Mein Vater, Jahrgang 1912, und meine drei Jahre jüngere Mutter lernten sich auf einer Kundgebung im Frühling 1937 in Kiel kennen. Es war schon eigenartig, dass es erst einer solchen zufälligen Begegnung bedurfte, um sich kennenzulernen. Denn wie sich herausstellte, waren beide unweit voneinander in verschiedenen Orten aufgewachsen, mein Vater in einer verträumten Kleinstadt als Sohn eines wohlsituierten Kaufmannes und meine Mutter in einem winzigen Dorf nahe Neumünster. Als achtes Kind einer Großfamilie, die sich ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdiente, hatte sie keinen Kontakt zu der Schicht, der mein Vater angehörte. Ja, eigentlich trennten sie auch als Erwachsene noch unüberwindbare gesellschaftliche Hindernisse.
Verständlich, dass es dann doch über zwanzig Jahre dauerte, bis sich ihre Wege kreuzten. Als sie sich zum allerersten Mal begegneten, soll es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Jedenfalls beteuerten es beide ihr Leben lang. Ob es der Wahrheit entsprach, kann ich nicht beschwören. Doch muss es wohl so gewesen sein, denn ihre Wege trennten sich, bis auf die der Kriegsjahre, weder vorher noch jemals wieder danach.
Ihre gemeinsame Zukunft stand unter keinem guten Stern. Zum einen war da der Standesdünkel, den es zu überwinden galt. Nur unter Protest und der Drohung, mit meiner Mutter durchzubrennen und der Familie den Rücken zu kehren, gelang es meinem Vater, dass man der Verbindung zustimmte. Zum anderen stand der 2. Weltkrieg unmittelbar vor Europas Türen – unruhige Zeiten, die nichts Gutes versprachen. Dennoch glaubten sie an eine gemeinsame Zukunft. In aller Eile absolvierte mein Vater sein Lehramtsstudium. Meine Mutter konnte – hier sei dem bevorstehenden Krieg doch ein leiser und wirklich nur stiller Dank gesagt – eine Ausbildung zur Krankenpflegerin beim Roten Kreuz machen. Geheiratet wurde, nachdem mein Vater zum Dienst an der Waffe, für Gott und Vaterland, einberufen worden war. Es soll eine schlichte und den Zeiten angemessene Feier gewesen sein. An eine Hochzeitsreise war damals nicht zu denken.
Die nächsten Jahre verbrachte er als Soldat an der Ostfront. Als er 1942 in russische Gefangenschaft geriet, galt er als verschollen. Niemand wusste genau, wo die Russen ihre Gefangenen hinbrachten. Meine Mutter hingegen war als Lazarettschwester auf ein Gut nach Ostpreußen verfrachtet worden. Beide sahen es als ihre Pflicht an, zu dienen und zu gehorchen. Sich dagegen zu entscheiden, das politische System in Frage zu stellen, war ihnen nicht in den Sinn gekommen.
Ob sie es Jahre später, nach erlittenem Leid, nach all den schrecklichen Entbehrungen und nach dem Wissen um die Verbrechen und Gräueltaten, getan hätten, kann ich nicht sagen. Wir sprachen selten über diese Jahre. Meine Mutter tat ihren Dienst, ohne sich große Fragen zu stellen. Dennoch saß ihr wohl ständig die Angst im Nacken, eines Tages unter den Verwundeten meinen Vater zu entdecken. Gottlob blieb ihr das erspart.
Mit dem Einmarsch der Russen und deren Rückeroberung ihrer Gebiete im Osten 1944 begriff sie, was es heißt, überleben zu wollen. Mit einem der letzten Wintertransporte kehrte sie über Pillau nach Schleswig Holstein zurück, um hier, wo mein Vater geboren und aufgewachsen war, im Hause seiner Eltern auf seine Rückkehr zu warten. Dass das noch Jahre dauern sollte, ahnte niemand – und dass er vielleicht den Krieg nicht überlebt haben könnte, war ein Gedanke, den sich meine Mutter von vornherein verbot. Für sie stand fest, dass er wiederkommen würde. Es ist gut, wenn man etwas hat, woran man glauben kann. Vielleicht wäre sie – und mit ihr Millionen anderer Frauen – sonst am Leben verzweifelt.
Mit den Heimgekehrten 1947 stand er ausgemergelt, vom Krieg gezeichnet, eines Tages vor der Tür. »Anders war er!«, sagte sie, wenn man danach fragte. Doch mehr erwähnte sie nie. Der Krieg hatte beide verändert und nachhaltig geprägt. Doch wirklich darüber gesprochen oder sich beklagt haben sie sich nie. Es war, als hätten sie dieses Kapitel aus ihrem Leben verbannt. Ich glaube nicht, dass sie so etwas Prägendes und Grausames wie einen Krieg vergessen konnten. Aber die Erinnerungen daran waren wohl zu schmerzlich, als dass man sich gerne an sie erinnern wollte; und ich fragte auch nie mehr als unbedingt nötig.
