1 ...6 7 8 10 11 12 ...19 Als ich mein Praktikum begann, geschah das ja mehr aus Pragmatismus, denn aus echtem Interesse am Architektenberuf. Eine Lehre als Tischler hatte ich nach der Schulzeit auf Drängen meiner Eltern zwar erfolgreich abgeschlossen, doch die vier Semester Innenarchitektur waren nur halbherzig absolviert. Nachdem es nun meine Spirits nicht mehr gab, fühlte ich mich verlassen und unglücklich, was meine musikalische Zukunft betraf. Auch mein tolles Schlagzeug hatte ich trotzig verkauft - ausgerechnet an Klaus Dinger, den Kraftwerk-Drummer von vor meiner Zeit, der sich auf mein Zeitungsinserat bei mir gemeldet hatte. Fünfzehnhundert Mark musste der Typ damals blechen - dafür bekam er mein ›Pearl‹.
Während ich am Zeichenbrett saß und Grundrisse und Pläne für Wandansichten großer Kaufhausabteilungen zeichnete, wanderten meine Gedanken aber immer wieder zur Musik. Die Erinnerungen an meine frühen Bands ließen mich einfach nicht los. Sie waren mein Leben und meine ganze Liebe gewesen. An den Wochenenden mit den Freunden im rostigen VW-Bus unterwegs zu sein und Auftritte in Clubs und Schulen zu haben, das bedeutete für mich Freiheit, Anerkennung und Glück überhaupt. Es fehlte mir so sehr.
Von Michaels neuer Gruppe hatte ich nur eine vage Vorstellung. Einmal war ich bei einem ihrer Auftritte im Clara-Schumann-Gymnasium in Düsseldorf-Golzheim gewesen. Da gab es nur ‘ne Menge Krach und ihre Darbietung klang wie Stukka-Angriffe. Offensichtlich machte es ihnen Spaß, Kriegsgeräusche zu imitieren. Das war doch keine Musik! Was war es dann? Ich war entsetzt. Und bei sowas machte Michael mit? Ich mochte es jedenfalls nicht. Man nannte es schlicht experimentelle Musik und interpretierte es als ›Kunst‹ - alles was jedenfalls damals keinem bekannten musikalischen Format entsprach. Dann kam doch noch ein Stück, das irgendwie eine Art Songstruktur hatte. Es hieß ›Ruck-Zuck‹. Der Song lief ab und zu sogar im Radio, und das Interessante daran war, dass Florian darin rhythmisch und akzentuiert die Flöte blies. Gesang gab es nicht, aber die Komposition hatte noch eine Besonderheit, weil das Schlagwerk von Klaus Dinger so stoisch und mechanisch klang.
Nun also standen Ralf und Florian plötzlich in meinem Büro und drucksten ein bisschen herum. Beide wirkten ziemlich unsicher auf mich und sie fingen an, mir Komplimente zu machen. Hätten mich früher mit meiner Band in einem Club in Mönchengladbach gesehen und gehört, wie ich Schlagzeug spielte. Der Club hieß ›Budike‹ und war in der Stadt eine seltene Adresse, wo Amateurbands auftreten konnten. Wir Spirits hatten dort ziemlich perfekt Radio-Hits nachgespielt, sowie erste eigene Sachen. Es war die beste Ausbildung an unseren Instrumenten. Manchmal gab es sogar Geld. Viel brauchten wir ja nicht, da die meisten von uns noch bei ihren Eltern lebten. Ralf und Florian hatten mich also dort gehört und meinten, dass ich ›‘n juter Drummer‹ wäre. Mein Timing sei klasse und ich würde schön wenig spielen. Und dann fragten mich die beiden doch glatt, ob ich nicht Lust hätte, einmal mit ihnen in ihren Proberaum zu kommen, um eine Session zu machen. Das überraschte mich nun wirklich, da ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wo mein Platz in ihrer Musik hätte sein können, und ich dachte wieder an Michael. Doch die Verlockung, wieder Musik machen zu können, und das angenehme Gefühl ihrer Schmeichelei ließen mir keine andere Wahl, als den beiden eine vorsichtige Zusage zu machen. Diese Band mit dem merkwürdigen Namen eines Energieunternehmens hatte schon eine richtige Star-Aura. Außerdem bin ich immer neugierig gewesen, und schon deshalb wollte ich einmal ihren Übungsraum sehen. Wir verabredeten uns also für einen der nächsten Abende in der ›Mata Hari‹, einer hippen Bistropassage in der Altstadt, die erst im Februar 2002 geschlossen wurde, und die für ihr halbseidenes Publikum bekannt war.
