In meinen Erinnerungen sehe ich sie noch heute am Küchenherd stehen. Sie trug meist eine Küchenschürze, deren Blumenmuster schon so vergilbt war, dass man Mühe hatte, das Muster zu erkennen. Beflissen lauschte ich ihren Geschichten und Weisheiten, während sie das Gemüse schnitt und eifrig im Kochtopf rührte. Manchmal hörte ich ihr kaum richtig zu, weil der Duft des frisch zubereiteten Essens in meiner Nase hochkroch und mich daran erinnerte, dass ich Hunger hatte. Wenn sie gute Laune hatte, und die hatte sie öfter, nahm sie die Keksdose vom Schrank. Lächelnd legte sie mir dann zwei dieser herrlich duftenden, selbstgebackenen Nusskekse auf den Küchentisch. Gierig vor Hunger stopfte ich sie mir dann immer gleich in den Mund. Im Winter kam es sogar vor, dass sie sich hinreißen ließ und mir noch vor dem Essen ein Zuckerbrötchen in den Ofen schob. An den Geschmack und Geruch erinnere ich mich noch heute.
Ich weiß, dass ich als Kind oft dachte, wozu sich anstrengen, wenn doch sowieso alles vorbestimmt ist. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich mich nie ganz auf das Leben eingelassen habe. Am glücklichsten war ich, wenn man mich in Ruhe ließ. Meine schönsten Stunden waren die, wenn ich andere beobachten konnte. Manchmal fand ich auch größte Zufriedenheit darin, wenn ich stundenlang auf dem Dachboden saß und meine Nase hinter einem Buch verstecken konnte. Und wenn ich über andere Länder, Kulturen und abenteuerliche Geschichten las, erfüllte es mich auf ganz besondere Weise. Es waren meine Schätze, und sie machten mein bescheidenes Leben schöner und reicher.
Meine Mutter beklagte oft, man müsse mir schon jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen, um überhaupt etwas von mir zu hören. Mein Vater war der Ansicht, dass die düstere Stimmung am Tag meiner Geburt auf mich abgefärbt hatte. Er kannte kein anderes Kind, das so gerne mit sich alleine war. Wobei – ein wirklicher Einzelgänger war ich nicht. Ich hatte meine Freunde, aber mehr als zwei oder drei waren es dann doch nie. Sie reichten aber, um mein Dasein perfekt sein zu lassen. Die Gesellschaft in der großen Masse suchte ich selten. Das änderte sich auch nicht, als ich erwachsen wurde. Für die Meisten blieb ich wohl immer so etwas wie ein merkwürdiger Kauz. Als ich mit 19 mein Abitur bestand, klopfte mein Vater mir mit stolzgeschwellter Brust auf die Schulter und sagte: »Junge, jetzt fängt dein Leben erst so richtig an. Mach was draus.« Was er darunter verstand, blieb er mir als Antwort schuldig.
Natürlich hatte ich mir Gedanken gemacht, wie meine Zukunft aussehen sollte. Doch bis auf die Tatsache, dass ich studieren wollte, stand eigentlich rein gar nichts fest. Dabei standen mir – mein Abitur war eines der besten meines Jahrganges – Tür und Tor offen. Vom Wehrdienst war ich freigestellt. Eine alte und noch immer nicht ausgeheilte Erkrankung aus Kindertagen hatte mich für den Dienst untauglich gemacht.
Anfänglich dachte ich daran, in die Forschung zu gehen. Doch dann, eines Abends, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Schon immer hatten mich Menschen fasziniert. Warum also nicht ein Studium in dieser Richtung? Und so schrieb ich im Frühling 1968 verschiedene Universitäten an und erhielt kurz darauf eine Zusage der Universität Freiburg. Von nun an war ich also Student der Geistes- und Sozialwissenschaft. Dass ich auch hier bald als Sonderling galt, störte mich wenig. Dennoch lud man mich hin und wieder zu einer dieser völlig verrückten Studentenpartys ein. Zwar hielt ich mich nach wie vor von allem zurück, was auch nur im Entferntesten mit späteren Unannehmlichkeiten hätte verbunden sein können. Auch vermied ich es, allzu viel über mich zu erzählen. Doch irgendwie genoss ich diese Zeit und fand Gefallen daran.
Auf einer dieser Feiern lernte ich dann meine spätere Frau kennen. »Mein Gott, wie schön sie ist!«, war alles, woran ich dachte, als sie mit ihren braunen langen Haaren, mit scheinbar nie enden wollenden Beinen, vor mir stand und mich ansprach. Ich, der Tagträumer und Sonderling, schien ihr Interesse geweckt zu haben. Kaum konnte ich es fassen. Ehe ich mich versah, war ich verliebt bis über beide Ohren. Wer den Film »Love Story« kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie es zwischen ihr und mir war.
