Nach einer Erkrankung, die sich Nikolaus von Kues auf dem Weg nach Venedig und in Vorbereitung eines sogenannten »Kreuzzugs gegen die Osmanen« zugezogen hatte, verstarb Nikolaus von Kues erst 63jährig am 11. August 1464 in dem umbrischen Bergstädtchen Todi. Sein Grab befindet sich in seiner römischen Bischofskirche in S. Pietro in Vincoli (Sankt Peter in Fesseln), während sein Herz, seinem ausdrücklichen Wunsch gemäß, in der Kapelle des von ihm und seinen Angehörigen gestifteten Sankt-Nikolaus-Hospitals in Kues, also an seinem Geburtsort, beigesetzt ist. Im dortigen Hospital hütet man auch seine umfangreiche Bibliothek, die er als Gelehrter in Gestalt seltener Handschriften im Laufe seiner Schaffensjahre zusammengetragen hatte. Die Mittel dazu und für die im Spital zu betreuenden Armen schöpfte er aus zahlreichen gut dotierten Pfründen und Privilegien.
III. Elemente seines Denkens
Obwohl Nikolaus infolge seiner ausgedehnten, in der Regel auftragsbedingten Reisen durch Deutschland, in Italien, nach Athen und bis nach Konstantinopel ein überaus bewegtes Leben führte, ist der Umfang seines literarischen Schaffens beträchtlich. Gott, Welt, Mensch, der innere wie der äußere Friede bestimmen sein auf Ausgleich und Versöhnung angelegtes Denken. Auf eine universell aufzufassende Ganzheit hin, in der Gegensätze eine komplementäre Rolle spielen, sind seine philosophischen und theologischen Schriften ausgerichtet. Durch sie hat er schon zu Lebzeiten Anerkennung und schließlich einen prominenten Platz in der europäischen Religions- und Geistesgeschichte erworben.8
Versucht man sein Lebenswerk auf einen einfachen Nenner zu bringen, dann darf von seinem unablässigen Streben nach Erkenntnis wie nach Verwirklichung einer allem zugrunde liegenden Einheit gesprochen werden. Zu überwinden war ein Denken, das sich prinzipiell einem Verharren in unversöhnlichen Gegensätzen verschrieben hat. Was er auf der religionsphilosophischen Ebene als Zusammenfallen (Koinzidenz) aller denkbaren Gegensätze ( coincidentia oppositorum ) begreiflich zu machen suchte, das fand in seinen innerkirchlichen wie weitreichenden kirchendiplomatischen Aktivitäten eine historisch bemerkenswerte Entsprechung. Es ging ihm sowohl um die Reform der Kirche ( Ecclesia semper reformanda ) großen Stils, etwa im Verhältnis von Papsttum und den Bischöfen, als auch mit Blick auf die Reformbedürftigkeit von Ordensgemeinschaften um das fragwürdig gewordene Leben in vielen Klöstern sowie um beklagenswerte regionalkirchliche Verhältnisse. Dabei wird ihm nachgesagt, dass er in seinem Eifer zuweilen verurteilende Härte zeigte und in Feindseligkeiten – zumindest ausnahmsweise – vor Gewaltanwendung nicht zurückschrak. Wie schon beim Blick auf Nikolaus’ Lebenslinien erwähnt, ist seinen Bemühungen um Verständnis, Dialog und Begegnung mit anderen Religionen, selbst mit dem Islam, eine besondere Bedeutung beizumessen. Nikolaus predigt, schreibt und stellt sich dem freimütigen Gespräch – und in der Regel leitet ihn das Lebensthema dieses zur Harmonisierung des Gegensätzlichen tendierenden Menschen.
Von ihm selbst erfahren wir von einem inspirativen Moment, als ihm als ein »Geschenk des Himmels vom Vater des Lichts« eine wichtige Einsicht zuteil wurde – geschehen 1438 anlässlich einer stürmischen Überfahrt von Athen nach Venedig, als er den griechischen Kaiser samt dem ostkirchlichen Patriarchen von Konstantinopel zum Unionskonzil nach Ferrara zu begleiten hatte. Und jenes Himmelsgeschenk besteht für ihn in der spontan auftretenden Einsicht, dass das Unbegreifliche naturgemäß nicht etwa auf begreifliche Weise zugänglich sei. So wie nach einem Wort des Apostels Paulus (1 Kor 13,9) »unser Wissen Stückwerk« ist, so entzieht sich die absolute Wahrheit dem menschlichen Bestreben, das Wissen auf allen Gebieten zu erweitern. Doch die Wahrheit bleibt – so ist er überzeugt – der Unwissenheit anheimgegeben. Sie nimmt den Charakter einer »belehrten Unwissenheit«, einer docta ignorantia, an. Auch wenn sich dieses Gewahrwerden für ihn als eine unvermittelt scheinende Erkenntnis darstellt, ist es doch zugleich auch Resultat seines jahrelangen Erkenntnisringens.
