Als ich unter der Rubrik ›Was suchen Sie?‹ meinen Wunsch formulierte, dass ich einen Mann mit den gerade genannten Eigenschaften suchte, fühlte ich mich auf eine eigenartige Weise ziemlich mutig. Mutig deshalb, weil ich eigentlich von dem, was ich glaubte zu sein, absolut noch keine Vorstellung hatte. Und schon gar nicht wusste ich, wie es zwischen dominanten Männern und devoten Frauen ablaufen würde. Dennoch schlief ich in dieser Nacht tief und fest und erwachte am nächsten Morgen wie neugeboren auf. Es war wohl so, dass ich die nächtlichen Dämonen in mir durch meine Tat beruhigt hatte, sie ließen mich fortan in Ruhe.
Von diesem Tag an lag mein vorrangiges Bestreben darin, mich gleich nach der Arbeit an den Computer zu setzen und in mein Postfach der Internetseite zu schauen. Mit einer fast kindlichen Neugierde und einem unbeschreiblichen Hochgefühl öffnete ich meine Mailbox. Jedes Mal war ich erneut überrascht, wie viele Männer mir geschrieben hatten. So auch an jenem Tag, von dem ich nicht ahnte, dass er mein Leben verändern sollte.
Wie jeden Tag seit meiner Anmeldung quoll mein Postfach förmlich über. In den ersten zwei Wochen las ich jede Mail vollständig und aufmerksam durch und schrieb stets eine lange Antwort zurück. Doch als die erste Euphorie wie ein Strohfeuer verglommen war, lernte ich bald, zwischen den Zeilen zu lesen. Ich erkannte, welche Absicht wirklich hinter der Nachricht steckte. Nicht jeder Mann, der von sich behauptet, dominant zu sein, war es am Ende auch wirklich.
Viele Männer suchten lediglich eine schnelle Nummer. Sie waren dem Irrglauben erlegen, dass es sich bei einer devoten Frau um ein willfähriges Wesen handelte, die jederzeit bereit war, sich einem Mann hinzugeben. Diese Männer nutzten derartige Seiten für sich aus. Dabei war das, was devote Frauen ausmachte, so einzigartig und wundervoll, dass nur die wahren dominanten Männer es zu schätzen wussten und sich dementsprechend verhielten. Nicht der schnöde Beischlaf machte uns zu Untertanen des Mannes. Es war das Zusammenspiel aus Leidenschaft, Machtausübung und dem Willen, einem einzigen Mann mit Haut und Haaren zu gehören.
Trotzdem machte ich es mir zum Prinzip, jede Mail zu lesen, zum einen aus Neugierde und zum anderen, weil sich darunter oft genug auch Exemplare mit kolossalem Unterhaltungswert befanden. Wer amüsiert sich nicht über Sprüche wie: »Du wirst vor meiner Dominanz zu Kreuze kriechen!« oder: »In mir hast du deinen Herrn gefunden. Ich erwarte, dass du mir demütig und respektvoll antwortest«? Einmal schrieb mir sogar jemand, ich sollte ihn bitten, mich zu treffen, und vielleicht würde er mir in seiner wohlwollenden Güte eine Audienz gewähren.
Also ehrlich, was bildeten sich diese Männer bloß ein? Glaubten sie ernsthaft, dass man aufgrund ihrer wenigen Zeilen oder dem Wissen, devot zu sein, augenblicklich auf die Knie fällt und Männchen macht? Man ist doch keine Ware, die sich zum Verkauf anbietet! Überhaupt, um sich jemandem hinzugeben, wie wir devoten Frauen es taten, musste schon mehr als ein profaner Befehl gegeben werden. Auch sexuell unterwürfige Frauen wollen erobert werden, das ist nicht anders wie auch sonst im Leben.
Ich habe immer darauf gewartet, dass sich jemand wirklich für mich interessiert. Und zudem sollte er es verstehen, meine Sinne und mein Interesse durch die richtigen Worte zu wecken. Doch je mehr ich darauf wartete, desto ernüchternder wurde mein Bild davon, wie wenig dominante Männer sich wirklich für die Frau hinter dieser Neigung interessierten. Den meisten ging es nur um das Eine: um den Sex und inwieweit du dich ihnen unterordnen wolltest. Bei manchen hatte ich sogar den Eindruck, als wäre ich Kandidatin einer Quizsendung. Wie vom Band spulten sie ihren Fragenkatalog nach Tabus und Vorlieben ab, und ich brauchte nichts weiter tun, als mit Ja oder Nein zu antworten. Warum ich so bin, wie ich bin, welche Musik ich mag, und ob mir Spaziergänge im Mondschein ebenso gefallen wie die bei strahlendem Sonnenschein, das alles war völlig unwichtig. Hauptsache, ich entsprach ihren sexuellen Vorstellungen. Ich meine, was ging in den Köpfen dieser Männer vor? Was dachten sie, wenn sie einem schrieben, dass Aussehen, Bildung und ein besonderer Lebensstil nicht die Kriterien waren, nach denen sie auswählten?