Doch unser Schicksal war ein anderes. Anfänglich schien die Sache mit uns beiden zu funktionieren. Kurz vor unserem Examen – ich in Sozialpsychologie und sie als Lehrerin für Deutsch und Geschichte – zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung. Lange blieben wir jedoch nicht in Freiburg. Schon im darauffolgenden Sommer erhielt ich die Möglichkeit, an einer wissenschaftlichen Studie in Hamburg mitzuarbeiten. Für sie fand sich dort eine Stelle als Referendarin. Wir zogen also um, und ich lebe seit diesem Umzug in Hamburg. Das ist in gewisser Weise eine Kontinuität in meinem Leben. Wenig später heirateten meine Freundin und ich, wir fühlten uns vom Glück unendlich reich beschenkt.
Waren wir wirklich glücklich? Von meiner Seite aus gesehen sicherlich, denn ich hatte ja alles, was ich brauchte. Mein Verhältnis zu anderen Menschen, vor allen Dingen jedoch zu mir selber, hatte sich nicht grundlegend geändert. Doch mit den Jahren lernte ich, damit zu leben. Mit stoischer Gelassenheit ließ ich die Abende mit Freunden, die allesamt mehr Freunde von ihr als von mir waren, über mich ergehen. Ich sah sie mehr als Übungszwecke für meine Studien als eine Bereicherung für mein Leben. Über mich, worüber ich nachdachte, welche Sehnsüchte und Träume ich besaß, darüber sprach ich nie. Nicht einmal meiner Frau gegenüber konnte ich mich öffnen und blieb ihr gegenüber ein verschlossener Mensch
Wenn ich ehrlich bin, galt mein einziges Interesse meiner Arbeit. Kaum nahm ich wahr, wie sich meine Ehe und die Frau, die ich doch liebte, veränderten. Ich sah nicht, dass ich meiner Arbeit mehr Zeit und Beachtung schenkte als unseren Bedürfnissen. Böse Zungen würden behaupten, ich sei ein selbstgefälliger Egoist. Mag sein, dass ich das war oder noch heute bin. Doch es änderte nichts daran, dass ich weder ihr noch mir die Aufmerksamkeit schenkte, die wir gebraucht hätten, um wirklich glücklich zu sein. Eines Tages erhielt ich dafür die Quittung. Das Leben gewann das Spiel, und ich wurde mit einem Zug schachmatt gesetzt.
Nach vielen gemeinsamen – und dennoch für sie einsamen – Jahren verließ mich meine Frau von einem Tag auf den anderen. Doch anstatt mein Leben, nein: mich zu ändern, machte ich weiter wie bisher und füllte meine Tage mit dem Einzigen, was mir geblieben war. Meine Arbeit wurde zu meinem Lebensmittelpunkt und mit der Zeit zur einzigen Geliebten, die ich hatte.
Um zu wissen, wer man ist und zu wem man geworden ist, reicht es nicht aus, nur auf sein vergangenes Leben zurückzublicken. Man muss, um wirklich Änderungen herbeizuführen, sich selbst und die Dinge, die man getan oder unterlassen hat, in Frage stellen.
Das hatte ich nie getan. Heute weiß ich, dass meine Tante mit ihrem Glauben irrte. Es stimmt nicht, dass einem das Leben vorbestimmt ist. Es gibt keine Macht, die das steuert; und noch viel weniger können andere Menschen maßgeblich etwas an einem verändern, solange man nicht selber bereit ist, deren Hilfe anzunehmen. Der Einzige, der wirklich in der Lage ist, sein Leben zu ändern, ist man selbst.
Wenn ich jetzt darüber nachdenke, gab es viele Menschen in meinem Leben, die es gut mit mir meinten. Und doch habe ich jede Kritik und jeden noch so gut gemeinten Ratschlag ausgeschlagen, habe ebenso viele gute Gelegenheiten zur Änderung unnütz verstreichen lassen. Stur zog ich meine Bahnen wie ein einsamer Vogel. Ich glaubte, mit meiner Art, in der ich mich anderen gegenüber verhielt, im Recht zu sein. Ich machte es mir zum Prinzip, von anderen alles zu erfahren, behielt aber all das, was mich betraf, für mich. Ja, ich gab mir nicht einmal die Mühe, mich selber zu verstehen.
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