Ich bin in meinem Leben vielen Menschen begegnet. Manche, bei denen ich das Vergnügen hatte, sie zu treffen, haben mich schockiert, ja beinahe geängstigt, weil mir ihr Denken und Handeln zuwider war. Zu einigen Menschen fühlte ich mich gleich hingezogen. Bei anderen entwickelte sich meine Sympathie erst nach langem und vorsichtigem Abtasten. Manche Begegnungen ereigneten sich rein zufällig. Andere fanden erst nach reiflicher und sorgfältiger Überlegung statt. Die einen hinterließen nur einen schwachen Eindruck, andere brachten es nicht einmal fertig, mich überhaupt zu berühren, ja, sie streiften nicht einmal meinen Horizont und waren ebenso rasch wieder verschwunden, wie sie in mein Leben getreten waren. Doch so unterschiedlich sie auch alle waren, hatten sie dennoch am Ende eines gemeinsam. Keinem hatte ich Einlass in mein Seelenleben gewährt, weder denen, für die ich Liebe und Freundschaft empfand, noch denen, für die ich nur Verachtung und Abscheu übrig hatte. Ja, selbst mir blieb über Jahrzehnte die Tür zu meiner Seele verschlossen.
Erst der Begegnung mit einer ebenso schönen wie auch geheimnisvollen Frau habe ich es zu verdanken, dass ich zum ersten Mal anfing, über mich nachzudenken. Erst die Bekanntschaft dieser Frau gab meinem Leben eine andere Wendung. Susan streifte nicht nur meine Oberfläche. Sie kroch tief in mich hinein und hinterließ fühlbare Spuren. Diese Spuren spürte ich in mir, egal wo ich mich auch befand oder was ich auch tat, über viele Monate hinweg. Durch Susan durchlebte ich größte Qualen, aber letztendlich führte sie mich zu einem befriedigenden und wundervollen Glücksgefühl. Sie brachte es fertig, dass ich unter meine Schale sah und mein Inneres nach außen kehrte. Sie ist die Frau, die zu treffen mein größtes Glück und zugleich mein größtes Unglück war, und durch die seltsame Geschichte, von der ich hier erzählen möchte, fand ich den Mut, ein neues Leben zu beginnen.
Vorschusslorbeeren
Sie fiel mir sofort auf, als sie den Waggon betrat. Wie sie in ihrem geblümten Sommerkleid dort im Gang stand und sich so unauffällig wie möglich umsah, fühlte ich mich augenblicklich zu ihr hingezogen. Langsam setzte sie sich in Bewegung und schritt grazil und zugleich abschätzend die Sitzreihen ab. Jedem Mitreisenden warf sie dabei einen subtilen Blick zu. Dieses scheue Verhalten, als würde sie nach einer bestimmten Person Ausschau halten, weckte meinen Beschützerinstinkt und zugleich meine berufliche Neugierde als Sozialpsychologe. Dass ausgerechnet ich es war, bei dem sie stehenblieb, verwunderte mich leicht. Natürlich war es mir nicht unangenehm, einer jungen, attraktiven Dame gegenüberzusitzen. Doch die Tatsache, dass ihre Wahl auf mich fiel und nicht auf einen der ansehnlicheren Männer, die es hier durchaus gab, ließ mich über diese fremde Frau nachdenken.
Während sie ihre Reisetasche auf dem oberen Bord verstaute, konnte ich meine Augen nicht von ihr wenden. Sie war von schlanker, fast zerbrechlich wirkender Statur, dazu trug sie ein fließendes, hübsches Sommerkleid. Ihre gelockten braunen Haare fielen ihr bis auf die Schultern, und trotz ihrer hohen Absätze musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um an die Ablage zu gelangen.
Als sie sich umdrehte und ich ihr ins Gesicht sah, erkannte ich diesen feinen und doch tiefen Schimmer in ihren Augen. In wie vielen Gesichtern hatte ich bereits denselben Ausdruck gesehen? Und wie immer ging von solchen Augen für mich eine tiefe Faszination aus. Sagt man nicht auch, dass Blicke Bände sprechen und sogar ganze Geschichten erzählen können? Und so war es auch in ihrem Fall. Sie musste gar nichts sagen, denn ich spürte bereits, dass sie etwas erlebt hatte, das sie tief berührte.
Die meisten Menschen glauben, sich hinter einem vermeintlich normal aussehenden Gesichtsausdruck verstecken zu können. Und nur wir, die sich zwangsweise durch die Wahl ihres Berufes mit der Seele des Menschen befassen, haben gelernt, hinter diese Fassade zu sehen. Für uns sind die Augen das Spiegelbild der Seele.