Mir war alles wichtig. Ich wollte einen Mann, der mir gefiel, mit dem ich reden konnte und mit dem mich mehr verband als eine gemeinsame Vorliebe. Und dann, eines Tages, geschah doch das Wunder, von dem ich glaubte, dass es niemals passieren würde. Ich erhielt eine Nachricht, die mir schon während des Lesens den Atem nahm. Schon zu Beginn spürte ich ganz deutlich dieses anfänglich leise und dann immer stärker werdende Kribbeln, das einfach nicht wieder aufhören mochte. Und ehe ich mich versah, hatte es mich von Kopf bis Fuß erfasst. Ich kam mir vor, als säße ich inmitten eines Ameisenhaufens, und nichts konnte mir dieses Gefühl erträglicher machen. In einem Moment spürte ich die Hitze, und schon im nächsten Augenblick lief es mir kalt den Rücken herunter.
Dabei schrieb er mit keinem Wort etwas über künftige gemeinsame und ausschweifende Abenteuer. Nein, er schrieb von einem langsamen Kennenlernen, vom Aufbau gegenseitigen Vertrauens, von Achtung und Respekt – und davon, dass dies gleichermaßen für uns beide gelten sollte. Victor, so hieß der Mann, hielt Devotion für ein Geschenk, das man sich als dominanter Mann erst verdienen musste. Er ließ keinen Zweifel daran, dass eine Frau erst durch ihre Devotheit interessant wird und allein durch diese ihre wahre Bestimmung als Frau finde. Eine andere Lebensform als die zwischen Herrn und Untergebener war für ihn nicht lebenswert.
Er suche keine gleichberechtigte Partnerin, sehr wohl jedoch eine gleichwertige Frau, die, erfüllt durch ihre Neigungen, mit ihm ein Leben teilen wollte; und während ich Zeile für Zeile las, hatte ich das Gefühl, als würde dieser Mann mir mitten in meine Seele schauen. Im Grunde suchte ich nichts anderes als einen Mann wie ihn – einen Mann, der mich liebte, dem ich vertrauen konnte und der mir das Gefühl gab, dass das, was ich bin, gut und richtig ist.
Wie oft ich diese Mail letztlich las, weiß ich nicht mehr. Aber da ich am Ende alles auswendig konnte, musste es wohl doch einige Male gewesen sein. Ich empfand nicht den Inhalt seiner Mail als seltsam, dafür aber das Gefühl, mich anscheinend zu einem völlig Fremden hingezogen zu fühlen. Ich schenkte ihm, ohne seinen Charakter wirklich zu kennen, einen Vertrauensvorschuss. Alleine durch das Lesen der Nachricht fühlte ich mich ihm so nahe, dass ich es kaum erwarten konnte, ihn kennenzulernen. Für mich schien er der Inbegriff von allem zu sein, wonach ich suchte. Dennoch wartete ich bis zum nächsten Tag, um ihm eine ebenso deutliche Antwort zu schreiben.
Seine Zeilen hatten mich ernsthaft durcheinandergebracht; das lag auf der Hand. Aber sie hatten mich doch dazu gebracht, zum ersten Mal wirklich darüber nachzudenken, warum ich unbedingt ein Leben als Sklavin führen wollte. Bislang war ich nur meinem Gefühl und dem unbändigen Willen, es unbedingt leben zu wollen, gefolgt. Die Frage nach dem Grund hatte ich mir nie gestellt. Mit meiner Antwort wollte ich ein für alle Mal klarstellen, wie ernst mir die Sache war. Es war eben nicht nur eine Laune oder innere Eingebung. Es war so viel mehr als das. Und langsam bekam ich eine Ahnung davon, wie quälend ein Leben war, in dem man seine Neigung nicht ausleben konnte.
Am Ende brauchte ich über eine Stunde für die Antwort; und ich wusste nicht einmal, ob sie auch wirklich all das, was ich dachte und fühlte, widerspiegelte. Dass ich ein Leben als Sklavin wollte, lag nicht daran, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ein normales Leben zu führen. Vielmehr war es die Gewissheit, dass mir immer etwas fehlte.
Meine Selbstaufgabe, die es zweifelsohne für andersdenkende Frauen darstellte, bedeutete für mich, meiner eigenen Seele so nah wie nur irgend möglich zu sein. Auf einmal lag alles so einfach und klar vor mir. Meine Unzufriedenheit, die ständige Suche nach dem passenden Mann und meine zutiefst empfundene Melancholie. All das lag darin begründet, dass mein Unterbewusstsein nach etwas gesucht hatte, das immer in mir war. Es begleitete mich schon so lange als stummer Schatten, so dass ich es gar nicht mehr wahrgenommen hatte.
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