In seinen beiden Hauptwerken De docta ignorantia, 1440 im heimatlichen Kues fertiggestellt, und dem thematisch daran anschließenden über das Wesen von Mutmaßungen ( De coniecturis ) sowie in weiteren Schriften hat Nikolaus die Ergebnisse seines Denkens niedergelegt und in den daraus sich ergebenden Konsequenzen erläutert. Analog zu den Erkenntnisbemühungen antiker Denker bezeichnete er sein Tun als eine im Wesen des Menschen angelegte »Jagd nach der Weisheit«. Darüber hat er sich in einem Spätwerk ( De venatione sapientiae ) geäußert . Unerlässlich erscheint es ihm, die für ihn verpflichtende Wahrheit des christlichen Glaubens vorauszusetzen. Das kommt nicht zuletzt in seinen religionsphilosophischen Erwägungen und bei der Einschätzung des Korans zum Ausdruck. Aus diesem kirchlich-christlichen Vorverständnis macht er kein Hehl!
Als Philosoph steht der Cusaner in der großen Tradition des abendländischen Denkens. Seine Gewährsleute sind Platon, der mythische Hermes Trismegistos9 und die Lehrmeister der zur christlichen Mystik hinleitenden neuplatonisch-christlichen Philosophie, an ihrer Spitze der namenlos um 500 schreibende (Pseudo-)Dionysios Areopagita, dem die Mystik des Mittelalters, unter anderem auch Meister Eckhart und dessen Schule, verpflichtet gewesen ist. Auf dieser Basis formuliert Nikolaus die Elemente seines auf die Gott-Suche ausgerichteten Denkens. Es ist entfaltet in einer Reihe von Schriften, wie etwa in seiner Trilogie zum Gottesbild. Dabei widmet er sich der Gottsuche ( De quaerendo Deum ), besinnt sich auf das Wesen der Gotteskindschaft ( De filiatione ) und bezieht die Verborgenheit Gottes ( De Deo abscondito ) ein. In Spannung dazu stehen Überlegungen zu einer Gottesschau ( De visione Dei ) bis hin zum Gipfel eines solchen Schauens ( De apice theoriae ), und zwar – in der erklärten Nachfolge des großen Areopagiten – stets in dem Bewusstsein, dem Absoluten in seiner Tiefe erkennend gar nicht gewachsen zu sein. »In der geschaffenen Welt ist die Einheit ›entfaltet‹ zu einer Vielheit des Andersseins, dem unterscheidenden Verstand zugänglich. Mit der Vernunft können wir uns darüber hinaus in einem ›incomprehensibiliter inquirere‹, einem Forschen, das das Begreifen im mystischer Weise übersteigt, der Wahrheit nähern und das Unendliche ›berühren‹.«10
Von Nikolaus von Kues sind vielfältige, bisweilen divergierende Wirkungen ausgegangen. Bemerkenswert ist, dass sein Schrifttum auch nach seinem Tod in zunehmendem Maße gefragt war. So zählt man zwischen 1488 und 1565 allein fünf Werkausgaben, dazu die Verbreitung mehrfach aufgelegter einzelner Texte. »Dabei ging es um so disparate Fragen wie die nach den Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, nach der Reichweite rationaler Argumentation in der Theologie oder nach der Möglichkeit einer Rekonstruktion der ursprünglichen Weisheit ( prisca sapientia ), ferner um kosmologische Probleme wie das der Unendlichkeit des Alls und der Pluralität der Welten und mathematische Probleme wie das der Quadratur des Kreises, immer aber um die docta ignorantia und die coincidentia oppositorum . In diesen und anderen Themenbereichen wurden die Gedanken des Cusaners rezipiert.«11
Zu seinen Lebzeiten wurden seine Gedanken beispielsweise im Gedankenaustausch mit Ordensleuten bekannt. Dazu gehörten beispielsweise die Benediktiner, Abt und Prior im Kloster Tegernsee. Weil sich der Briefwechsel in wesentlichen Teilen erhalten hat, sind wir über die Argumentationsweisen im Bilde.12 Ihnen erläutert er unter anderem seine zentrale, berühmt gewordene These von dem Zusammenfall der Gegensätze ( coincidentia oppositorum ) . Die Schöpfung ist ein einziges Dokument der Entfaltungs- und Offenbarungsmöglichkeiten Gottes. Oder unter dem speziellen cusanischen Aspekt, durch den Gottes Überfülle zum Ausdruck gebracht werden soll: »Gegensätze, die in Gott eins sind, in der Welt aber auseinandertreten: in jener Welt, die als ›explicatio Dei‹, als Entfaltung jenes Gottes zu verstehen ist, der selber das Viele ohne Vielheit und der Gegensatz in der Identität ist. Dies ist ein Denken, das geradewegs zum deutschen Idealismus, zu Hegel, aber auch zu Whitehead und Teilhard de Chardin führt.«13 Dieser Zusammenfall des bei vordergründiger Betrachtung nicht zu Vereinbarenden gehe ebenfalls über das nur verstandesmäßige Erkennen hinaus und sei allein dem schauenden Erkennen der Vernunft, der visio intellectualis, nicht aber dem Verstand ( ratio ) zugänglich . Weil aber in Gott die Gegensätze zusammenfallen, ist er der Eine schlechthin.14 Genannt wird ferner der Kartäuser Dionysius.
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