1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 Zu Hause angekommen, war ich aber doch ganz schön frustriert über den Abend und über eine Musik, die mir fremder nicht hätte sein können. Nichts hatte mein Herz erwärmt. In den nächsten Wochen dachte ich bald nicht mehr an die Begegnung mit den beiden Merkwürden und ich drückte mich in der Zwischenzeit, wie meistens abends, in der Düsseldorfer Altstadt herum. In meinen Lieblingslokalen, der ›Uel‹, dem ›Goldenen Einhorn‹ und dem ›Ratinger Hof‹, wo damals noch wie in holländischen Coffee-Shops dicke Teppiche auf den Tischen lagen, versuchte ich, mich in auffällige Pose zu setzen, um das Interesse der Damenwelt zu wecken. Ich war schüchtern, schaffte es aber manchmal trotzdem, eine auf mich aufmerksam zu machen. Meistens waren es gerade die starken Frauen, die ich reizte, und das befriedigte meine Eitelkeit. Ich wollte doch nur flirten, mich aber nicht fest binden, war viel zu freiheitsliebend für sowas.
Einige Wochen später kamen Ralf und Florian noch einmal in mein Büro. Sie sagten etwas wie, dass sie mich noch mal auf eine weitere Session treffen wollten und dass sie die letzte ganz gut gefunden hätten. Ich war total überrascht und hatte mit einem weiteren Meeting nicht mehr gerechnet, da unser letztes lange zurück lag, ich mich bei ihnen nicht gemeldet hatte und sie sich auch nicht bei mir. So dachte ich, die Sache sei wohl erledigt.
Ralf eröffnete mir dann: »Wir haben nämlich demnächst einen Fernsehauftritt im Kulturmagazin ›Aspekte‹ vom ZDF.« Er sagte, dass sie mindestens drei Stücke einüben wollten, die sie dort spielen würde, und: »Wir fänden es toll, wenn du mitmachst. Wir hatten nämlich ein gutes Gefühl, mit dir zu musizieren. Es gibt auch Kohle dafür und wir fliegen zusammen übers Wochenende nach Berlin. Wir haben ein Hotel und gehen abends aus.«
Ich konnte gar nicht verstehen, was sie so toll an unserer Session gefunden hatten, hatte ich doch noch gar nicht richtig gespielt. Ralfs Angebot wirkte auch so, als stünden sie irgendwie unter Zeitdruck. Ich konnte den Gedanken auch nicht abschütteln, dass sie vielleicht keinen anderen Drummer finden konnten. Jedenfalls war ich ziemlich unsicher, was ich machen sollte. Einerseits lockte mich das Angebot, in der schon bekannten Avantgarde-Band mitzuspielen und im Fernsehen aufzutreten und auch mal aus der Stadt herauszukommen - ich hatte ja noch nicht so viel von der Welt gesehen - andererseits sagte mir die Musik dieser Band, die ich nicht selbst gegründet hatte, wenig zu. Doch schließlich verwarf ich meine Zweifel. Hinaus, hinaus auf die Bühne! Das war es, was mich reizte. Unterwegs sein, Musik machen und reisen! Man wird sich schon irgendwie arrangieren und aneinander gewöhnen. Ich sah eine Chance und griff zu. Oft habe ich in meinem Leben so entschieden, intuitiv, und es nicht bereut.
Als ich nach Michael Rother fragte, den ich ja auch noch in der Gruppe glaubte, bekam ich allerdings die enttäuschende Antwort, dass der nicht mehr dabei wäre, weil er sich nicht in ihre Musik hatte einpassen können. Er wollte eine eigene Band zusammen mit Klaus Dinger gründen. Das kam mir allerdings ziemlich mutig vor, denn ich hatte keine Ahnung, wie Michael es anstellen wollte, mit diesem äußerst exzentrisch wirkenden Musiker auszukommen. Traurig war ich schon, dass er nun doch nicht dabei war und ich keinen der alten Kollegen aus meiner Amateurband wiedertreffen würde. Aber irgendwie spürte ich, dass die Amateurzeit endgültig vorüber war und ich wollte nun Farbe bekennen in der aufstrebenden Formation. Wollte trommeln, was das Zeug hielt, wollte unbedingt wieder so schnell wie möglich auf die Bühne.
