Was die Beziehung zur Gottheit angeht, so gilt für diese Stufe eine Vielzahl von weiblichen und männlichen numina 26, von Mächten und Gewalten einer unheimlich-heimlichen Gegenwart. Weibliche Gottheiten sind der Fruchtbarkeit des Alls zugeordnet, sei es in Mensch, Vieh, Pflanze, jahreszeitlichem Wachsen – auf der anderen Seite dem Verfall, Welken, Sterben und damit auch dem Krieg. 27Männliche Gottheiten haben überwiegend mit dem zeugenden Regen, auch mit Himmel 28und vielfach mit Sonne zu tun, auch mit Allwissenheit 29, ohne dass dies abgeschlossene und vor allem erschöpfende Bestimmungen wären. Für unseren Zusammenhang sind die weiblichen numina aufschlussreich: Zahllose „Venusstatuetten“ des Mittelmeerraumes zeigen eine auffällige Betonung der Geschlechtszonen und der Fruchtbarkeit. Der Urtypus der weiblichen Gottheit ist offensichtlich die Muttergöttin, die in jeder Schwangerschaft, in jedem Wachstum neue Gestalt gewinnt, etwa im sich rundenden Mond, der eine ihrer Verkörperungen ist. Zunächst aber stellt die Erde am sinnfälligsten die „große Mutter“ vor: Der „Schoß der Mutter Erde“ ist eine breit ausgefaltete, nie verlorene Metapher. Das delphische Orakel ließ – gemäß der Auskunft des Livius – die Herrschaft über Rom dem jungen Mann zukommen, der als Erster nach der Heimkehr seine Mutter küsse. „Brutus aber glaubte, dass die pythische Stimme etwas anderes meinte, fiel, als ob er gestolpert wäre, auf den Boden und berührte die Erde mit dem Mund, weil er sie offenbar für die gemeinsame Mutter aller Sterblichen hielt.“ 30Noch ein Renaissancetext, der bereits die neuzeitliche Rationalität ankündigt, nutzt durchgängig die Metaphern (oder sind es noch die magischen Betroffenheiten?) vom Leib der mater terra , von ihrem Schoß, ihren Brüsten und Eingeweiden, ihrer nährenden Milch. 31Dieser chthonischen Anfangskraft ist auch die schwarze Nacht zugeordnet, eben mit dem weiblichen Mondgestirn; es kann ihr auch die Sonne zugewiesen sein, in mehrfacher Hinsicht: sei es, dass sie selbst weiblich empfunden wird (wie es in der „Frau Sonne“ ohnehin zum Ausdruck kommt und auch mit der Sonnengöttin Amaterasu, der Ahnfrau des japanischen Kaiserhauses, für die japanische Mythologie gilt), sei es, dass der Sonnensohn noch vom mütterlichen Dunkel geboren wird (wie von der ägyptischen Nut, der Himmelsfrau, deren Leib mit den Gestirnen der Nacht bedeckt ist). 32
Für diese Muttergottheiten gilt ebenso noch eine Ungetrenntheit von Leben und Tod, auch von Gut und Böse, Geben und Nehmen, Erhören und Strafen. An Kultstätten einer Muttergöttin wurden vornehmlich Kinder geopfert. In Neuguinea lebt ein Stamm, der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts jedes Erstgeborene gleich nach der Geburt tötete und stattdessen ein Schwein aufzog, das dann seinerseits kultisch geschlachtet und verzehrt wurde. In beiden Fällen sind es weniger die Opferpriester, die den schrecklichen Ritus vollziehen, sondern meist die eigenen Mütter – im Namen der großen Göttin, die keine weiteren Geburten gibt, wenn sie sich nicht auch am Lebendigen sättigt. Wenn diese Geschichten zu abseitig anmuten: Die Überlieferung kennt im Nibelungenlied die schöne Königin Krimhild, welche ihre beiden Söhne eigenhändig ermordet und das Blut in den Hirnschalen dem Vater Attila zum Trank reicht – auch die ältere Medea aus Kolchis vollzieht diese Rache. Und in der Grimmschen Sammlung steht das eine unsägliche Märchen vom „Machandelboom“, unter dem die Knöchlein eines Mädchens klagen: „Meine Mutter, die mich slug . . .“
Diese Märchen, Mythen, Kulte folgen der Spur der Großen Bösen Frau, wie sie sich bis heute in der schwarzen Göttin Kali in Indien verkörpert, die, auf dem Leichnam ihres Gatten stehend, seine Eingeweide frisst: Hier wird die Macht des Tödlichen angebetet, jene Herrin-Mutter, deren Souveränität darin besteht zu töten, ohne sich zu rechtfertigen. Wird der Wagen mit der thronenden Göttin durch die Straßen gezogen, so werfen sich bis zum heutigen Tage Gläubige vor die schweren Räder, um zermalmt zu werden. Welcher Abgrund meldet hier seinen Anspruch? Das Märchen verlagert die Ahnung davon auf die Stiefmutter, die Schneewittchen Böses antut, die Hänsel und Gretel zum Verlorengehen in den Wald schickt. Psychologisch gesehen lebt die Stiefmutter in der Mutter selber. Erich Neumann, der Schüler Jungs, will in der weiblichen Psyche ein Viertel diesem Dunkel zuordnen, ein Viertel sei unentschieden, die Hälfte hell und gütig. 33Ob diese Vierteilung stimmt, sei dahingestellt; unleugbar scheint ein autonomer Bereich im Mütterlichen, der über Leben und Tod des Kindes bestimmen kann.
