In einem kleinen Appartement, das ich heimlich mit finanzieller Unterstützung einer Bankiersfrau, der Mutter eines meiner Bandfreunde der Spirits, an der Heinrichstraße angemietet und mir spärlich eingerichtet hatte, gingen das Leben und seine Schwierigkeiten erst einmal richtig los. Aber ich war endlich für mich. Ich war stolz darauf, obwohl oft unglücklich, weil ich mich von meiner Familie so unverstanden fühlte und weil ich mich gezwungen sah, meiner Mutter solches Leid anzutun. Doch ich hatte meine Band und Brigitte, meine erste große Liebe, sowie deren Familie, die mich liebevoll behandelten wie ihren eigenen Sohn.
Danach begann ich alsbald ›Ersatzdienst‹ zu leisten, wie das damals hieß. Im medizinischen Labor einer mitten im Wald gelegenen Diabetesklinik lernte ich menschliche Blut- und Urinproben chemisch zu analysieren. Dieser Dienst gefiel mir gut, denn ich wurde gefördert, was das Zeug hielt. Leberwertfeststellung mittels Elektrophorese und Blutzuckerprüfungen am ›Eppendorf‹ wurden weitere Arbeitsfelder. Ich hätte mir damals durchaus vorstellen können, mich für die klinische Labordiagnostik ausbilden zu lassen und MTA zu werden, denn in die Laborchefin war ich vollkommen verknallt. Leider war sie verheiratet, obwohl ich mir sicher bin, dass auch sie mich wollte.
Militärdienst, gleich welcher Art, wäre nie für mich in Frage gekommen, da ich mich als hundertprozentiger Humanist fühlte. Einfach war das damals nicht, den Kriegsdienst zu verweigern, obwohl die Möglichkeit dazu schon im Grundgesetz verankert war. Eine langwierige und entwürdigende Prozedur mit einem strengen richterlichen Prüfungsverfahren war Voraussetzung dazu. Als ich schließlich den Prozess gewonnen hatte, hatte ich auch meinen ersten Kampf für mein Gewissen und gegen Vater und die Allmacht eines ungeliebten Staates bestanden, der mich durch seine ungeheuerliche Geschichte selbst zu einer Art Kriegsgeschädigten gemacht hatte. Für meine Gesinnung wäre ich im Falle einer Ablehnung auch ins Gefängnis gegangen, das hatte ich mir vorher schon ausgemalt und fest eingeplant.
Nach dem Ersatzdienst begann ich 1971 ein Studium der Innenarchitektur an der Werkkunstschule und machte außerdem ein Praktikum in Ladenbau bei einem Architekten, der in der Zeitung nach einem jungen Mann gesucht hatte, der das Fach von der Pike auf erlernen wollte. Es war genau das richtige für mich, da ich dabei auch etwas Geld verdienen konnte für die Miete meiner Bude.
Ich muss allerdings gestehen, dass mir das Studium gar keinen richtigen Spaß machte. Es war ja doch mehr die Idee meiner Eltern gewesen, dass aus ihrem Wolfgang mal ein guter Architekt wird. Nach vier Semestern schmiss ich genervt das Studium hin und konzentrierte mich ganz auf das Praktikum und meine Band - die Spirits of Sound. Uwe Fritsch, Ralf Ermisch, Michael Rother und unser Menthor Rolf Kauffeld besuchten mich oft in meinem Appartement an der Heinrichstraße, im selben Haus, wo auch die Mutter von Monika Dannemann wohnte, der deutschen Freundin von Jimi Hendrix, den wir vollkommen verehrten. Wir hatten den Psychedelic-Rock für uns entdeckt, rauchten Kif und hörten bei Kerzenschein Platten von King Crimson, Santana, Jefferson Airplane, den Byrds oder Emerson, Lake & Palmer, die schon ansatzweise einen Synthesizer verwendeten, von dem ich damals noch gar nicht wusste, was das ist. Meine eigene Gruppe bekam jedoch bald einen vernichtenden Schock durch die harte Abwerbung unseres geliebten Gitarristen Michael Rother. Die Kraftwerker hatten sich angemeldet.
4
KLANGWERK AUF DEM MARS?
KLINGKRAFT GESCHMOLZEN?
