»Anfänglich nicht. Aber als ich anfing zu weinen, spürte ich Ihre Blicke.«
Ich überlegte kurz, ob ich mich entschuldigen sollte. Oder war es besser, mit einer gezielten Antwort dem Verlauf eines im höchsten Maße interessant zu werdenden Gespräches die richtige Wendung zu geben? Ich entschied mich für das Letztere.
»Nun, hat nicht jede Träne ihren Ursprung? Sie sind eine junge Frau und sollten eigentlich keinen Grund haben zu weinen. Da Sie es dennoch taten, hat dies natürlich einige Fragen in mir aufgeworfen.«
Sie lächelte und beugte sich zu mir hinüber.
»Machen Sie das oft? Ich meine, anderen Leuten bei ihren Gefühlsregungen zuzusehen und sich dann die Frage nach dem Warum zu stellen?«
Der Blick, den sie mir zuwarf, war entwaffnend. In diesem Moment war mir bewusst, dass ich ihr eine ehrliche Antwort schuldig war.
»Alte Berufskrankheit«, entschuldigte ich mich. »Ich bin Sozialpsychologe, und da liegt eine gewisse Neugierde für alles Menschliche wohl in meiner Natur. Ich wollte nicht aufdringlich wirken. Bitte verzeihen Sie mir.«
Schweigend sah sie mich an. Ihre Augen fixierten mich, und ich musste zugeben, dass es mir weit weniger angenehm war, beobachtet zu werden, als selbst jemanden zu beobachten. Dann seufzte sie plötzlich und fragte mit einer herrlich erfrischenden Offenheit: »Und zu welchen Erkenntnissen sind Sie in meinem Fall gekommen?«
Diesmal war es an mir, sie schweigend anzusehen, denn mit einer derartigen Frage hatte ich nicht gerechnet.
»Ich bin mir noch nicht schlüssig. Es scheint bei Ihnen einen tieferen Grund zu geben, auch wenn das gezeichnete Herz banalen Liebeskummer vermuten lässt.«
Mit einer kurzen Kopfbewegung deutete ich zur Scheibe hin.
»Glauben Sie an Zufälle?«, fragte sie und sah mit einem Seitenblick zum Fenster.
»Nein – auch wenn man vermutet, dass einem die Dinge, die einem widerfahren, zufällig geschehen.«
»Dann ist es Ihrer Meinung nach kein Zufall, dass wir uns hier begegnet sind, sondern eher so etwas wie Schicksal?«
»Wenn Sie es so sehen wollen, dann lautet meine Antwort: Ja«, antwortete ich und fügte nachdenklich hinzu: »Aber es kommt natürlich darauf an, was man aus den zufälligen Begegnungen macht. Wir könnten uns über das Wetter unterhalten, oder?« Hier machte ich eine Pause, bevor ich langsam weitersprach. »Wenn Sie möchten, auch über das, was Sie so traurig sein lässt.«
Noch im selben Moment, als ich mich dies sagen hörte, spürte ich ein leises Unbehagen. Ich fragte mich, ebenso erschrocken wie entsetzt, wie ich einer fremden Frau einen solchen Vorschlag machen konnte. Ihre Gefühle gingen mich doch nun wirklich nichts an.
Schuldbewusst schwieg ich einen Moment und hoffte, dass sie mir meiner Kühnheit wegen nicht böse war, es lag nicht in meiner Absicht, sie zu bedrängen. Es fiel mir schwer, sie anzusehen, und doch konnte ich nicht anders, als ihren Blick zu suchen. Doch was ich in ihren Augen las, war keineswegs Abwehr oder ihr innerer Rückzug. Nein, es war eher ein stilles und mit einer leisen Bitte versehenes Lächeln, das mein schlechtes Gewissen von einem Moment zum anderen verfliegen ließ.
Könnten Menschen sich doch nur selber sehen, wenn sie angestrengt nachdenken. So mancher wäre über seinen eigenartigen Gesichtsausdruck wahrscheinlich sehr amüsiert. So dachte ich, während ich sie jetzt weitaus weniger schuldbewusst beobachtete, um zu sehen, welche Wirkung meine Worte auf sie hatten. Es war nicht zu übersehen, dass sich hinter ihrem hübschen Gesicht zahlreiche dunkle Gedanken zusammenbrauten.
Wie bei den meisten Menschen zog sich auch über ihre Stirn eine sichtbare Falte, die sie augenblicklich etwas älter wirken ließ. Was mich jedoch am meisten amüsierte, waren ihre zusammengekniffenen Augen. Sie waren nur noch als Schlitze sichtbar und verliehen ihr beinahe das Aussehen einer asiatischen Schönheit.
