Jeder Versuch, groß oder klein, müßte im Geist hingebender Arbeit für das künftige große Ziel gemacht werden und nicht zur Erreichung unmittelbaren persönlichen Lebensgenusses. Auch für letzteren Zweck tun sich Personen zusammen, und es ist ihre Sache, und ich gönne ihnen den Genuß, nur ist eben ihre Mitarbeit am großen Bau der Zukunft gering und sie sollten auf jeden Fall nicht dabei das große Wort führen wollen. Im Übrigen ist auch ihr Wille, sich dem Druck des heutigen Systems auf irgendeine Weise zu entziehen, willkommen und zu begrüßen.
Klassensozialismus und Menschheitssozialismus (1931)
(Erstpublikation August 1931, erschienen in: „Die Internationale“)
Unzählbare Jahrtausende uns in ihrem wahren Wesen unerforschbarer Entwicklungen belasten die heutige Menschheit, die in ihren ältesten geschichtlich erreichbaren Zeiten schon überall dort, wo Bodenverhältnisse usw. umfangreiche Eroberungen erleichterten, ausgebildete Herrschaftssysteme zeigt, vom Typus, den man den “orientalischen Despotismus” nennt (Westliches Asien, Ägypten usw.). Diesem expansiven Despotismus leisteten kleinere Bergvölker heroischen Widerstand, entwickelten aber dadurch meist einen derartigen Militarismus, daß sie ihrerseits darauf brannten, sich als Eroberer auf weniger geschützte Völker des Flachlandes zu stürzen. Seevölker endlich benutzten früh die Waffe des Schiffes, das Waren, aber auch Krieger trägt, und begründeten die Stadtkolonien an den Seeküsten, denen das friedliche Hinterland bald auf jede Weise tributär wurde. So ist in den uns bekannten etwa zehntausend Jahren der Geschichte unaufhörliche Eroberungslust am Werk, die noch von den der Ausdehnung zur See parallelgehenden zeitweiligen Völkerwanderungen und nomadischen Invasionen vermehrt wurde.
All dies bedingte eine schon durch endlose Generationen gefestigte Trennung der Menschen in Herrschende und Beherrschte, Befehlende und Gehorchende, Besitzende und Besitzlose, relativ Gebildete und der Bildungsmöglichkeiten beinahe oder gänzlich Beraubte, und all diese Ungleichheit, gesichert und konsekriert durch physische und geistige Mittel, durch den grausamsten Zwang und die beständige Aufsicht der Werkzeuge der Obrigkeit und durch einen auf jede Weise gezüchteten Unterwürfigkeitssinn, der an Empörung gar nicht denkt oder sie mindestens als gänzlich aussichtslos betrachtet. In diesem Rahmen schleppen sich die geschichtlichen Jahrtausende dahin, und es gibt nichts, aber auch gar nichts von dem Uralten, das man als “heutzutage unmöglich” bezeichnen könnte. Sucht man die Folter, man hat sie in den Untersuchungskerkern einer Reihe von Ländern gefunden; sucht man Kannibalismus, man fand ihn soeben bei den Zigeunern der Slowakei. Wann wurde ein grausamerer Krieg geführt als der Weltkrieg, wann wurden grausamere Friedensbedingungen diktiert und auch den kommenden Generationen aufgezwungen als nach diesem Krieg? Wann haben Hunger und Armut so gewütet wie in unseren Jahren, von China und Rußland bis Deutschland und Österreich? Wann gab es ärgere Horden als die faschistischen? Ist etwa der finstere Aberglaube verschwunden, der nationale Haß, irgendeine der rohesten Leidenschaften? Nichts hat sich wesentlich verändert, nur daß für die im Lauf der Jahrtausende geschwächten Nerven vieles aus der Öffentlichkeit weggeräumt ist und sich im Stillen vollzieht, oder es wird eine Kompensation durch Sport und anderes Nervenaufpeitschende geboten. Die Menschheit konnte diesen Raubbau an sich selbst wohl nur dadurch ertragen, daß bis zum achtzehnten Jahrhundert ihre Zahl, ihre Produktionsverhältnisse und Lebensbedingungen doch verhältnismäßig gering, einfach und wenig kompliziert waren und daß sie sich beständig ungeheuren nichterschöpften, oft kaum berührten, ja in ihrer Benutzbarkeit unbekannten Naturreichtümern und -reserven gegenüber befand. Alles spielte sich in einem kleinen Maßstab innerhalb eines riesigen Rahmens ab, während seit damals dieses Verhältnis mit tödlicher Sicherheit sich gänzlich umkehrt: großer Maßstab, kleiner Rahmen!
