahren vor dem Krieg war das Leben noch überschaubarer, unbeschwerter und unschuldiger. Seine Freizeit verbrachte Bernhard mit Sport oder ging, sofern er das Geld übrig hatte, ins Kino. An solchen Abenden wartete seine Mutter darauf, dass er heimkehrte und ihr den ganzen Film von Anfang bis Ende erzählte. Wenn es ein schöner, rührender Film war, schaute sie ihn sich später allein oder mit einer der Tanten an, um tüchtig zu weinen. Mädchen spielten für Bernhard damals keine Rolle; er schien es gar nicht zu bemerken, wenn sie ihn auf der Straße anlächelten. Die einzige Frau in seinem Leben war seine Mutter, und seine einzige Leidenschaft war der Sport.
Nachdem er seine Lehre bei Hanomag angefangen hatte, blieb Bernhard nur noch wenig Zeit für den Sport, also beschränkte er sich weitgehend auf den Fußball, den er sonntagmorgens auf den Plätzen in der Umgebung spielte. Vor den Spielen halfen die Spieler dabei, die Kreidelinien auf dem Platz zu ziehen, dann zogen sie sich ihre Mannschaftstrikots an. Bernhard spielte Mittelstürmer und setzte sich energisch gegen jeden durch, der sich ihm in den Weg stellte – er wusste selber nicht, woher er diesen unbedingten Siegeswillen hatte. Das sportliche Talent hatte er vom Vater geerbt, aber die Angriffslust und das Temperament waren ihm eigen. Bernhard konnte ziemlich unausstehlich werden, wenn einer seiner Kameraden beispielsweise einen schlechten Pass spielte. Zwar lernte er im Laufe der Jahre, mit Anstand zu verlieren, doch war er während des Spiels immer so aufs Gewinnen fixiert, als hinge sein Leben davon ab. Auf jeden Fall war er immer der Star, derjenige, der alle anderen in den Schatten stellte.
Читать дальше