Die chronisch unterfinanzierten Hochschulen wurden seit den EU-Beschlüssen von Bologna 1999 von den Plänen der Bildungsreformer getrieben. Die Ideen waren gut, doch die Umsetzung im Bologna-Prozess missglückte gründlich: zu viele Kinderkrankheiten, die früh diagnostiziert waren, deren Behandlung aber immer wieder verschoben wurde – zum Schaden der Studierenden.
Die Umstellung der alten Magister und Diplome auf das neue System aus Bachelor und Master klappte nur an wenigen Unis nicht nach dem Motto „Verdichten, verschulen, umbenennen“. Enge Stundenpläne und Prüfungswut produzierten immensen Zeit- und Leistungsdruck. Sie raubten Freiräume, über den Tellerrand des eigenen Studienfaches nachzudenken, sich Nachhilfe zu nehmen, sich erst einmal im Uni-Leben zurechtzufinden. Vor allem für Studierende aus sozial schwächeren Elternhäusern wurde das Uni-Leben noch schwieriger. Denn sie haben weniger Zeit, sich durch Nebenjobs über Wasser zu halten.
Erst recht verhindert der Leistungsstress politisches Engagement. Seit Bologna brechen den NGOs und zivilgesellschaftlichen Initiativen die längerfristig engagierten Studenten weg, weil die ihre Zeit in der Bibliothek verbringen statt beim Planungstreffen der Nachhaltigkeitsgruppe. Selbst etablierte studentische Organisationen, die bislang fest im Sattel saßen, leiden unter Nachwuchsproblemen, z. B. AIESEC, ELSA oder die Amnesty-Hochschulgruppen. Die Zeitverdichtung im Bildungssystem ruiniert freiwilliges Engagement. Für Sich-Ausprobieren und Weltverbessern bleibt in einem effizienten Studium keine Zeit. Wo früher noch mühelos Streikwochen eingelegt werden konnten, ohne die Abschlussnote zu gefährden, zählt heute von Anfang an jede Note. Gnadenlos.
Man muss sich fragen, ob die Ideologie des „immer schneller“ wirklich Sinn ergibt. Einfach mal in Vorlesungen reinschnuppern, die nicht für die Note zählen? Dazu ist kaum Luft. Weil viele Pflichtveranstaltungen nur unregelmäßig angeboten werden, ist die genormte Regelstudienzeit für Studierende, die nebenher arbeiten müssen, Kinder haben oder sich gesellschaftlich engagieren, nicht zu schaffen.
Statt Reflexion zu üben, werden vorgefertigte Rezepte auswendig gelernt, für deren Infragestellen keine Zeit bleibt. Studenten werden mit Wissenshäppchen abgespeist und vollgestopft. Es gilt das Prinzip: Pauken statt Wissenschaft. Prüfungen sind schön und gut, aber wenn nicht mehr gedacht, sondern nur noch geschluckt wird, haben die Hochschulen ihren Auftrag verfehlt. Blindlings schraubten die Bologna-Reformer die Arbeitsbelastung hoch, und vergaßen Studienqualität und Studierbarkeit.
Auch an den Schulen ging die Bologna-Denke des „immer schneller“ nicht vorbei. Kürzere Schulzeiten sind nicht des Teufels – aber wenn das Gymnasium von 13 auf zwölf Jahre verkürzt wird, muss damit eine grundlegende Entschlackung des Lehrplans einhergehen und nicht Konzeptlosigkeit herrschen. In Bayern schafft jeder dritte Schüler das Turbo-Abitur nur mit Nachhilfe. Die Arbeitszeit eines Schülers beträgt dort mehr als vierzig Stunden pro Woche – wohlgemerkt in einem Halbtagsschul-System. Die Nachhilfeindustrie wächst rasant. Wer das Schulversagen nicht durch privat bezahlte Paukstunden kompensieren kann, fliegt raus. Eine Kürzung der Schulzeit ohne bessere Curricula und bessere Betreuung verbaut nicht nur jede Chancengleichheit, sondern verändert auch das Bild von der Schule, die mehr und mehr zu einem (schlecht gemanagten) Produktionsstandort für den Arbeitsmarkt wird, statt ein Ort der Entfaltung und Entwicklung zu sein. Schule wird begriffen als Wettlauf um Prüfungsnoten und -scheine, nicht als Freiraum zum Ausprobieren und zur Selbstverwirklichung. Non scholae, sed vitae? Fehlanzeige! Kürzer ist nicht gleich besser.
