Psychedelische Kunst ist der Versuch, das LSD-Erleben zu verarbeiten. Auf diese Weise hat Lysergsäurediäthylamid mannigfaltige Spuren in der westlichen Kultur hinterlassen. Die Macht der Droge, die Welt fortan mit anderen Augen zu betrachten, wirkte als Ideen-Katalysator und führte besonders in der Musik zur Entstehung vieler neuer Stilrichtungen. Bei einigen steckt es im Namen – Acid Rock, Acid House, Acid Jazz – bei anderen muss man nachforschen. Folk Rock, Raga Rock, Latin Rock und Krautrock entstanden infolge künstlerisch ambitionierter Hochdosierung. Auch dem Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“, dem Konzeptalbum „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, der Rockoper „Tommy“ (mit Tina Turner als Acid Queen) und der Computermaus gingen LSD-Erfahrungen voraus. Mit der Ankunft von „Easy Rider“ und weiteren Filmen des New Hollywood erlebte das Kino eine Wiedergeburt.
Das Besondere am LSD ist die Tatsache, dass uns der Name des ersten Konsumenten als auch der Ort, die Uhrzeit und die Umstände des ersten Lyserg-Rausches überliefert sind. Von welcher Droge lässt sich das noch behaupten.
Berlin im Mai 2016
Die Vierziger.
1943 Albert Hofmann: Wer hat’s erfunden?
Die Geschichte des LSD ist wie die Substanz selbst von extremen Gegensätzen gekennzeichnet. Der Treibstoff der Friedensbewegung ist ein Produkt der Kriegszeit. Ausgerechnet ein akkurater Chemiker und dreifacher Familienvater aus der Schweiz, Sinnbild der Gewissenhaftigkeit, synthetisierte das Lebenselixier der Gegenkultur zum ersten Mal. Obwohl er systematisch vorging, wurde LSD eine Zufallsentdeckung. Und: der erste LSD-Trip der Weltgeschichte fand während der Arbeitszeit statt.
Albert Hofmann ist sowohl der Erfinder als auch der Entdecker des LSD, denn er synthetisierte Lysergsäurediäthylamid als erster 1938 und entdeckte fünf Jahre später die einzigartige Wirkung an seiner eigenen Psyche. Hofmann war damals Forschungschemiker in den pharmazeutischen Laboratorien der Sandoz AG in Basel. Interessiert war er besonders an therapeutischen Wirkungen von Arzneipflanzen. Im Rahmen seiner Forschungen stieß er auf das Mutterkorn (Claviceps purpurea), einen parasitären Pilz, der Getreide und Wildgräser befällt. Der Pilz schmarotzt auf den Ähren und durchdringt mit seinem Myzel einzelne Getreidekörner, um in dem dadurch entstandenen Zapfen – dem Mutterkorn – bis zur nächsten Vegetationsperiode zu überdauern. Die Zapfen sind nicht ungiftig. Im Mittelalter führte durch Mutterkorn verunreinigtes Mehl immer mal wieder zu fatalen Massenvergiftungen. Beim sogenannten Muttergottesbrand oder auch St.-Antoniusfeuer wird die Durchblutung eingeschränkt, bis einzelne Gliedmaßen ganz oder teilweise absterben (Gangrän). Dennoch wurde Mutterkorn aufgrund seiner Wehen auslösenden Wirkung als Heilmittel in der Geburtshilfe eingesetzt. Daher der Name.
Grundbaustein aller Mutterkornalkaloide ist Lysergsäure, eine leicht zersetzliche Substanz, aus der Hofmann mehrere Verbindungen synthetisierte. Ergobasin, die erste Lysersäureverbindung, ist ein Gebärmutter-kontrahierender und blutstillender Stoff, der unter dem Markennamen Methergin in den Handel gelangte. Inspiriert durch das strukturell ähnliche Nikotinsäurediäthylamid synthetisierte Albert Hofmann am 16. November 1938 erstmals Lysergsäurediäthylamid. Da es die 25. Verbindung in der Laborreihe war, nannte er es kurz LSD-25. Die neue Substanz musste anschließend von der pharmakologischen Abteilung in Tierversuchen getestet werden, doch die Versuchstiere reagierten nicht wie erwünscht. Ein erhoffter Einsatz als Kreislauf- und Atmungsstimulanz erfüllte sich somit nicht und Hofmann widmete sich anderen Verbindungen.