Und so verhielt es sich auch bei dieser fremden Frau. Sie saß rein zufällig mit mir im selben Waggon des ICE, der mich von München über Stuttgart zurück nach Hamburg bringen sollte. Ich muss zugeben, dass alleine ihr Anblick mich schon berührte. Die Art, wie sie mit geschlossenen Augen an der Scheibe lehnte, sprach mich an. Während sich andere Mitreisende geschäftig zu ihren Plätzen begaben oder sich unruhig auf ihren Sitzen hin und her bewegten, beobachtete ich die Frau. Ein paar Mal drückte sie ihre Stirn fest an die Fensterscheibe. Für mich hatte es den Anschein, als wollte sie etwas aus ihrem Gedächtnis pressen, so, wie man eine Zitrone auspresst, bis nichts anderes mehr als trockene Schale übrig bleibt.
Doch als ich genauer hinsah, entdeckte ich ihr zartes und zufriedenes Lächeln. Natürlich war ich viel zu gut erzogen, als dass ich sie, nachdem sie sich gesetzt hatte, einfach angesprochen hätte. Doch insgeheim hoffte ich, dass unsere gemeinsame Bahnfahrt lang genug währte, um mit ihr ins Gespräch zu kommen – nicht weil ich von Natur aus ein redseliger Mensch war, denn im Grunde ziehe ich meine individuelle Einsamkeit dem bunten gesellschaftlichen Treiben vor; und auch Gespräche mit mir wildfremden Personen sind nicht das, was ich sonst bevorzuge.
Bei ihr war meine Neugierde jedoch deutlich größer als meine sonst so übliche Zurückhaltung. Warum dies so war, konnte ich nicht genau sagen. Manches lässt sich eben nicht so einfach erklären und bleibt für einen selbst auf immer und ewig ein Rätsel.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Im Anfahren hob sie ihre Hand und zeichnete mit einer ihrer Fingerspitzen ein Herz auf die von ihrem Atem feuchte Scheibe, und auch die Träne, die ihr die Wange herunterrann, war mir nicht entgangen.
Im gleichen Moment, als ich mich fragte, weshalb eine junge Frau mitten unter Fremden eine derartige Gefühlsregung zeigte, drehte sie ihr Gesicht in meine Richtung. Wir waren zwei Fremde, dessen Blicke sich zufällig trafen, doch sagten mir ihre Augen, dass es kein profaner Liebeskummer war, der sie zu Tränen rührte. Ich bildete mir sogar ein, dass ihr stummer Blick mich um Hilfe bat.
Instinktiv wollte ich meine Hand nach ihr ausstrecken und war über so viel Kühnheit selbst maßlos erschrocken. Wie bereits erwähnt, zog ich es sonst vor, mich niemandem gegenüber – und schon gar keiner Fremden – so offen zu zeigen. Aber irgendetwas hatte sie an sich, was mich zu menschlichen Reaktionen veranlasste, die ich normalerweise tunlichst vermied.
Dennoch zögerte ich, und noch bevor ich es bereuen konnte, es nicht getan zu haben, hörte ich sie sagen: »Denken Sie auch manchmal darüber nach, was die Person, die Ihnen gegenübersitzt, gerade denkt oder zuvor getan hat?«
Im ersten Augenblick war ich viel zu überrascht, sodass mir keine passende Antwort einfiel. Vielmehr brachte ihre Frage bei mir den Verdacht auf, dass meine Beobachtungen doch nicht so heimlich gewesen waren, wie ich es mir eingebildet hatte. Irgendwie fühlte ich mich wie auf frischer Tat ertappt und gab ihr deshalb die erstbeste Antwort, die mir in diesem Moment sinnvoll erschien.
»Es kommt darauf an, ob mein Gegenüber mein Interesse geweckt hat.«
»Und? Habe ich Ihr Interesse geweckt?«
Anstelle zu antworten entschied ich mich dafür, ihr eine Gegenfrage zu stellen, wohl auch um zu erfahren, inwiefern ich bei ihr diesen Eindruck hinterlassen hatte.
»Sind Sie denn der Meinung, dass ich Sie beobachtet habe?«
Draußen zog eine wundervolle Landschaft an uns vorbei. Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, sie bliebe mir eine Antwort schuldig; starr blickte sie auf die vorbeiziehenden Bäume und Felder. Erst als wir an einem stillgelegten Bahnhof vorbeifuhren, dessen vergilbtes Schild daran erinnerte, dass hier einmal geschäftiges Treiben geherrscht hatte, antwortete sie kaum hörbar.
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