In diese trübe Flut uralter brutalster Herrschaft der Privilegierten und ebenso uralter sehr großer Hilfs- und Willenlosigkeit der Unterdrückten mündete nun seit über einem Jahrhundert die reine Quelle des Sozialismus: ist es da zu verwundern, daß sie sich beständig In der Flut verliert? Eine Quelle vermag einen Strom nicht zu reinigen, sie geht darin unter. Die seit der Vorzeit autoritär gedrillte Menschheit hörte als Masse die Freiheitsrufe einiger Sozialisten der letzten hundert Jahre in ihrer ursprünglichen echten Form einfach nicht, während sie den Lockungen autoritärer Verfälscher des Sozialismus um so leichter Gehör schenkte, je müheloser ihr dies gemacht wurde und wird. So entstanden die heutigen Scheinerfolge, sozialistische Majoritäten bei englischen und deutschen Wahlen, während zugleich ein Magdeburger Parteitag und Moskauer Parteikongreß die bekannten Taten sozialistischer Machthaber gegen das Volk und andersdenkende Sozialisten, als selbstverständliche Begleiterscheinungen der Macht betrachten. So ist das einstige Gold sozialistischer Ideen und Gefühle auf wertloses Schaumgold verflattert, von dem sich einzelne Atome über Millionen verteilen. Ich sehe vollkommen ein, daß es nicht anders kommen konnte, sobald man die abschüssige Ebene der Erfolgshascherei betrat, die zugleich für alle militanten Parteisozialisten eine sichere persönliche Versorgung in immer steigendem materiellen Umfang bedeutete. Aber diese Parteien wurden dadurch zu Gauklern, die mit Vorspiegelungen arbeiten, die den Vertröstungen der Geistlichkeit aller Zeiten auf das Himmelreich immer ähnlicher sehen, und es kann nicht der Wille der wirklichen Sozialisten und aller human denkenden Menschen sein, zuzusehen, wie sich systematisch ein neues Pfaffentum neben oder an die Stelle des alten Pfaffentums stellt.
So viele sentimentale Bande noch immer auch die freiheitlichsten Sozialisten mit allem verbinden, was sie noch immer als relativ volksfreundliche Aktionen betrachten, sollten wir doch endlich einmal versuchen, in diesen Dingen ganz klar zu sehen und entsprechend zu handeln. Sonst vergehen die Jahre umsonst, unsere Reihen verfallen und der ganze Sozialismus verläuft im Sande. Denn nichts garantiert ihm dauerndes Leben, wenn er sich selbst aufgibt, das heißt von dem allgemeinen autoritären System wieder absorbiert wird, das im Lauf der Zeiten unzählige seiner Bekämpfer lahmzulegen und in ihren Folgen fast oder ganz spurlos verschwinden zu machen verstand und das wahrlich vor dem Stimmzettel, dem Mitgliedsbuch und selbst zeitweiligen Diktaturen nicht kapitulieren wird, da es sich zu fest auf die autoritäre Mentalität ungeheurer Massen stützen kann.
Ist deshalb der freiheitliche Sozialismus aussichtslos? Nicht im geringsten, nach meiner Überzeugung, sobald er nur endlich beginnen wird, sich an die freiheitswilligen und in nennenswertem Grade freiheitsfähigen Teile der Menschheit direkter zu wenden als dies bisher geschieht. Hierzu müssen wir zunächst mit uns selbst ehrlich sein. Bei aller Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen und unserem Wunsch, in jedem möglichst viele Keime und Möglichkeiten einer gedeihlichen und solidarischen Entwicklung als Mensch und Bruder zu erkennen und zu fördern, wissen wir doch daß die Menschen unendlich verschieden sind, daß sie ebenso sehr verschieden schwer oder leicht in besserem Sinn beeinflußt werden können und ebenso, daß bei all dem die Klassenzugehörigkeit wirklich nichts zu sagen hat. Der Sozialismus in seinen uneigennützigsten, opfermutigsten, revolutionärsten Richtungen hatte seit jeher auf die besten Elemente absolut aller Klassen eine Anziehungskraft, die alle Klassenschranken durchbrach. Dasselbe gilt von allen freiheitlichen und humanitären Richtungen, von denen keine einzige ein Klassenmonopol war. Klassenangelegenheiten sind unmittelbare praktische Kämpfe, die Gewerkschaftsbewegung also und ähnliche agrarische Schutzbewegungen, aber selbst hier ist der reine Klassenstandpunkt durchaus nicht immer allein maßgebend, wie z.B. das Zusammengehen der Schutzzollbestrebungen (Importe und Einwanderung) von Arbeitern und Kapitalisten in Nordamerika, die häufige Interessengemeinschaft von Bauern und Großagrariern usw. beweisen.
