1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 Wenn die Bar in den frühen Morgenstunden zumachte, gingen wir ziemlich angeheitert die Straße runter, Jacqueline in unserer Mitte. Sie hob dann den Kopf gen Himmel und sagte: „Danke, lieber Gott, für diese beiden gutaussehenden Butches.“ Al und ich beugten uns dann vor und zwinkerten einander zu, und wir lachten aus purer Freude darüber, daß es uns gab und daß wir zusammen waren.
An den Wochenenden ließen sie mich auf ihrem alten Sofa schlafen. Um vier Uhr morgens briet Jacqueline Eier, während Al mir was beibrachte. Es war immer dieselbe Lektion: Werde hart. Al sagte nie genau, was mir bevorstand. Es wurde nie ausgesprochen. Aber ich begriff, daß es etwas Schreckliches sein mußte. Ich wußte, daß sie sich Sorgen machte, ob ich es überleben würde. Ich war nicht sicher, ob ich dazu schon in der Lage war. Als Botschaft lautete: Du bist es noch nicht!
Das war nicht sehr ermutigend. Aber ich wußte, daß Als Lektionen so hart waren, weil es ihr dringlich schien, daß ich so schnell wie möglich auf dieses schwierige Leben vorbereitet wurde. Sie wollte mich nicht verletzen. Sie nährte meine Butch-Stärke so, wie sie es am besten verstand. Und, wie sie häufig betonte, für sie hatte das niemand getan, als sie eine Baby Butch gewesen war, und sie hatte trotzdem überlebt. Das war merkwürdig beruhigend. Butch Al war meine Mentorin.
Al und Jackie bauten mich auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Jacqueline schnitt mir in der Küche die Haare. Sie nahmen mich mit in die Second-Hand-Läden, um mir mein erstes Sportsakko mit Krawatte zu kaufen. Al ging die Kleiderständer durch und suchte ein Jackett nach dem anderen aus. Ich probierte sie der Reihe nach an. Jackie legte den Kopf schief und lehnte eines nach dem anderen ab. Schließlich strich sie mir übers Revers und nickte zufrieden. Al stieß einen leisen anerkennenden Pfiff aus. Ich war im siebten Butch-Himmel.
Und dann die Krawatte. Al suchte sie für mich aus. Einen schmalen schwarzen Seidenschlips. „Mit einem schwarzen Schlips kannst du nichts falsch machen“, verkündete sie mir feierlich. Und natürlich hatte sie recht.
Es machte schon Spaß. Aber die Sache mit dem Sex lag mir auf der Seele, und Al wußte das. Eines Tages, als wir am Küchentisch saßen, holte Al einen Pappkarton hervor und meinte, ich sollte ihn aufmachen. Er enthielt einen Gummi-Dildo. Ich war schockiert.
„Du weißt, was das ist?“ fragte sie mich.
„Klar“, sagte ich.
„Du weißt, wie man ihn benutzt?“
„Klar“, log ich.
Jacqueline klapperte mit dem Geschirr. „Mein Gott, Al, laß die Kleine doch mal in Ruhe!“
„Eine Butch muß Bescheid wissen“, beharrte Al.
Jackie warf das Geschirrtuch in die Ecke und verließ entnervt die Küche.
Dies sollte die Butch-Version eines Aufklärungsgesprächs werden. Al redete, und ich hörte zu. „Weißt du, wovon ich rede?“ drängte sie.
„Klar“, sagte ich. „Klar.“
Als Jackie in die Küche zurückkam, war Al überzeugt, mir genug Informationen vermittelt zu haben.
„Noch eins, Kid“, fügte sie dann hinzu. „Benimm dich nicht wie diese Bulldagger, die sich das Ding umschnallen und ohne Rücksicht auf Verluste loslegen. Zeig den gebührenden Anstand, verstehst du, was ich meine?“
„Klar“, sagte ich. Ich hatte keine Ahnung.
Al ging aus der Küche, um vor dem Schlafengehen noch zu duschen. Jacqueline trocknete weiter das Geschirr ab, bis die Röte aus meinem Gesicht gewichen war und meine Schläfen aufgehört hatten zu pochen. Sie setzte sich neben mich auf einen Küchenstuhl. „Hast du verstanden, was Al dir erzählt hat, Schätzchen?“
„Klar“, sagte ich und schwor mir, das nie wieder zu sagen.
