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„Eine Million. Das ist nicht wenig“, sagte er, ohne dass eine Regung in seinem Gesicht zu erkennen war. Vor ihm saß eine Frau in den Fünfzigern mit geröteten Augen, und durch die Blässe ihres Gesichtes schimmerten rote Flecken. Hektische Flecken, dachte er und hoffte, dass sie durchhalten und nicht in Kürze zusammenklappen würde. Zuerst brauchte er die notwendigen Informationen. Dann konnte sie von ihm aus abkippen in einen hysterischen Anfall, Nervenzusammenbruch oder was auch immer, und sich eine Beruhigungsspritze verpassen lassen. Er blickte auf die goldene Rolex mit dem Brillantenkranz an ihrem Handgelenk.
„Ist die Beschaffung dieser Summe für Sie ein Problem?“ fragte er betont nüchtern. Mitgefühl war in seinem Geschäft störend. Wie jede andere Emotion auf seiner Seite. Unkontrollierte Gefühle hatten seine Geschäftspartner zumeist in dieser Situation reichlich.
Sie schüttelte den Kopf und ignorierte den feinen Faden, der aus ihrer Nase lief und auf den Tisch tropfte. Es wunderte ihn nicht, dass genügend Geld zur Verfügung stand. Wenn er engagiert wurde, war Geld nicht das Problem.
„War der Anrufer nervös oder ruhig, und haben Sie noch andere Stimmen gehört?“
„Sie glauben, dass es mehrere sind?“ Endlich sagte sie wieder etwas. Reden war wichtig. Für sie und ihn. Sie konnte sich also schon zusammenreißen, wenn sie wollte.
„Eine Million hört sich nach Teilen an. Wenn der Anrufer ruhig und sachlich war, arbeitet er nicht alleine.“
„Er war ruhig.“
„Das ist ein gutes Zeichen“, erwiderte er, obwohl er es noch gar nicht genau wusste. Aber er brauchte sie. Gefasst. Dann musste sie noch einmal versuchen, das Telefonat wiederzugeben.
„Ich saß im Büro, und die Zentrale stellte das Gespräch durch. Ich meldete mich mit meinem Namen, und ein Mann erklärte mir, dass unser Sohn in seiner Obhut wäre.“
Es drängte ihn, sie hier schon zu unterbrechen. Aber er zügelte sich. Jetzt bloß nicht ihren Redefluss stoppen.
„Dann sagte er nur noch, dass wir ihn für eine Million zurückbekommen. Und wir sollten nicht auf die Idee kommen, die Polizei einzuschalten. Und dass er sich wieder melden würde. Ich dachte, das ist ein gemeiner Scherz, und rief sofort auf dem Handy unseres Sohnes an. Aber es meldete sich nur ganz kurz dieselbe Stimme. Er wollte nur noch eine Durchwahl direkt in unser Haus haben, die er zukünftig anrufen konnte. Da wusste ich, dass es stimmte.“
Als Erstes wollte er wissen, ob der Anrufer wirklich das Wort „Obhut“ benutzt hatte, oder sie sich nur kultivierter ausdrücken würde als er. Er hatte „Gewalt“ gesagt. Das war kein gutes Zeichen. Aber er sagte ihr nichts davon. Dann spulte er seinen Fragenkatalog herunter, bis sie nicht mehr konnte. Er hatte für seine Unterhaltung mit ihr den Esstisch gewählt. Form- und haltgebende Stühle mit hohen Lehnen und eine Tischplatte zum Aufstützen der Arme. So hielten seine Gesprächspartner einfach länger durch. Aber jetzt war Schluss. Wie fast immer in diesen reichen Haushalten stand ein vertrauter Arzt bereit, der ihr jetzt vom Stuhl half und sie irgendwo in diesem riesigen Haus nach oben in eines der Schlafzimmer brachte. Dort bekam sie dann ihre erste Beruhigungsspritze und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, von dem sie später glaubte, es hätte ihn nie gegeben. Er rekapitulierte die erhaltenen Informationen und begann sich erste Notizen in seinen kleinen Taschenkalender zu schreiben. Der Anrufer: männlich, geschätztes Alter der Stimme: zwischen dreißig und vierzig. Hintergrundgeräusche: keine. Kurze, präzise Aussprache des Nötigsten. Dieselbe Stimme am Handy des Sohnes. Der Entführer wusste, dass die Mutter zuallererst dort anrufen würde. War das schon gut vorausschauend? Nein, es war einfach naheliegend. Aber das nachdrückliche „keine Polizei“ war in einer verschärften Stimmlage gekommen. Angsterzeugend, meinte sie, erschrocken habe sie sich.
Er wusste, dass sie selbst zwei Unternehmen in der Firmengruppe ihres Mannes führte. So leicht zu erschrecken war sie gewiss nicht. Auf diesem Sektor hatte sie bestimmt schon so einiges erlebt.
