„Ist er anders als dieser Club?“ fragte ich und blickte auf den Billardtisch.
„Ja und nein.“ Ed war an diesem Morgen nicht sehr gesprächig.
Ich zuckte die Achseln und zielte auf die gegenüberliegende Ecke. Ich traf daneben. Ed lächelte und klopfte mir auf den Rücken. Ich hatte eine Menge Fragen, aber ich wußte nicht, wie ich sie stellen sollte.
Ed versenkte aus Versehen die Acht. „Scheiße!“ zischte sie. „Scheiße.“ Sie musterte mich von oben bis unten. „Was ist?“ fragte sie.
Ich zuckte die Achseln.
„Paß auf“, sagte sie. „Ich arbeite in der Fabrik den ganzen Tag mit diesen Butches hier zusammen. Ich komme gerne hierher und verbringe meine Zeit mit euch allen. Außerdem würden Darlene und ich es keinen Monat miteinander aushalten, wenn ich ständig auf der East Side herumhängen würde. Aber ich bin auch gern mit meinen Leuten zusammen, verstehst du?“
Ich schüttelte den Kopf. Ich verstand kein Wort.
„Darlene hat nichts dagegen, daß ich hier bin. Wenn ich jedoch soviel Zeit in meinen eigenen Clubs verbringen würde, na ja, sagen wir, die Versuchung wäre zu groß.“
„Hast du Hunger?“ fragte ich sie.
„Ach, Mann, ich bin auch nur ’n Mensch.“ Sie fühlte sich angegriffen.
Ich lachte. „Nein, ich meine, wollen wir frühstücken gehen?“
Sie schlug mir auf die Schulter. „Gehn wir.“
In der Bahnhofskneipe trafen wir Darlene und die anderen Frauen. Sie waren aufgeregt wegen irgendeiner Schlägerei mit einem Kunden, in die sich alle eingemischt hatten.
„Hey, Ed“, fragte ich sie beim Kaffee, während Darlene ihre Rolle in dem Aufruhr vorspielte, „meinst du, ich könnte mal mit dir hingehen? Ich meine, ich weiß nicht, ob es okay ist, das zu fragen.“
Ed sah befremdet aus. „Warum? Was willst du denn in meinem Club?“
„Weiß auch nicht, Ed. Du bist schließlich meine Freundin, oder?“
„Na und?“
„Und heute morgen ist mir aufgefallen, wie wenig ich von dir eigentlich weiß. Das ist alles. Ich würde dich einfach gern mal auf deinem eigenen Terrain sehen.“
Darlene zupfte Ed am Ärmel: „Baby, du hättest dabei sein sollen. Wir haben dem Typ in den Arsch getreten, bis er nur noch Sterne sah! Er hat um Gnade gefleht.“
„Muß ich drüber nachdenken. Ich weiß nicht“, sagte Ed zu mir.
„Kein Problem. War ja nur ’ne Frage.“
Bald darauf kam Ed nicht mehr ins Malibou. Ich fragte Grant, was los wäre, aber sie sagte nur, daß Ed nicht mehr die alte wäre, seit sie Malcolm X in New York ermordet hatten. Ich wollte Ed anrufen und mit ihr reden, aber Meg hielt mich davon ab. Sie erzählte mir, daß die Butches im Werk sagten, Ed wäre voll durchgedreht vor Wut und daß wir sie lieber in Ruhe lassen sollten. Ich fand das nicht richtig, aber der Rat war von einer der alten KVs gekommen, also hielt ich mich daran.
Es war Frühling, als Ed mir endlich über den Weg lief. Ich war so froh, sie zu sehen, daß ich die Arme ausbreitete, um sie zu drücken. Sie beäugte mich mißtrauisch, als sähe sie mich zum erstenmal. Ich hatte Angst, daß ihr nicht gefallen würde, was sie sah. Doch nach einer Weile breitete auch sie die Arme aus. Sie zu umarmen war, als käme ich heim.
Ed kam jetzt wieder öfter ins Malibou. Eines Morgens sagte sie aus heiterem Himmel: „Ich habe darüber nachgedacht.“
Ich wußte sofort, was sie meinte – ob sie mich in ihren Club mitnehmen würde.
„Ich wußte nicht, wie ich das finden würde, dich mitzunehmen, verstehst du? Aber nächsten Samstag ist eine Geburtstagsparty für zwei Frauen. Eine der beiden ist weiß. Ich dachte, falls du mitkommen willst …“
Ich wollte. Wir beschlossen, mit Eds Auto zu fahren.
Am Samstagabend holte Ed mich ab. Während der Fahrt schwiegen wir.
„Hast du Angst?“ fragte sie schließlich.
Ich nickte.