Dieser Umschwung ist der größte, den die menschlichen Lebewesen seit den katastrophalen eiszeitlichen Perioden der Urzeiten durchmachen, gleichfalls Perioden unerbittlicher Einschnürung der Lebensbedingungen, die furchtbare Tragödien zeitigen mußten. Nach einer gewissen Vorbereitung durch den im Zeitalter der Entdeckungen sich ausdehnenden Seehandel, durch lebhaftere innere Produktion (Manufaktur) und durch ein beginnendes wissenschaftliches Leben, das die Natur und ihre Produkte zu erschließen begann, erfolgte seit 150 Jahren in rapid gesteigertem Grade die Vervielfältigung der Produktion durch den Maschinismus, die unendliche Erleichterung der Transportverhältnisse durch Dampf und Elektrizität, die Erschließung der Naturschätze in allen Teilen der Erde und ihre beständig intensivierte Einfügung in den Produktionsprozeß aller Länder, kurz, mechanische Zauberhände überwinden jedes technische Hindernis, und absolut all und jedes in allen Teilen der Erde ist dem kontinuierlichen Produktions-, Handels- und Verbrauchsprozeß in den Rachen geworfen oder für die baldmöglichste Zukunft hierzu bestimmt. Dieser ungeheure Wechsel traf nun eine gänzlich unvorbereitete Menschheit, welche die vorbereitenden Jahrhunderte, vom sechszehnten ab, mit religiösen und synastischen Kriegen, bürokratischem Staatsallmachtsaufbau, Monarchendienst usw. zubrachte, in ihrer überwiegenden Masse von der Bildung abgeschnitten und auf jede Weise versklavt, mißhandelt und meist der äußersten Dürftigkeit, dem chronischen Hunger preis gegeben. Alle künstlerischen, gelehrten und manchmal moralisch und sozial gefühlvollen und auch rebellischen Leistungen und Tätigkeiten einzelner täuschen hierüber nicht hinweg, und nach der Niederschlagung aller Volksempörungen des ausgehenden Mittelalters in England, Frankreich, Deutschland, Spanien usw. waren grade in jenen Jahrhunderten, vom sechszehnten bis zum achtzehnten, die Volkskräfte gelähmt, und der Empörungsgeist verlief sich meist auf religiöse Irrwege, 16. und 17. Jahrhundert, um, als hier im 18. Jahrhundert die Aufklärung durchdrang, sich der an den antiken Republiken und alten Volkstraditionen nährenden demokratischen Illusion hinzugeben, den gerechten Himmel nunmehr in den gerechten Staat verlegend und dort suchend. Sozial war das Volk damals blind, bis die physische Unerträglichkeit des Fabriksystems in seiner rohesten ältesten Form Koalitionen, bald die Trade Unions und die Arbeiterschutzbestrebungen als Notwehr ins Leben rief.
Eine ihr soziales Leben auf Grund irgendwelcher gemeinsamer Menschlichkeitsgefühle einrichtende Menschheit hatte es bis dahin nicht gegeben und gibt es auch heute nicht. Der zur Arbeit durch seine Armut Gezwungene wurde so rücksichtslos verbraucht wie ein Werkzeug abgearbeitet wird. Als die amerikanischen Indianer durch Sklavenarbeit abstarben, begann der Import der Negersklaven, und mit derselben kühlen Sachlichkeit wurden die aus unerträglichem Elend auf dem Land flüchtenden Besitzlosen, Männer, Frauen und Kinder, in die neuen Fabriken gesperrt und verarbeitet und durften europäische Auswanderer, Nachfolger der Sklavenimporte, Nordamerika urbar machen und gewissermaßen als “Trockenwohner” bewohnen, bis seitdem das organisierte Kapital sie meist wieder ruiniert und in neue Dienstbarkeit einzwängt. Die im neunzehnten Jahrhundert als gemeinsame Stimme der Menschheit funktionierenden Faktoren, die öffentliche Meinung, die Presse, die Parlamente und Parteien, die organisierten Religionen, viele und oft wertvolle Denker und Redner usw., alle vermochten keinen Teil der alten sozialen Struktur wirklich zu erschüttern und nahmen nur endlose Reparaturen, Verdeckungen der nacktesten Schäden, Namensänderungen usw. vor, durch die der Ausbeutungsmechanismus ein zeitgemäßeres Aussehen gewann. Einiges gewannen die Ausgebeuteten selbst durch Zusammenhalten, die Arbeiter durch Gewerkschaften, die Bauern durch agrarische politische Mittel und Wege, ohne daß aber selbst nur zwischen diesen beiden großen Gruppen, den Arbeitern und den Kleinproduzenten, Handwerkern und Bauern, irgendwo ein Zusammenwirken gegen die Großausbeuter, Kapital und Staat, sich entwickelt hätte; vielmehr gibt es wenig Länder und Gegenden, wo nicht zwischen diesen beiden für den Produktionsprozeß entscheidenden Gruppen Mißtrauen und Feindschaft bestünde.
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