Nicht eine einzige wertvolle menschliche Bewegung ist also reine Klassenangelegenheit: wie sollte dies also die wertvollste aller Bewegungen, die Sache der Befreiung der Menschheit von Herrschaft und Ausbeutung sein?
Die marxistische Klassenideologie bildete sich aus, weil man zuerst in den durch das Fabriksystem als unvermeidliche Abwehr ins Leben gerufenen Trade Unions dann in den von der demokratischen Illusion zu Massen gruppierten, nach Wahlrecht dürstenden Chartisten und in den sowohl vom bonapartistischen, wie vom republikanischen allgemeinen Stimmrecht in Frankreich rekrutierten Wählermassen Armeen zu sehen glaubte, denen man mit einiger Geduld und Ausdauer eine sozialistische Führerschaft aufoktroyieren zu können glaubte, was ja auch in unerwartetem Umfang gelang. Es blieb aber immer dieselbe Masse, die noch nie einen wirklichen Willen zu einer Tat im Sinn der ihr suggerierten Ideen gezeigt hat; denn wenn man einmal die Geschichte ihrer legendären Hüllen entkleiden würde, würde sich zeigen, in welchem Grade jedes revolutionäre Kapitel der Geschichte der Initiative kleiner Minoritäten entstammt und die Masse sich nur mit der sehr günstigen Konjunktur oder erst nach der vollendeten Tatsache einstellte. Jede Klassenmasse ist eben trotz dem äußeren Anschein ohne innere Konsistenz, verschiedenartig und daher brüchig und träg. Treibende Faktoren waren immer individuelle und kollektive Initiativen, bestehend aus für einen Zweck bewußt zusammenarbeitenden Elementen der verschiedensten Herkunft. Auch dies wäre leicht für jede Sphäre des Fortschritts nachzuweisen. Es müßte also mit Wunder zugehen, wenn dies für die Zusammenfassung aller Fortschritte anders sein sollte und hier sich auf einmal alles anders, als Kulissenwechsel der Klassen voll, ziehen sollte. Nur wer gänzlich marxgläubig ist, kann dies glauben, und für diesen hat jeder sonstige Sozialismus seinen Sinn verloren, und es ist vergeblich, mit ihm zu diskutieren: seine Antwort an alle anderen Sozialisten sind nur Kerker oder Tod, wenn er wie im heutigen Rußland über diese staatlichen Machtmittel verfügt.
Glaubt nun etwa jemand, dem diese Klassenideologie heute noch unentbehrlich erscheint, daß ihm durch Aufgeben derselben wirklich etwas genommen würde? Ich fasse es so auf, daß ihm dadurch nur etwas gegeben würde, der innere Zusammenhang mit allen guten Elementen der Menschheit, ohne die nie eine gute Sache wirkliche Ausdehnung gewann. Diese Elemente sind auch von selbst zum Klassensozialismus gekommen, wird man einwenden. Gewiß, aber es wird immer eine offene Frage bleiben, ob sie nicht in diesen hundert Jahren einem wirklichen Menschheitssozialismus einen ganz anderen Umfang und Inhalt zu geben verstanden hätten. Der klassenexklusive Sozialismus verstand es nicht, und wollte es meist auch gar nicht, mit irgendeiner Menschen im Allgemeinen bewegenden Frage und Richtung in ein klares Verhältnis zu treten.
Betrachten wir z.B. die Freidenker; hier fürchtet man Wähler- und Mitgliederverlust und proklamiert Religion zur Privatsache, oder man fürchtet Kontakt mit anderen Menschen und organisiert proletarische Freidenker. Oder die Kooperationsbewegung, die man einerseits als verbürgerlichend perhorresziert oder andererseits parteimäßig gefärbt und isoliert selbst betreibt. Oder die antimilitaristischen und Friedensbewegungen, die man durch einige Worte in den Parteiprogrammen und gelegentliche Internationalitätsversicherungen in friedlichen Zeitläufen zu ersetzen glaubt. Von jeder der lebenden Bewegungen ist der Sozialismus verachtungsvoll getrennt oder er sucht sie mit Parteifärbung nachzuahmen. Komisch ist, daß schließlich doch all diese partiellen Besserungsbestrebungen in den Sozialismus eingedrungen sind, aber notgedrungen, als unwillkommene Gäste und durch Isolierung und Parteianstrich verkümmernd. Statt zuerst und aus sich heraus die Welt mit humanitären Ideen und Anregungen zu überschütten, wie vor hundert Jahren Robert Owen, die Saint-Simonisten und viele andere Sozialisten es taten, ist längst der organisierte Sozialismus von heute so ziemlich der letzte geworden, der einer allgemeinen freiheitlichen und fortschrittlichen Anregung folgen würde.
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