Ich nahm es hin, dass mein Vater ein wortkarger und nachdenklicher Mann war; und dass sich meine Mutter an manchen Tagen stiller als sonst verhielt und ihm gegenüber eine fürsorgliche Nachsicht entgegenbrachte, war ganz normal. Nie gab es zwischen ihnen böse Worte, und an Streitigkeiten kann ich mich nicht erinnern, eher daran, dass sie sich still, ohne viele Worte, verstanden. Die Liebe, die sie zueinander empfanden, fragte nie nach Opfern, verzieh alles und war so stark, dass sie gemeinsam alles ertrugen, was das Leben ihnen aufbürdete. Man tat füreinander das, was man tun musste. Warum meine Eltern dennoch als einziges Kind nur mich hatten, habe ich als Kind nie gefragt. Es war einfach so, und ich lebte ganz gut damit. Erst später verstand ich, dass es ihre Lebensumstände nicht anders ermöglichten.
Meine Eltern lebten ihr Leben lang in dem Dorf, in dem ich geboren wurde. Ein Ort, der ihre ganze Welt darstellte. Sie unternahmen keine Reisen, suchten selten fremde Städte auf und teilten in aller Beschaulichkeit ihr gemeinsames Leben, so gut es ging. Sie setzten sich nie für eine Sache ein, waren aber auch nie gegen eine. Was sie dachten, und wofür sie standen, blieb ihr Geheimnis. Vielleicht wurden sie mir daher mehr und mehr zu Fremden. Das Einzige, was ich wusste, und das, solange ich bei ihnen lebte, war ihre ungeteilte Liebe zu mir. Insofern war ich dann wohl doch ihr größtes Glück, ihr Sonnenstrahl nach langen und düsteren Jahren …
… auch als ihnen klarer wurde, dass ich mehr einem glimmenden Licht als einem hell leuchtenden Strahl ähnelte. An manchen Tagen war ich so still, dass man glaubte, es würde mich gar nicht geben. Aber wenn man, wie ich, ohne Geschwister, allein unter Erwachsenen aufwächst, fällt es schwer, die Welt mit kindlicher Leichtigkeit zu betrachten. Ich glaube nicht einmal, dass ich verlernt hatte, ein impulsives und fröhliches Kind zu sein. Ich war es einfach nicht!
Mein Vater hatte wegen seiner Herkunft das Privileg, über eine gute Ausbildung zu verfügen. Er erhielt, nachdem er als gebrochener Mann und mit steifem Arm aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, die Stelle des Dorflehrers. Er war froh, dass man ihn überhaupt noch brauchte. Was für ihn mit den Jahren dann zur Berufung wurde, war für mich eine Last, ein beschwerliches Hindernis auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Ich war der Sohn des Mannes, der in dem Ort, der für mich Heimat und Zufluchtsort war, Wissen, aber auch Regeln und Ordnung lehrte. Darum war ich ständig auf der Hut und musste auch besser sein als alle anderen Kinder. Die Gelegenheiten für dummes Zeug und Streiche habe ich ausgelassen. Ich hatte keine Angst vor Strafen, eher davor, was mein Vater über mich denken würde und ob seine Würde und sein Respekt, den er genoss, dadurch einen Makel erlitten hätte. Denn als Respektsperson habe ich ihn immer gesehen.
Als ich älter wurde, stellte ich mir die Frage, ob der Charakter und die Wesensart eines Menschen das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung ist – oder, so fragte ich mich, ob man selbst – oder andere – durch Erziehung und Vorleben darauf Einfluss nehmen könnte. Eine zufriedenstellende Antwort habe ich nie darauf gefunden. Zumindest trugen die Erziehung meiner Eltern und die meiner Großtante Elsa, die mit uns gemeinsam lebte, dazu bei, dass ich lernte, Anstandsregeln zu befolgen.
Ich benahm mich anderen gegenüber höflich und aß alles auf, was auf meinem Teller lag. Letzteres beherzigte ich schon wegen meiner Großtante. Sie hatte, ebenso wie alle anderen, Hunger und Leid in den Kriegsjahren erlitten. Und darum bestand sie darauf, dass ich mich zu jeder Zeit meines Lebens auch an die erinnerte, die weniger hatten. Meine Großtante Elsa, so alt sie mir auch damals erschien, war wohl die wichtigste Person in meinem Leben. Ihr habe ich all die Lebensweisheiten meiner Kindheit zu verdanken. Zeit ihres Lebens war sie der festen Überzeugung, dass der Weg eines jeden, vom Tag der Geburt an, vorherbestimmt ist. »Jeder hat sein Schicksal zu tragen und ist so, wie Gott es vorgesehen hat«, pflegte sie zu sagen.
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