Aber eine Demokratie braucht Zeit, wenn sie sich beraten und nicht halbgare Gesetzesprojekte übers Knie brechen will. Die Konsequenz kann schließlich auch nicht sein, Bologna rückgängig zu machen und auf halbem Wege auszusteigen – in der Pre-Bologna-Ära vor 1999 war schließlich auch nicht alles schön und gut. Nun muss es darum gehen, die Kinderkrankheiten der Reform zu kurieren und den Prozess in ein „positives Bologna“ zu wenden. Ein Pakt Bologna II muss auf den Weg gebracht werden. Vielleicht braucht es erst noch mehr „gestrige“ Proteste, um eine gestrige Hochschulpolitik fit für morgen zu machen.
Wer gute Bildungspolitik denken und machen will, muss mit denjenigen reden, deren Zukunft von einer guten Bildungspolitik abhängt: den Schülern und Studierenden. Dieses Buch ist ein Buch von jungen Menschen, die Schule und Hochschule aus eigenem Erleben kennen und nicht nur als Beobachter darüber reden. Es ist ein Buch von jungen Menschen, die vom heutigen Bildungssystem unmittelbar betroffen sind, es satt haben, noch länger vertröstet zu werden. Sie wollen keine Pragmatiker sein, denen schrittweise Reförmchen genug sind oder die den Weg des geringsten Widerstands gehen. Sie empören sich darüber, was falsch läuft. Und sie geben Anstöße, wie es besser gehen kann.
Dieses Buch analysiert, diskutiert, reflektiert. Es ist eine scharfe Bestandsaufnahme unseres Bildungssystems, es gibt Impulse für ein neues Bildungsverständnis, für neue Wege, für eine neue Art und Weise des Lehrens und des Lernens und vor allem: Es ist ein intellektuelles Vergnügen. Dieses Buch ist Gedankenfutter für die neue Jugendbewegung, die für mehr Demokratie und Gerechtigkeit streitet. Ich wünsche mir, dass die Erkenntnisse in diesem Band die Debatte anfeuern, die Bewegung beflügeln und die Politik auf Trab halten.
Einleitung
Bettina Malter und Ali Hotait
Profi-Hürdenläufer zu werden, ist der Traumberuf eines jeden Kindes 1. Zumindest müsste er das sein, wenn man sich die Hindernisse anschaut, die das deutsche Bildungssystem für sie bereit hält. Sei es, die Grundschule mit guten Noten zu bestehen, um auf ein Gymnasium gehen zu können, nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu bekommen oder überhaupt gesund das Ziel zu erreichen. Hürdenläufer taucht jedoch nicht in der Top-10-Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe auf. Jugendliche wollen lieber Erzieher, Koch oder Mechatroniker werden. Andere träumen davon BWL, Medizin oder Germanistik zu studieren. Um das zu erreichen, müssen jedoch alle den Hürdenmarathon bewältigen. Das Problem: Wer die falschen Voraussetzungen mitbringt oder einen Fehltritt macht, muss entweder steinige Umwege hinnehmen oder wird gar disqualifiziert.
Den Hürdenmarathon, zu dem uns unser Bildungssystem zwingt, zeichnen wir in diesem Buch nach. Dabei stellen wir die verschiedensten Hindernisse dar, denn Hürde ist nicht gleich Hürde. So gibt es die, mit denen alle zu kämpfen haben, die, die sich nur für bestimmte Kinder, Jugendliche und Studierende stellen, und wiederum solche, die direkt mit der Gesellschaft zusammenhängen. Zudem zeigen wir auch institutionelle Hürden auf. In der Wissenschaftssprache nennt man dies institutionelle Diskriminierung. Diese meint Diskriminierungen, die innerhalb einer Institution wie der Schule stattfinden. Es handelt sich dabei meist um „etablierte Strukturen, eingeschliffene Gewohnheiten […] und bewehrte [Handlungsgrundsetze]“ 2. Darüber wird in Deutschland leider nur selten gesprochen. 3grundsetze]“
Das wollen wir ändern. Dieses Buch ist aus der Idee entstanden, eine Debatte in Deutschland über unser Bildungssystem anzustoßen. Denn alle jungen Autoren dieses Buches sind sich einig: Es muss sich etwas verändern!