Täter entschlossen und gefährlich, schrieb er weiter. Und: Sicherheit geben, Vertrauen aufbauen. Geschäftsbeziehung begründen.
Er klappte sein Mobiltelefon auf und wählte die Nummer seines Büros. Seine Angestellte war nach dem zweiten Klingeln schon am Apparat. Sie erwartete seinen Anruf. Er gab ihr die Telefondaten von Stefan, und sie versprach, sich schnell zurückzumelden. Es dauerte nicht lange, bis sie sich wieder meldete. Er wusste, dass das bedeutete, dass eine Handyortung nicht mehr möglich war. Es war also längst abgeschaltet. „Letzter Standort war der Parkplatz am Weserstadion. Vor elf Stunden.“ Diesen Hinweis konnte er vergessen.
Durch die Fenster des großen Erkers sah er neben einem weißen Garagenkomplex mit vier strahlenden Glastoren ein schwarzes Bentleycoupé halten. Ein sehr gepflegter, breitschultriger Mann Mitte fünfzig, leichter Bauchansatz, dunkelblond getöntes, volles Haar, stieg ruhig und gelassen aus dem Wagen. Ein teures, blaues Wollsakko unterstrich seine Erscheinung und seine Klassenzugehörigkeit. Wenig später kam er ihm im Esszimmer entgegen und reichte ihm die Hand. „Gut, dass Sie gleich zur Verfügung stehen konnten.“
Er erhob sich und ergriff die große, warme Hand des anderen. Auch er stellte sich vor und nickte kurz und zackig. So wie er es bei allen seinen Kunden tat.
„Gehen wir ins Arbeitszimmer“, schlug der Hausherr vor und wies ihm mit einer einladenden Geste den Weg. Er registrierte, wie gefasst dieser Mann war. Der Umstand, dass sein Sohn entführt worden war, schien ihn nicht zu erreichen. Sie durchschritten ein mit teuren, modernen Möbeln geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer, in dem man auch drei Schulklassen gleichzeitig hätte unterrichten können, gelangten über einen Flur in den hinteren Teil des Hauses, und in jedem, der diesen Weg gehen würde, musste das Gefühl aufkommen, dass der Flur als Verbindungsglied zu einer anderen Welt diente. Vom riesigen, lichtdurchfluteten und in Weiß gehaltenem Wohnzimmer gingen sie in einen mit grüngoldenen Brokattapeten tapezierten, engen Flur mit hohen Wänden und dann in eine Art Raucherzimmer. Hier standen schwere braune Ledersessel und Sofas. Die Wände mit dunklem Holz vertäfelt. Tageslicht fiel nur durch die an einer Seite gelegenen Fenster. An einigen Stellen wurde die Vertäfelung durch in die Wand eingelassene Bücherschränke unterbrochen. Obwohl auch dieser Raum sehr hoch war, drückte die schwere, hölzerne Kassettendecke nach unten. Sein Gastgeber durchschritt den Raum und zog zwei Flügel einer weit über Kopfhöhe hinausragenden Tür auf und ließ ihm den Vortritt. Das Arbeitszimmer war ebenso konservativ eingerichtet. Viel dunkles Leder, braunes Holz, massiver Schreibtisch aus Eiche. Aber Fenster zu drei Seiten. Ihm wurde bewusst, dass sich im vorderen Teil des Hauses die Ehefrau seines neuen Geschäftspartners wohlfühlte, er aber den alten Teil des Hauses vorzog. Er wollte die Entführung seines Sohnes in seinem Arbeitszimmer besprechen. Wie einen der vielen anderen Termine in seinem Tagesgeschäft. Problem erkennen, Problem lösen. Nächstes Vorhaben. Eine Situation, die, sofern sie sich bestätigen würde, ihm selbst sehr angenehm war. Keine Hysterie, keine Hektik. Nüchternes Abwickeln. Ihm wurde ein Clubsessel in einer Besprechungsecke zugewiesen. Auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen stand ein Humidor. Sein Gegenüber entnahm ihm eine Zigarre und bot ihm auch eine an. Er schüttelte den Kopf. „Ich rauche nicht.“ Mit einem langen Streichholz entzündete der Hausherr seine Zigarre und zog ein paar Mal kräftig an ihr. Dann schaute er beruhigt auf die Glut an ihrer Spitze und begann.
„Sie sind mir von Geschäftsfreunden empfohlen worden. Eigentlich bin ich in der Lage, meine Probleme selbst zu lösen. Aber in diesem Fall ... Meine Frau findet es besser, Sie einzuschalten. Also gut: Das Lösegeld steht ab morgen zur Verfügung. Spätestens übermorgen. Man sagte mir, Ihr Honorar beläuft sich auf zehn Prozent? Ganz schön viel. Kann man darüber noch mal sprechen?“
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