Völlig in sich versunken, strich sie sich mehrmals eine feine Haarsträhne aus dem Gesicht; und dann, von einer Sekunde zur anderen, hob sie ihren Blick und sah mich an.
»Einmal angenommen, mich hätte ein Erlebnis, das abseits der Normalität liegt, so tief in meiner Seele berührt, dass ich nur aus diesem Grund zu Tränen gerührt war. Würden Sie es hören wollen?«
War diese Frage wirklich ernst gemeint? Selbstverständlich interessierte mich alles, was mit menschlichen Verhaltensweisen zusammenhing. Wie konnte ich da jetzt ablehnen? Natürlich, es ist richtig, dass ich mich in meinem Beruf weit weniger mit dem Individuum Mensch selbst als damit, wie sich sein Verhalten auf die gesamte Gesellschaft auswirkt, beschäftige. Dennoch kann das eine ohne das andere nicht existieren, und man muss schon hin und wieder den Einzelnen betrachten, um das Gesamte verstehen zu können – und egal, wie man die Sache auch drehen und wenden mag, bleibt die Sozialpsychologie doch immer ein Teilgebiet der allgemeinen Psychologie.
Menschen konstruieren ihre eigene Realität. Das gesamte Erleben und Verhalten wird von sozialen Beziehungen beeinflusst, und jetzt, wo man mir sozusagen eine solch erlebte und individuelle Realität auf dem Silbertablett servierte, konnte ich gar nicht anders, als sie darum zu bitten, mir ihr Erlebtes zu erzählen. Wer weiß, vielleicht erfuhr ich so etwas, was mir für meine Arbeit nützlich sein konnte – und wenn nicht, würde ich doch weitaus mehr über sie erfahren, als ich mir eben noch hätte vorstellen können. Zudem hatte ich auch nichts Besseres vor, warum sollte ich ihr nicht meine Aufmerksamkeit schenken? Und ihr Teilgeständnis war, ohne, dass sie es wusste, für mich ein Garant für eine Reise durch tiefe und dunkle Gefilde ihrer Seele. Kann man Langeweile – und die würde zweifelsohne auf einer so langen Fahrt aufkommen – besser entkommen?
Am liebsten hätte ich sofort zugesagt. Ich wusste, dass, während sie mir ihr Herz öffnete, meine akribischen Gehirnzellen jedes noch so winzige Detail ihrer Erlebnisse unwiderruflich speichern würden. Was auch immer sie erlebt hatte – um nichts in der Welt wollte ich diese Chance verpassen.
Dennoch war Vorsicht geboten. Ich durfte nicht zu offensichtlich meine Freude darüber zeigen. Immerhin war es möglich, dass sie einen Rückzieher machte oder ihre Frage nicht ernst gemeint war. Bei Menschen ist alles möglich. Es konnte ja sein, dass sie nur fragte, um herauszufinden, wozu ich fähig war, wenn man meine Neugierde weckte. Außerdem waren wir nicht alleine. Einsamkeit war immer schon ein sehr wichtiger Aspekt, wenn man Zeuge eines privaten Geständnisses werden wollte, wie ich fand. Es war also unabdingbar, sich zu vergewissern, dass uns keine fremden Ohren belauschten.
Wie ein Spion sah ich mich um. Der nächste Fahrgast saß außer Hörweite. Somit stand, jedenfalls was unerwünschte Zuhörer betraf, unserem verbalen Abenteuer nichts im Wege. Der nächste Bahnhof lag noch gut eine Stunde von uns entfernt, die gesamte Fahrzeit betrug fast einen ganzen Tag, Zeit hatten wir also auch genug.
Was mich jedoch noch davon abhielt, zustimmend zu antworten, war ein anderer Gedanke. Ich fand es gar nicht so abwegig, dass sie sich am Ende nur über meine Neugierde lustig machte. Aber um mehr über sie zu erfahren, musste ich dieses Risiko eingehen, und dies, obgleich ich wusste, dass es mich, wenn es denn so wäre, peinlich berührt hätte. Und trotz meiner Zweifel hörte ich mich schon wenige Sekunden später kühn sagen: »Ich bin ein guter Zuhörer. Es gibt nichts, was mich ernsthaft schockieren könnte.« Dass man meiner Tonlage meine Neugierde anmerkte, ärgerte mich ein wenig.
Wie von selbst fanden sich unsere Blicke. Diesmal hatte ich das untrügliche Gefühl, als leuchteten ihre Augen bei meinen Worten auf, als hätte sie sich diese Antwort erhofft.
»Danke, dass Sie meine Geschichte hören möchten.« Und leise fügte sie hinzu: »Ich weiß nicht, warum. Aber ich vertraue Ihnen.«
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