Nichts entscheidet hierzulande so stark über die Chancen eines jungen Menschen wie die Gnade oder Ungnade seiner Geburt. Formal ist der Bildungszugang für jeden gleich – doch Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern fällt der Aufstieg dreimal schwärer. Sie werden zu Hause nicht genug gefördert, weil Geld fehlt und der Lebensstil der Eltern nicht immer die beste Unterstützung ist. Das Versagen der Eltern wird von der Politik noch verschärft: Bereits nach der 4. Klasse werden die Kinder nach Leistung auf die verschiedenen Schultypen aufgeteilt. Das ist viel zu früh, um Begabungen auch nur einigermaßen erkennen zu können. Regelmäßig belegen OECD-Studien außerdem, dass Kinder aus Akademikerfamilien von ihren Grundschullehrern deutlich öfter eine Empfehlung für das Gymnasium ausgestellt bekommen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung. In den Köpfen der bewertenden Lehrerinnen und Lehrer sitzt das Bild im Kopf: Akademikerkinder müssen Akademiker werden. Außerdem wollen sie sich Ärger mit den Eltern ersparen, die gar keine Alternative für ihren Nachwuchs sehen als die Universität. Anders als Arbeiterfamilien, für die Hochschulbildung immer noch exotisch ist und der Junge lieber eine bodenständige Arbeit in der Fabrik oder der Werkstatt ergreifen sollte.
Besonders dramatisch: 8 Prozent verlassen die Schule ohne jeden Abschluss. Sie haben kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Ohne Bildung sind Armutskarrieren und soziale Spaltung vorprogrammiert. Hier muss die Politik handeln, bevor eine sozial abgehängte Unterschicht entsteht. Dafür müssen Eltern, Kitas und Kindergerten, Schulen und Jugendämter so früh wie möglich zusammenarbeiten.
Chancengleichheit darf nicht nur auf dem Papier stehen. Schon wegen ihrer unterschiedlichen finanziellen und soziokulturellen Startbedingungen sind die Chancen ungleich verteilt. Das Bildungssystem darf diese Ungerechtigkeit nicht noch verschlimmern. Zugangshürden zur Bildung gehören deshalb abgebaut und nicht verteidigt. Studiengebühren schrecken besonders bildungsferne Schichten noch stärker vom Studium ab. Sie machen ein ohnehin schwer durchdringbares Bildungssystem noch undurchdringlicher. Wenn wir wissen, dass Bildung nach wie vor stark von der sozialen und finanziellen Lage der Eltern abhängt, dann braucht es eine wesentlich breitere und bessere Studienfinanzierung als heute, anstatt mit einer Campus-Maut den Weg zur Hochschule zu versperren und selbst in den Schulen mit Büchergeld und immer mehr Gebühren die Bildungsverantwortung der Gesellschaft auf die Familien abzuwälzen.
Stattdessen muss Bildung früher beginnen, um Benachteiligungen auszugleichen. Qualifizierte Kinderbetreuung für die Kleinen ist entscheidend: Bereits im jungen Alter müssen Kinder nachholen können, was ihre Eltern versäumt haben. Dazu gehört sicherlich kein Englischunterricht für Vierjährige, aber jedes Kind muss beispielsweise die deutsche Sprache sprechen können und Gleichaltrige aus anderen sozialen Schichten kennenlernen. Das ist nicht überall selbstverständlich – leider.
Der Grundsatz der freien Bildung darf daher nicht auf die Hochschulen verengt werden: Erst recht muss der Kindergartenplatz mittelfristig gebührenfrei werden, weil sich schließlich im frühkindlichen Alter die Zukunft des Kindes entscheidet. Geld wäre genug da – nur der politische Wille fehlt.
Der Studierenden-Survey der Uni Konstanz, der seit 1982 das Lebensgefühl der Studenten in Deutschland erfasst, registriert einen nüchternen Pragmatismus der jungen Generation. So war die Aussicht auf einen sicheren Job noch vor 20 Jahren nur für ein Drittel der Studenten wichtig für die Studienwahl, heute sind es dagegen schon zwei Drittel. Auch Studenten einer „brotlosen“ Kunst, wie der geisteswissenschaftlichen Fächer, nehmen oft ein solides Wirtschafts- oder Technikfach mit in ihren Studienplan auf, um sich für den Arbeitsmarkt zu rüsten. Zugleich sind mehr Studenten bereit, für den Job umzuziehen oder lange Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen.
Die Studenten von heute wollen zügig ihren Abschluss machen und arbeiten intensiver für die Uni als zu den Zeiten der 68er, als sich ein verlorenes Streiksemester noch als kleiner Verlust im Vergleich zur unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution darstellen ließ. Trotz gesellschaftlichem Idealismus zieht das Kalkül kalter Kosten-Nutzen-Rechnungen der effizienten Selbstoptimierung zu passgenauem Firmenfutter in die Lebensplanung ein. Es ist ein Zynismus unserer Zeit, dass wir Jungen die Maxime der Flexibilität, die der amerikanische Soziologe Richard Sennett in Der flexible Mensch als zentrale Kategorie des modernen Kapitalismus identifiziert, dermaßen perfekt erfüllen, dass wir uns damit selbst ein Bein stellen, weil wir bereitwillig auch noch so schlechte Arbeitsbedingungen akzeptieren.
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