Und das soll es auch nicht. Da sind sich doch die Notare, die Anwälte, die Ärzte, die Steuerberater, Handyverkäufer und die Gebrauchtwagenverkäufer einig. Man ist da verbal lieber unter sich und bastelt sich seine eigene Fremdsprache. Zu viele Mitwisser können da nur schaden. Der Kunde braucht ja schließlich nur an der richtigen Stelle zu unterschreiben. Und das haben wir ja auch gemacht.
Und dabei verstehen wir sie ja, diese Sprache. Es ist ja unsere. Die Worte gehen rein, weil das Ohr ja gut funktioniert, aber sie bleiben nicht lange drin. Wenn unser Steuerberater, Herr Grenningloh, mir zum Beispiel erklärt, dass es durchaus steuerunschädlich und für mein sozial akzeptiertes Weiterbestehen in dieser Gesellschaft lebenswichtig ist, alle Quittungen und Rechnungen aufzubewahren und darauf zu achten, dass die Mehrwertsteuer ausgewiesen ist und die Bewirtungsbelege auch ausgefüllt und unterschrieben sein müssen, dann verstehe ich ihn natürlich, aber ich begreife es anscheinend nicht, weil ich es dann doch nicht mache.
Ich kann mich dann natürlich zwingen, seine Worte und Ermahnungen eine Weile bei mir zu behalten, wie ein ekliges fettes, kaltes Stück Fleisch, ohne zu würgen, aber spätestens nach ein paar Tagen, haben mich die Worte dann doch wieder auf ganz natürlichem Wege verlassen.
Kann man nix machen.
„Na, die werden uns schon nicht über’s Ohr hauen, Steffi. Können die ja nicht machen. Guck mal, der Dumbledore ist ja schließlich ein Notar .“ Ich betone das Wort besonders erhebend, wie ich meine. „Da wird schon alles korrekt sein.“
Steffi sieht mich an und kann auch schon wieder lächeln. Na bitte.
„Ja klar, denke ich auch“, sagt sie dann und so beruhigen wir uns ganz wunderbar gegenseitig.
„Komm, wir gehen zur Feier des Tages noch zu Gaetano!“
Ja, das ist schön. Lecker essen bei Gaetano und Giovanna am Marktplatz in Leckede-Hintersten. Sapori Italiani heißt sein wunderbarer kleiner Laden. Das wird ein Fest. Hoffentlich hat er gut geheizt, weil es wirklich verdammt kalt geworden ist bei uns im Sauerland.
***
„Aaah, kommte reine, Alessandro, Sstääffii!“, singt Gaetano durch seinen kleinen Feinkost-Laden mit Restaurantabteilung im vorderen Bereich und breitet freudig beide Arme aus. Es ist Mittag und recht voll. Alle Tische sind besetzt, weil Gaetano wirklich die beste Pasta von Leckede, nein, überhaupt macht. Außerdem verkauft er leckere Schinken, eine Wahnsinns-Salami und ganz besonderen, verschimmelten Käse.
„Sstääfii, schönste Frau von de Wäälte!“
Das sagt er etwas leiser, damit seine eigene Frau, Giovanna, ihn nicht hört, und dann küsst er meine Steffi wieder von allen Seiten ab, weil Giovanna gerade nicht da ist, und ich kann schon gar nicht mehr hinsehen. Zum Glück kommt da die gute Giovanna breit lächelnd aus der Küche, und ich kann dann auch ein bisschen rumknutschen. Giovanna ist eine kleine rundliche, sehr herzliche, geradezu mütterliche Person mit einem riesigen Busen, der einem fast die Luft nimmt, wenn sie einen erbarmungslos an sich drückt.
„Ragazzo! Bello!“, schnurrt sie, drückt mir einen Schmatzer auf die Wange, dass ich fast ersticke. „Sstääffii, freu isch mir!“
„Wolle ässe, cari amici, liebe Freunde?“, fragt Gaetano freudig und reibt sich die Hände. Er reibt sich immer die Hände, das ist so eine Angewohnheit von ihm, und manch einer, der ihn nicht kennt und zum ersten Mal seinen Laden betritt, hat vielleicht das Gefühl, dass er ihm in die Falle gegangen ist.
Ja, wollen wir.
„Prego. Il menù!“
Damit schleudert er uns lässig die laminierte Speisekarte auf den Tisch, und bevor wir etwas daraus aussuchen können, weiß er schon, was wir auf jeden Fall nehmen sollen und nimmt uns die Karten schon wieder weg.
Es gibt heute Tortellini Colosseo und Rigatoni della Casa für alle, einen trockenen Weißen und dann noch einen, und es schmeckt wie immer fantastisch. Und Gaetano hat seinen Laden gut geheizt.
„Hast du Geld?“, fragt Steffi.
„Jep!“, sage ich großspurig, weil der Wein schon sehr angenehme Wirkung zeigt. „Über zweihundertausend.“
„Nein, ich meine jetzt zum Bezahlen, natürlich“, sagt sie und schmunzelt, weil wir auf einmal so reich sind. Jetzt hat sie es also auch begriffen und es scheint ihr zu gefallen.
„Ja klar.“
Ich zücke einen Hunderter und Gaetano gibt mir einen Fünfziger zurück. Aufgerundet. Ja, billig ist er nicht, unser italienischer Freund.
„Grazie mille!“
„Gaetano, wir haben ein Haus gekauft!“, sage ich ihm dann stolz, weil ich eigentlich immer allen alles erzähle, wenn es mir auf der Zunge brennt und mich augenblicklich bewegt. Steffi findet das nicht immer gut.
„Eine Chaus?“
„Ja, ein Mietshaus, weißt du?“
„Ooh, meine Bruder hatte so eine Chaus.“
„Unser Haus ist sehr schön. Wohnen viele Leute drin. Alle sehr nett!“
„Auche Ausseländär?“, fragt Gaetano vorsichtig.
„Nur!“
„Oooh, Alessandro“, stöhnt er da und sieht mich außerordentlich bemitleidenswert an, „gibbte nur Ärger! Gibbte nur Ärger! Pericoloso! Gefährelische! Passe auf, dass nisch falle auf Schnauze, liebe Amico!“
Ach was.
„Arrivederci, Gaetano! Arrividerci, Gioavanna!“
Und dann küssen wir uns wieder alle und Gaetano reibt sich die Hände.
Als wir das Sapori Italiani verlassen, freuen wir uns, dass es ein bisschen geschneit hat. Ein sanfter weißer Hauch hat sich über unser Städtchen gelegt und es sieht wunderbar kitschig aus. Puderzucker.
„Oh, Steffi, sieh dir das an! Bald ist Weihnachten!“, sage ich hocherfreut, denke an klingelnde Glöckchen, Paketchen mit goldenen Schleifchen und glitzernde Weihnachtsbäume und rutsche dabei überraschend elegant auf der untersten Stufe aus. Steffi kann mich leider nicht auffangen, weil ihre Reaktionsfähigkeit anscheinend doch etwas gelitten hat, aber zum Glück verfehle ich die tödlichen Spitzen des schmiedeeisernen Geländers von Gaetanos kleiner Treppe um einige Zentimeter mit dem Hinterkopf, so dass ich wohl gerade noch mal davon gekommen bin und nur mit dem Steißbein krachend und hart auf Beton lande.
„Scheiße!“
„Mann, Alex, das war knapp!“
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.