Im Frühjahr 1943, inmitten des Krieges, entschied sich Albert Hofmann aus einem „Bauchgefühl“ heraus, wie er später sagte, das Lysergsäurediäthylamid erneut zu testen. Bei der Arbeit im Labor bemerkte der Chemiker plötzlich eine veränderte Wahrnehmung, die er sich zunächst nicht erklären konnte. Im Nachhinein vermutete er, dass sein Körper durch unsauberes Arbeiten ein wenig Lysergsäurediäthylamid über die Haut aufgenommen habe. Erst dieser Serendipität verdanken wir die Kenntnis von der bewusstseinsverändernden Wirkung des LSD. Den ersten LSD-Trip der Weltgeschichte hat Hofmann im Bericht an seinen Vorgesetzten, Prof. Dr. Arthur Stoll, so festgehalten:
„Vergangenen Freitag, 16. April 1943, musste ich mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen - das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell - drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich diese Zustand.“ 3
Um sich seiner Beobachtungen zu vergewissern, unternahm Albert Hofmann am Montag darauf einen gezielten Selbstversuch. Am Nachmittag des 19. April 1943 trank er 250 Mikrogramm in Wasser aufgelöstes Lysergsäurediäthylamid-Tartrat. Hofmann hielt diese Menge, ein Viertel eines Tausendstelgramms, für die kleinste wirksame Dosis. Er verschätzte sich jedoch um ein Vielfaches. Wie man heute weiß, liegt die wirksame Dosis bereits bei 20 Mikrogramm. Was der pflichtbewusste Chemiker parallel in seinem Laborjournal notierte, war der Auftakt zu einem LSD-Horrortrip, der hauptsächlich von der Angst vor dem Unbekannten gespeist wurde:
„17:00 Uhr: Beginnender Schwindel, Angstgefühl. Sehstörungen. Lähmungen, Lachreiz.“
Erschwerend kommt hinzu, dass ihm verständliches Sprechen schwerfällt. Als dem 37-jährigen alles zu viel wird, verlässt er das sterile Labor, um es gegen die vertrautere Umgebung seines Zuhauses einzutauschen. Seine Assistentin, die im Bilde ist, begleitet ihn. Man fährt mit dem Rad. Der Familienvater wird so stark vom Wunsch nach Heimkehr angetrieben, dass er das Gefühl hat, nicht vom Fleck zu kommen. Doch so sehr er auch in die Pedale tritt, er ist zu langsam. Die Assistentin versicherte hingegen, dass beide sehr schnell unterwegs seien. Der 19. April 1943, auch der Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto, wird deshalb in der psychedelischen Popkultur als Bicycle Day zelebriert. Die eingenommene Menge von 250 Mikrogramm gilt seitdem als Referenzdosis für einen heftigen Trip.
Zwischen 18 und 20 Uhr durchlitt Hofmann etwas, das er in seinem Nachtrag vom 21. April als „schwerste Krise“ bezeichnete. Zum verzerrten Zeit- und Raumempfinden gesellen sich typische Symptome eines Horrortrips: Halluzinationen, Vergiftungsangst, das Gefühl wahnsinnig zu werden, Todesangst, eine außerkörperliche Erfahrung, die Ich-Auflösung. Alles Effekte, die später noch bedeutsam werden sollen.
Die Welt gerät aus den Fugen. Eine hilfsbereite Nachbarin, die ihm eiligst die verlangte Milch vorbeibringt, von der Hofmann im Verlauf des Abends mehr als zwei Liter trinken wird, erscheint ihm als „bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze“. Die Todesangst wird vor allem von Ratlosigkeit befeuert. Hoffmann hatte in durchaus üblicher Tradition einen verantwortungsvollen Selbstversuch mit einer Minimaldosis gestartet und fühlte sich nun trotz aller Vorsicht dem Tode nah: „Lag ich im Sterben? War das der Übergang? Sterbend ohne Abschied von meiner Familie. Ob sie jemals verstehen würde, dass ich nicht leichtsinnig, verantwortungslos, sondern äußerst vorsichtig experimentiert hatte und dass ein solcher Ausgang in keiner Weise vorauszusehen war?“ 4
Als der herbeigerufene Hausarzt eintritt, ist das Schlimmste bereits durchgestanden. Bis auf extrem geweitete Pupillen kann der ratlose Mediziner keine anormalen, körperlichen Symptome feststellen. Der Horrortrip wandelte sich schon in das, was dereinst die Hippies locken wird. Im verdunkelten Schlafzimmer liegend durchströmen Hofmann Gefühle von Glück und Dankbarkeit. Er genießt Kreise, Spiralen und kaleidoskopische Farbfontänen, die vor seinen Augen tanzen.
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