Sie schnaubte und schüttelte den Kopf. „Vielleicht war das ein Fehler.“
„Nein“, erwiderte ich. „Es ist nicht so, wie du denkst. Ich habe immer Schiß, wenn ich in einen neuen Club gehe, egal in welchen. Kennst du das?“
„Nein“, sagte Edwin. „Ähm, na ja, vielleicht. Ich weiß nicht.“
„Hast du Angst, Ed? Weil du mit einer weißen Butch in den Club kommst, meine ich.“
„Ja, vielleicht ein bißchen“, antwortete sie, während sie in den Rückspiegel blickte. Sie hielt an einer roten Ampel und bot mir eine Zigarette an. „Aber ich mag dich, weißt du.“
Ich sah aus dem Autofenster und lächelte. „Ich mag dich auch, Ed. Sehr.“
Mir fiel auf, daß ich zwar nach der Schule mit Freundinnen in der Nähe der Schwarzenviertel herumgehangen hatte, aber nie wirklich auf der East Side gewesen war. „Buffalo ist wie zwei Städte in einer“, sagte ich. „Ich wette, eine Menge Weiße sind in dieser hier noch nie gewesen.“
Ed lachte bitter und nickte. „Die Rassentrennung blüht und gedeiht in Buffalo. Hier ist es“, fügte sie hinzu und zeigte auf ein Gebäude.
„Wo denn?“
„Wirst du gleich sehen.“ Ed parkte in einer Seitenstraße.
Wir kamen an die Tür. Ed klopfte laut. Ein Auge erschien im Spion. Als die Tür aufging, scholl uns laute Musik entgegen. Der Laden war brechend voll. Viele Butches kamen sofort an, um Ed zu begrüßen; sie schüttelten ihr die Hand oder umarmten sie. Ed zeigte auf mich und brüllte ihnen über die Musik hinweg etwas ins Ohr. Einige Frauen boten uns an, an ihrem Tisch zu sitzen, und schüttelten mir die Hand, als ich mich setzte. Ed bestellte uns Bier und setzte sich neben mich.
„Daisy hat schon ein Auge auf dich geworfen!“ schrie Ed mir ins Ohr. „Die Frau, die auf der anderen Seite der Tanzfläche sitzt, in dem blauen Kleid. Sie hat sich nach dir erkundigt.“
Ich lächelte Daisy zu. Sie senkte den Blick; dann sah sie mich mutig an. Ein paar Minuten später flüsterte sie ihrer Freundin etwas zu und stand auf. Sie trug blaue Schuhe mit Pfennigabsätzen, passend zu ihrem Kleid. Mit sicheren Schritten kam sie direkt auf mich zu.
„Der Herr sei mit dir, Kid“, rief Ed mir zu, als ich aufstand. Daisy streckte die Hand aus und wollte mich zur Tanzfläche ziehen. Edwin griff nach meiner anderen Hand und zog mich zu sich herunter. „Immer noch Muffensausen?“ schrie sie mir ins Ohr.
„Ich gewöhn mich schon ein!“ rief ich über die Schulter zurück.
„Ich fasse es nicht!“ sagte Ed Stunden später zu mir, als wir den Club verließen. „Ich gewöhn mich schon ein“, äffte sie mich lachend nach und boxte meine Schulter. „Mensch, hast du ein Glück, daß Daisys Ex nicht da war. Sie hätte dich in deinen verdammten weißen Arsch getreten …“
Sie wurde jäh unterbrochen, als eine Hand sie an der Schulter packte und herumriß. Ich wurde in den Rücken gestoßen. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Streifenwagen; beide Türen weit offen. Zwei Bullen stießen uns mit ihren Schlagstöcken vor sich her. „An die Wand, Mädels!“ Sie drängten uns in eine Gasse. Ed legte mir ermutigend die Hand auf die Schulter.
„Behalt deine Pfoten bei dir, Bulldagger!“ schrie einer der Bullen, während er sie gegen die Wand schleuderte.
Selbst als ich schon gegen die Mauer gestoßen wurde, spürte ich noch den Trost ihrer Hand, die kurz auf meiner Schulter gelegen hatte.
„Beine breit, Mädchen! Breiter!“ Einer der Bullen packte mich am Schopf und riß meinen Kopf zurück, während er meine Beine auseinandertrat. Er zog mir die Brieftasche aus der Hose und öffnete sie.
Ich sah zu Ed hinüber. Der Bulle tastete sie ab und fuhr mit seinen Händen ihre Oberschenkel hoch. Er zog ihr das Portemonnaie aus der Tasche, nahm das Geld raus und stopfte es sich in die Hosentasche.
„Augen geradeaus!“ Der Bulle hinter mir hatte seinen Mund dicht an meinem Ohr.
Der andere Bulle brüllte Ed an. „Du glaubst also, du bist ein Mann, he? Kannst du es auch nehmen wie ein Mann? Wir werden ja sehen. Und was ist das hier?“ sagte er. Er schob ihr Hemd hoch und riß ihr den Brustbinder runter. Er griff so brutal nach ihren Brüsten, daß sie nach Luft schnappte.
Читать дальше