Freilich ist hier noch eine Klärung – auch von Neumanns These – zu vollziehen. Das Gesagte ist gültig im Bereich der überwiegend animalischen oder biologischen Mutterschaft. Sie nimmt das Kind als Besitz und vermag es deswegen zu vernichten, fast neutral. Mutterschaft umfasst aber mehr als Biologie und einige Urinstinkte des Habens, mehr als das Muttertier. Aber in der antlitzlosen Göttin meldet noch das unpersönliche und deswegen schauerliche Dunkel der numinosen Selbstherrlichkeit seinen Anspruch an. Diese Ambivalenz – noch einmal sei es gesagt – des Muttertieres zeigt sich in vielen Preisungen, die zugleich Bannung sind – ebenso wie das Opfer für die Muttergöttin Bannung ist: „Du in Gestalt der Leere, im Gewand des Dunkels, wer bist du, Mutter, die allein du thronst im Schreine von Samadhi? Vom Lotos deiner furchtzerstreuenden Füße zückt der Liebe Blitz. Dein Geistgesicht strahlt auf, es schallt dein Lachen fürchterlich und gellend.“ 34
Das Bewusstsein dieser Ambivalenz ist durchaus notwendig, um nicht einer geschichtswidrigen Romantik der Muttergöttin aus den Bedürfnissen einer späten Zeit anheimzufallen. 35Dass sie noch andere Züge aufweist, wird anschließend deutlich. Deutlich ist aber auch, dass der Bannkreis des mütterlichen Kollektivs in der geschichtlichen Entwicklung – gerade wegen seiner Macht – eingegrenzt, wenn auch nie ganz ungültig wird. Je länger, je mehr wird er sogar durchbrochen – freilich von Schuldgefühlen begleitet, was immer einen Rest alter Gültigkeit verrät. Religionsgeschichtlich entspricht dem die langsame Verdrängung der Muttergottheiten durch die Vatergottheiten, die als Garanten gesetzgebender, staatsbildender, ethischer Ordnung angesehen wurden. 36
Zeus wird zwar in kretischen Höhlen geboren und von einer nährenden Ziege (!) aufgezogen, dann aber auf dem Berg Olymp angebetet. Weit schrecklicher wird diese Abnabelung in der griechischen Mythologie mit dem schuldhaften, aber „notwendigen“ Muttermord des Orest thematisiert. Initiationsriten – um es so pauschal zu formulieren – bedeuten den forcierten Wechsel in der Pubertät, weg von der mütterlichen Obhut in die Welt des Erwachsenen, bezeichnenderweise von Prüfungen und Schulderfahrungen begleitet, die freilich die Gruppe mitträgt, kontrollierend auslöst und beendet. (Was nicht heißt, dass nicht der Erwachsene unter neue kollektive Bindungen gerät.)
Auch Judentum und Christentum fordern ein Verlassen des „Wir“ zum konzentrierten „Ich“, durch die Ernennung zum „mündigen“ Gemeindemitglied in der Bar Mizwah und im Sakrament der Firmung, etwa im Krisenalter von 14 Jahren. Ida Friederike Görres hat den ungeheuren Kraftakt des Aussteigens aus dem Clandenken und der Blutsbindung der Sippe für die germanische Königin Radegundis gezeigt, die die geforderte Blutrache verweigert und in ein Kloster flieht. 37
Mit solchen Daseinsentwürfen ist bereits der Eintritt in eine andere Wertigkeit vollzogen. Damit werden bisherige Gültigkeiten umgeformt; das Geschlechterverhältnis differenziert sich neu.
3. Die Frau als Rätsel, Drohung, Verheißung: Die mythische Struktur
Im Mythischen vollzieht sich „Aufwachen“ zum größeren Eigenstand: ein Bewusstwerden der Seele gegenüber der erfahrbaren Welt, eine Entfaltung des Innen ergänzend zum Außen. Fast jeder Mythos enthält eine Erhellung, worin dieses Standfassen im Innen im Gleichklang zum Außen deutlich wird. In ein Bild gefasst sind es zwei Hälften, die, obgleich unterschieden, doch zueinander gehören – nicht nur Seele und Himmel (wie in dem schon zitierten Wort Platons 38), sondern auch in den polaren Entsprechungen Himmel – Erde, Sonne – Unterwelt, Olymp – Hades; in der Architektur: Höhle/Gewölbe – lichte Säulenreihe, wie beides im griechischen Tempel erscheint. Der doppelköpfige Gott Janus fasst in den beiden Gesichtern von Greis und Kind sichtbar Vergangenheit und Zukunft zur Einheit zusammen. Mythisch ist das Bewusstwerden unterschiedlicher Zeitabläufe, die dennoch aus der Einheit einer einzigen gegenwärtigen Zeit stammen.
Читать дальше