Wir alle liebten solche bunten Orte. Dort trafen sich allerlei Gestalten aus der In-Szene. Die zartesten Showboys, die Disco-Queens, die Schönen aus der Modewelt und oft, wenn die Messe IGEDO war, natürlich auch die hübschesten Models aus aller Welt. Vor allem war es auch ein Treffpunkt für die lokalen Altstadtganoven, die Zocker und die echten Gangster. Als ich zum verabredeten Zeitpunkt in der ›Mata Hari‹ eintraf, saßen Ralf und Florian dort schon auf einer gepolsterten Eckbank an einem kleinen Tischchen, von wo aus sie einen guten Überblick über das Kommen und Gehen hatten. Hier zeigte man sich, hier schaute man gern zu. Eine knallige Beleuchtung aus vielen bunten Neons und Werbeschildern tauchte das gesamte Etablissement in eine kitschige Atmosphäre, wo jeder seinen selbstverliebten Auftritt zelebrieren konnte.
Ralf saß mit eng überkreuzten Beinen auf der Bank. Er wirkte puppenhaft mit seinem hellen Teint. Schüchtern grinste er, aber offensichtlich genoss er die Situation. Mit seiner Kassengestellbrille aus den 50er Jahren und seinen schulterlangen Haaren ähnelte er eher einer Figur aus einem klassischen Psycho-Film. Ralfs hautenge, schwarze Lederhose war geradezu legendär für ihn. Der Stil von Jim Morrison von den Doors hatte ihn beeindruckt, das konnte ich sehen. Auch die spitzen Beatles-Stiefeletten sah man immer an ihm, er hatte wohl mehrere davon. Jedenfalls bemerkte ich fast immer nur diese Sorte Schuhe, außer weißer Mokkasins, die er später, als wir schon unterwegs waren, eher mit weißer Schuhfarbe tünchte, anstatt sie zu putzen. Auch fielen mir Ralfs transparent lackierten Fingernägel auf. Er wirkte schon ganz schön kokett auf mich, und das gefiel mir gut, weil ich Männer mit femininen Attitüden mochte.
Florian dagegen hatte eine Vorliebe für deutsche Folkloremode: Lodenjankerl, Baumwollhemd mit Pepitamuster, Flanellhose und ein elegantes Halstuch. Er hätte in einem deutschen Heimatfilm mitspielen können. Mir kamen die beiden sehr abgehoben vor, denn wir hatten schließlich die auslaufende Hippie-Zeit mit viel Romantik und noch mehr Buntem. Viele liefen noch mit diesen breiten Slop-Hosen und eingenähten Quetschfalten herum.
Ich selbst machte gern Latzhosen und weiße Seidenhemden zu meinem täglichen Erscheinungsbild. Und vor allem die Plateauschuhe! Wie liebte ich die neuen Renner, die Größermacher. Sie erhöhten mich um mindestens zwei Zentimeter. Ich habe mich früher mit 1,72 m entschieden zu klein gefühlt. Deshalb hing ich auch noch so lange an diesen Blocktretern, die ich mir manchmal mit Autolack grünmetallic spritzte. Ich wollte mit meiner Erscheinung auffallen, wollte unbedingt in sein. Was sonst hätte damals mein Selbstbewusstsein aufbauen können? Sogar einen Schnurrbart à la Dartagnan von den Musketieren hatte ich mir wachsen lassen.
Derart unterschiedlich im Äußeren wie auch in der inneren Einstellung und unserem familiären Background, trafen wir uns nun an diesem warmen musikhistorischen Sommerabend und wussten nicht genau, wie es weitergehen sollte mit uns. Ralf hatte ein Whisky-Cola bestellt, Florian trank Bitter Lemon, und ich nahm eine Coca-Cola mit ausgepreßter Zitrone, was auch heute noch mein Lieblingsgetränk an heißen Tagen ist. Alkoholische Getränke interessierten mich mit 25 überhaupt nicht. Aber ich rauchte gern Zigaretten, was die beiden mit hochgezogenen Augenbrauen beobachteten, jedoch ohne Kommentar beließen. Wir plauderten ein bißchen über dies und das und was wir in den letzten Jahren alles schon so gemacht hatten. Unsere Unterhaltung war jedoch stockend und überdeckt von peinlichen Übersprungshandlungen. Das Meeting war echt verklemmt, derart fremd waren wir uns. Ralf rettete schließlich die Situation, indem er vorschlug, dass wir einfach mal rüber in ihren Übungsraum fahren sollten. »Mal sehen, was wir da so machen können, hm-hm-hm ...« Er hatte so eine ganz eigene Art, sich hinten im Gaumen zu räuspern, wenn er unsicher oder wenn ihm etwas peinlich war.
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