Zunächst musste aber erst einmal geprobt werden. Die Stücke, die die beiden Kraftwerker vortragen wollten, gab es schon. Kompositionen wie ›Ruck-Zuck‹, ›Heimatklänge‹ und ›Tanzmusik‹ waren schon auf ihren ersten Platten in Deutschland veröffentlicht worden. Beim nächsten Treffen wollten wir also diese Stücke einüben. Die beiden erzählten mir auch von ihren früheren Versuchen, mit anderen Künstlern die Band zu verstärken, um mehr Präsenz auf der Bühne zu haben. Sie berichteten mir von ihren Auftritten mit Andreas Hohmann, einem damals bekannten Jazz-Drummer aus Düsseldorf. Nach ihm versuchten sie dann, mit Klaus Dinger klarzukommen. Aber es muss ein Drama für sie gewesen sein, weil diese Percussionisten komplizierte Persönlichkeiten waren und außerdem ihr Schlagzeug als Soloinstrument betrachteten. Sie konnten sich als Musiker in Kraftwerks Musik wohl nicht so recht zurückhalten. Und deshalb gründete Klaus Dinger eben mit Michael Rother eine eigene Band namens Neu!. Und ich sollte Recht behalten. Auch diese beiden hielten es nicht lange miteinander aus. Zwei Jahre höchstens.
Es war das ewige Dilemma der Percussionisten, die sich auch gern als tonangebende Künstler sahen und deshalb bei vielen anderen Bands, die ich damals gesehen habe, während ihrer Auftritte solch nervend lange Schlagzeugsoli trommelten. Bei einigen dieser Konzerte konnte man erleben, dass sich die gesamte übrige Band während des Solos von der Bühne verkrümelte, um dann später, nach ewig langem Geknüppel ihrer Drummer, wieder erlösend einzusteigen. Solch ein Schlagzeuger war ich nie. Dafür war ich auch gar nicht trainiert genug. Ich war aber gut wegen meiner simplen Art und wegen meines Einfühlungsvermögens. Das wusste ich, und das sagte man mir auch oft. Die Musik der Kraftwerker war ja schon stark minimiert. Ein komplizierter Drum-Part hätte sie nur all zu sehr dominiert.
Erneut im Studio konnte ich jetzt einmal etwas ausgiebiger die merkwürdigen Klang-Maschinen begutachten und natürlich auch anhören. Es gab einen vortrefflich klingenden Baßlautsprecher, der hinter Ralf stand - ein Eigenbau aus Sperrholz, gebaut wie ein riesiges Horn, das man in seiner Form eher von den Hochtönern her kennt. Aber dieses hier war nach einem Akustik-Bauplan gebaut, schrankgroß und sehr laut. Ein wahnsinniger Druck kam aus ihm heraus, der sich erst einige Meter davor so richtig ausrollte und ›angenehme‹ Gefühle im Magen bereitete. Obenauf lag ein Mittel-Hochtonhorn aus massivem Aludruckguss. Jemand hatte es blattvergoldet, und es konnte einem das Trommelfell zerfetzen, wenn man zu nah heranging und die Musik zu laut spielte. Auf jeden Fall sah es beeindruckend aus. Ob das Baßhorn nach allen Regeln der Akustikbauweise zusammengeschraubt war, konnte ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall erinnere ich mich daran, dass es in dem riesigen Kasten knarrte und dröhnte.
Ich bemerkte bei Florian, der eifrig mit seinen Geräten hantierte, dass in seiner Ecke auch Geigen und eine Hawaii-Gitarre lagen. Er schien also auch mit anderen Instrumenten vertraut zu sein. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass er sie je in meinem Beisein gespielt hat. Sie gehörten wohl noch in eine Frühphase ihrer musikalischen Experimente. Damals hatten sie sich Organisation genannt und oft mit Laien gespielt, wie ich von Ralf erfuhr.
Beim Proben ging es diesmal äußerst locker und langsam zu. Ich versuchte, aus den Schlagzeugfragmenten einen einigermaßen verbindlichen Klang herauszuholen. Aber es demütigte mich schon, an diesen Kindertrommeln zu sitzen und den Künstler zu mimen. Ich sehnte mich nach einem Erwachsenenschlagzeug, hatte aber nicht den Mut, die beiden zu fragen, ob sie mir nicht ein richtiges Set kaufen könnten. Ich selbst hatte damals kein Geld dafür. Mit meinem kleinen Praktikumshonorar war eine Neuanschaffung nicht drin. Und die Kohle vom Verkauf meines ehemaligen Pearl war längst verbraucht. So hoffte ich wenigstens, dass sich eines Tages die Gelegenheit ergeben würde, doch wieder zu einer guten Drum-Maschine zu kommen. Wenn ich damals auch nur geahnt hätte, womit ich einmal berühmt werden würde – ganz bestimmt nicht mit einem klassischen Schlagzeug-Set.
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