Vielen ist nicht bekannt, dass es in unserer Bildungslandschaft Hürden gibt. Oft herrscht das Bild vor, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sein könnte, allein weil die Bildung in Deutschland kostenlos ist. Dass dies leider nicht so einfach ist, werden die einzelnen Kapitel zeigen.
Dieses Buch gibt analysierende und auch persönliche Einblicke in die Bildungsläufe einer Generation. Alle Autoren sind zwischen 19 und Anfang 30 und zeigen Hürden auf, die sie selbst erlebt haben oder die sie besonders problematisch finden. So wechseln sich analysierende Kapitel mit kurzen Selbstporträts ab. Diese sollen die zentrale Frage des Buches widerspiegeln: Was macht das Bildungssystem mit den Menschen, die darin lernen?
So ist das Buch wie ein Hürdenlauf aufgebaut und daher beginnen wir mit der frühkindlichen Bildung und zeigen, welchen Problemen sich schon Kinder stellen müssen. Für viele werden bereits die Wahl des Kindergartens oder die Einschulung zum Fehlstart. Häufig spielt hier der sogenannte sozioökonomische Hintergrund eines Kindes eine große Rolle, also aus welchen sozialen und finanziellen Verhältnissen es kommt.
Im darauffolgenden Abschnitt geht es vor allem um die Selektion nach der Grundschule und was dies für Jungen und Mädchen bedeutet. Seit der PISA-Studie ist klar, dass der Bildungserfolg eines Kindes maßgeblich von der Bildung der Eltern abhängt. Die Lauf bahnen sind vorgezeichnet und es ist schwer aus diesen auszubrechen, wie wir zeigen werden. Das Dramatische hierbei ist, dass diese Ungerechtigkeit bekannt ist und dennoch stark an der Dreigliedrigkeit, also an der Trennung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium festgehalten wird. Wir sollen aus der Vergangenheit lernen, um die Zukunft besser zu gestalten, wird schon im Geschichtsunterricht gelehrt. Für das Bildungssystem gilt dies aber offenbar nicht. Denn hier klammert sich die Politik und die Gesellschaft an die veralteten Strukturen, die ihren Ursprung im Kaiserreich haben. Entscheidend für die Organisation der Schule war das Jahr 1787. In dem Jahr wurde das sogenannte Oberschulkollegium gegründet, durch das die Schulen in Preußen zum ersten Mal zentral verwaltet wurden. 4Der erste Leiter dieser Behörde beschrieb in einem Plan seine Vorstellung, wie das preußische Schulwesen organisiert werden sollte. Für ihn war klar, „daß der Bauer anders als der künftige […] Bürger, und dieser wiederum anders als der künftige Gelehrte […] unterrichtet werden muß. Folglich ergeben sich drei Abteilungen aller Schulen des Staates; nämlich: 1) Bauer- 2) Bürger- und 3) Gelehrte Schulen.“ 5
Dieses Denken versteckt sich auch in der heutigen Dreigliedrigkeit unseres Schulsystems und erschwert dadurch den Bildungsaufstieg eines Kindes ungemein. Inzwischen hat sich diese Dreigliedrigkeit ausgeweitet. So gibt es beispielsweise noch Förderschulen und Gesamtschulen, weswegen wir im Buch immer von einer Mehrgliedrigkeit sprechen werden.
Der Aufstieg durch Bildung wird dann im folgenden Abschnitt thematisiert, in dem sich die Jugendlichen schon mitten im Hürdenmarathon befinden. Welche Pläne haben Jugendliche nach der Schule? Welche Hürden gibt es, eine gute Ausbildung zu finden? Und wie funktioniert es eigentlich, ohne Abitur zu studieren? Für dieses Buch haben wir Interviews mit Schülern geführt, die kurz vor ihrem Schulabschluss stehen und die wir nach ihren Zukunftsvisionen und Plänen gefragt haben. Durch diese Studie wird deutlich, wie stark die Schüler selbst die für sie vorgezeichneten Laufbahnen verinnerlicht haben und ihnen oft andere Optionen gar nicht bekannt sind.
Um die Hürdenelite, also um Probleme wehrend und nach dem Studium, geht es im darauffolgenden Abschnitt. Hier werden weitere Hürden, wie der Übergang vom Bachelor zum Master oder die Möglichkeit als Fachhochschulabsolvent zu promovieren, beleuchtet. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Thema Depression gelegt, da in den vergangenen Jahren verstärkt auch Studierende betroffen sind.
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