Düsseldorf, 15. Februar 1999 +++ Ich sitze mit zwei visionären Kraftwerk-Freunden zusammen, und sie erzählen mir, dass sie einem etwaig neuen Kraftwerk-Album eher mit Skepsis entgegensähen. Martin und Markus aus Düsseldorf nehmen an, dass es eine große Enttäuschung werden könnte. Nachdem die Fans aus aller Welt nun seit über zwölf Jahren auf einen neuen Ton warteten, sei dies nicht mehr so lustig, und die allgemeine Erwartungshaltung wäre derart hochgeschaukelt, dass wohl kaum eine musikalische Befriedigung erreicht werden könne. Die Herren Ralf und Florian seien ja mittlerweile auch im betagten Alter, und da würde man bekanntlich behäbig und sei nicht mehr so neugierig. Neugierde sei aber fürs Forschen von substantieller Wichtigkeit. Die Kraftwerker waren für die beiden Helden, Wissenschaftler, Erfinder und Erforscher von präzisem Klang und romantischer Poesie. Die Kraftwerker waren für sie Raumfahrer, die sie durch den Dunst des Lebens in eine klang-klingende Galaxis flogen, um sie dort sich selbst zu überlassen. »Am besten wäre jetzt ein mythisches Verschwinden der Gruppe«, meinen die beiden. Martin stellt sich vor, wie die NASA Kraftwerk dazu einlädt, mit dem nächsten Shuttle auf den Mars zu fliegen und dort das erste intergalaktische Konzert zu geben. »Auf dem Weg ins All«, spinnt Markus den Faden fort, »gerät die Raumsonde in den Teilchenstrom einer Aurora Borealis, und die Verbindung zum Schiff reißt ab. Sind sie nun auf dem fernen Planeten gelandet, oder wurde Kraftwerk mit dem neuen, niemals gehörten Ton von der verschleierten Sphinx des eiskalten Nordlichts ins dunkle All gesogen?« So könnte der Mythos ihrer geliebten Gruppe am besten eingefroren und in aller Zukunft weitergepflegt werden - meinen Martin und Markus.
Köln, 17. Februar 1999 +++ Die Intellektuellen Ralph und Robert aus Köln meinen dagegen, dass Ralf und Florian von Kraftwerk eines Tages feststellen, dass sie zu viele Musiker verschlissen haben. Ohne die Inspiration ihrer langjährigen Mitstreiter Karl und Wolfgang sei der Humor der Themen und die Leichtigkeit der Töne dahin, und die beiden Erfinder begeben sich auf meditative Wanderschaft. Florian zieht in seiner neuen Eigenschaft als Prediger in die weite Welt. Ralf träumt immer noch von einer Fusion zwischen Mensch und Maschine. Er fährt mit seinem Rennrad um die Erde und erklimmt mit ihm als erster den Mount Everest. In der Erkenntnis, dass er nie mit seinem Rad eins werden kann, begibt er sich schließlich in die Einsiedelei eines tibetanischen Klosters. Das fünfte System von Kraftwerk, der Kling Klang-Reaktor, beginnt derweil ein Eigenleben zu führen und entwickelt heiße Gefühle. Vor glühender Verzweiflung wegen seiner mangelhaften Töne-Entsorgung beginnt er zu einem großen Klumpen zusammenzuschmelzen. Die Roboter reißen sich aus ihrer Ecke los und müssen vom vergeblichen Liebesspiel ablassen. Wütend, dass man ihnen keinen Unterleib mehr gegönnt hat, schalten sie hektisch den Kling Klang Reaktor ab. Aber sie sind dabei allzu hektisch - ihre stakeligen Arm- und Beinprothesen behindern sie. Aus Unflexibilität kommen sie an den falschen Schalter und zerstören tragischerweise auch sich selbst. Heute steht der elektronische Schmelzwertklumpen ausgerechnet im Kölner Museum Ludwig als mahnendes Kunstwerk für alle, die zu spät gekommen sind - meinen Ralph und Robert.
Ich wusste es schon immer. Unsere Freunde haben große Fantasie und einen köstlichen Humor. Wer diese Komponenten besitzt, zieht sich gegenseitig an wie ein Magnet. Und was für die Fans gilt, das gilt auch für die Musiker. So gesehen konnte ich 1973 gar nicht an Kraftwerk vorbeigehen. Selbst wenn sie eine kriminelle Vereinigung gewesen wären, hätte mich das wohl kaum abgeschreckt.
5
AUF EINLADUNG VON RALF UND FLORIAN
Düsseldorf, 19. Juli 1973 +++ Im heißesten Sommer der frühen 70er Jahre suchten mich Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben im dem Architekturbüro auf, wo ich mein Praktikum für Ladenbau absolvierte. Einige Monate vor dem Besuch der beiden Musiker hatte ich meine dritte Amateurband, die Spirits of Sound, auflösen müssen. Unser Gitarrist Michael Rother war von einer Profigruppe abgeworben worden. Seine neue Band hieß Kraftwerk, und sie hatte in Düsseldorf ein sonderbares und abgehobenes Image. Meine Bandkollegen und ich selbst, damals 25 Jahre alt, machten eine deprimierende Zeit durch. Es war einfach kein guter Gitarrist zu finden, und schon gar keiner, den man mit Michael hätte vergleichen können. Natürlich waren wir auch neidisch auf unseren geliebten Kollegen, der jetzt mit einer Profigruppe ›ging‹.
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