„Gibt es da noch etwas, was du nicht verstehst?“
„Also“, sagte ich langsam, „es klingt, als ob man ein bißchen üben muß, aber ich habe eine ungefähre Vorstellung. Ich meine, das mit vorne und hinten und oben und unten hört sich so an, na ja, als müßte ich es üben, bis es richtig klappt.“
Jacqueline machte ein verwirrtes Gesicht. Dann lachte sie, bis ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Schätzchen“, fing sie an, aber sie mußte so lachen, daß sie nicht weiterreden konnte. „Du kannst das Ficken doch nicht nach dem Mechanik-Lehrbuch lernen. So wird eine Butch keine gute Liebhaberin.“
Aha. „Und wie wird eine Butch eine gute Liebhaberin?“ fragte ich und versuchte dabei so zu tun, als wäre mir die Antwort nicht besonders wichtig.
Ihr Blick wurde weicher. „Das ist schwer zu erklären. Ich glaube, eine gute Liebhaberin respektiert die Femme. Sie hört auf den Körper ihrer Femme. Sie achtet darauf, auch wenn es härter zur Sache geht, daß die Femme genau das auch will und daß sie selbst dennoch aus einer inneren Sanftheit heraus handelt. Kannst du das nachvollziehen?“
Das konnte ich nicht. Das war nicht die Art von Information, die ich gewollt hatte. Es stellte sich jedoch heraus, daß das genau die Information war, die ich gebraucht hatte. Um das zu begreifen, mußte ich allerdings mein ganzes Leben darüber nachdenken.
Jacqueline nahm mir den Gummi-Dildo aus der Hand und legte ihn mir vorsichtig auf den Oberschenkel. Meine Körpertemperatur stieg. Sie berührte ihn sanft, als wäre er etwas wirklich Schönes.
„Weißt du, damit könntest du bewirken, daß sich eine Frau richtig gut fühlt. Vielleicht besser als je zuvor in ihrem Leben.“ Sie hörte auf, den Dildo zu streicheln. „Du könntest sie aber auch sehr verletzen und an die anderen Situationen in ihrem Leben erinnern, in denen sie verletzt worden ist. Daran mußt du jedesmal denken, wenn du ihn umschnallst. Dann wirst du eine gute Liebhaberin.“
Ich wartete, hoffte auf mehr. Doch Jackie stand auf und machte sich in der Küche zu schaffen. Ich ging zu Bett. Ich versuchte, mir jedes Wort, das mir gesagt worden war, unauslöschlich einzuprägen, bis ich einschlief.
Alle in der Bar kriegten es mit, als Monique anfing, mit mir zu flirten. Monique jagte mir höllische Angst ein. Jacqueline hatte einmal gesagt, daß Monique Sex wie eine Waffe benutzte. Wollte Monique mich wirklich? Die Butches sagten es, also mußte es stimmen. Irgendwie wußten alle sofort, daß ich meine Butch-Jungfräulichkeit bei Monique verlieren würde.
Am Freitagabend schlugen die Butches mir auf die Schultern, rückten meine Krawatte zurecht und schickten mich rüber an Moniques Tisch. Als wir zusammen die Bar verließen, bemerkte ich, daß mich keine der Femmes ermunterte. Warum wich Jacqueline meinem Blick aus? Sie klopfte nur mit ihren langen lackierten Fingernägeln an ihr Whiskyglas und starrte es an, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Ahnte sie die bevorstehende Tragödie?
Am nächsten Abend ging ich später als sonst in die Bar und hoffte, daß Monique und ihre Freundinnen nicht da wären. Doch sie waren da. Ich schlich mich zu unserem Tisch und setzte mich. Niemand wußte, was in der letzten Nacht passiert oder nicht passiert war. Aber alle wußten, daß irgend etwas absolut nicht stimmte.
Ich saß da und ertrank in meiner Scham, als ich an die vergangene Nacht dachte. Als wir bei Monique zu Hause angekommen waren, war ich schon ganz verängstigt gewesen. Mir war klar geworden, daß ich gar nicht genau wußte, was Sex eigentlich war. Womit und wie fing es an? Was wurde von mir erwartet? Und Monique jagte mir eine Höllenangst ein. Plötzlich überlegte ich es mir anders. Ich machte einen Rückzieher. Ich plapperte nervös drauflos. Monique grinste süffisant. Als ich vom Sofa zu einem Stuhl wechselte, folgte sie mir. „Was is’n?“ spottete sie. „Magst du mich nicht, Schätzchen? Was is’n los, ey!“ Ich redete belangloses Zeug, bis Monique entnervt aufstand. „Mach, daß du hier rauskommst!“ Ihre Stimme klang angewidert. Erleichtert murmelte ich irgendwelche Ausflüchte und rannte aus dem Haus.
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