Mark Hyman, M.D.,
Medical Director am Cleveland Clinic’s Center
for Functional Medicine,
Gründer des UltraWellness Centers und
New York Times-Bestsellerautor
Die Statistik ist ernüchternd: In den Vereinigten Staaten ist etwa jeder Vierte von Arthritis oder Arthrose betroffen. Schätzungen gehen von mehr als 54 Millionen Erwachsenen aus, also über 22 Prozent der US-Bürger. Das ist jedoch nur ein Teil der Betroffenen. Hochrechnungen zufolge müssen wir bis zum Jahr 2030 weltweit mit 580 Millionen Betroffenen ab 18 Jahren rechnen. (Ich weiß, das ist schwer zu glauben, weil „Arthritis“ nach wie vor oft als Alterskrankheit gilt.) Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Bei Arthritis kommt es für gewöhnlich zu so starken Gelenkschmerzen und Entzündungen, dass fast die Hälfte der diagnostizierten Patienten deshalb körperliche Einschränkungen angibt. Bedauerlicherweise betrifft dies auch die körperliche Leistungsfähigkeit, wodurch das Risiko für weitere Gesundheitsrisiken wie Diabetes, Adipositas und Herzkrankheit ansteigt.
Solche Zahlen sind natürlich erschreckend, doch wenn Sie selbst mit Arthritis leben, wird die Statistik nebensächlich. Dann tritt die persönliche Lebensqualität in den Vordergrund. Als Ärztin arbeite ich seit fast 20 Jahren auf der Basis der funktionellen Medizin, wo ich inzwischen als Expertin gelte. Ich habe viele Hundert Menschen mit schwerer Arthritis gesehen, bei denen chronische Schmerzen mit Schwellungen an einem oder mehreren Gelenken gepaart waren. Schon in meiner eigenen Praxis kam dies häufig vor, und seit ich das Blum Center for Health in Rye Brook, New York, gegründet habe, sehe ich noch mehr solcher Patienten.
Aufgrund meiner Erfahrung aus der tausendfachen Behandlung von Patienten mit entzündlich bedingten Erkrankungen – einschließlich Arthritis in diversen Erscheinungsformen – bin ich davon überzeugt, dass die funktionelle Medizin diese potenziell verkrüppelnden Gelenkprobleme besser heilen kann als die Schulmedizin. Funktionelle Medizin ist ein ganzheitlicher Behandlungsansatz, der nicht nur die Symptome betrachtet, sondern den ganzen Menschen einbezieht. Ich betrachte die funktionelle Medizin als Spezialgebiet in der Fachrichtung der integrativen Medizin, die komplementäre und alternative Heilverfahren in das individuelle Behandlungsschema einbezieht. Hierzu zählen beispielsweise auch Akupunktur, Homöopathie, Psychosomatik oder Craniosacral-Therapie. In meinen Augen gleicht ein guter funktioneller Arzt einem medizinischen Detektiv, der alle Hinweise aus der Vergangenheit (wo jemand aufgewachsen ist, Familiensituation, traumatische Ereignisse, Vorerkrankungen und so weiter) und der Gegenwart (Umwelt, soziale Faktoren, Stress, Beziehungen, Ernährung – nicht nur, was Sie essen, sondern auch die Qualität –, körperliche Aktivität, Schlaf, die Symptome und andere wichtige Faktoren) ermittelt. Anhand dieser Informationen wird dann überlegt, inwiefern und aus welchem Grund der Körper nicht gut funktioniert (daher der Begriff „funktionelle“ Medizin). Krankheit wird somit anders betrachtet und auch anders angegangen als in der klinischen Medizin.
Umgekehrt konzentriert sich die konventionelle Medizin üblicherweise auf die Symptome einer Arthritis und setzt auf starke Schmerzmittel und Immunsuppressiva, um diese Symptome zu bekämpfen. Solche Medikamente können die persönlichen Beschwerden tatsächlich vorübergehend eindämmen. Bei starken Schmerzepisoden sind sie ebenso hilfreich wie notwendig. Die Grunderkrankung wird damit jedoch nicht angegangen. Am liebsten erkläre ich diese Zusammenhänge über eine Analogie von Sidney Baker, einem bekannten Präventionsmediziner, der gern als Vater der funktionellen Medizin bezeichnet wird. Er sagte: „Wenn Sie auf einem Reißnagel sitzen, brauchen Sie kein Schmerzmittel. Sie brauchen jemanden, der den Reißnagel findet und entfernt.“
In Bezug auf Arthritis müssen wir also den jeweiligen „Reißnagel“ finden, der für die schmerzhaften, einschränkenden Symptome verantwortlich ist, und ihn entfernen. In diesem Buch lernen Sie, welche Ursachen in Frage kommen und wie man sie angeht.
Ein weiterer Nachteil an Medikamenten ist, dass sie den Magen-Darm-Trakt schädigen. Der Magen-Darm-Trakt ist ein langer innerer Schlauch, der vom Mund zum Magen verläuft und anschließend in Dünn- und Dickdarm mündet. Seine Oberfläche ist so groß wie ein Tennisplatz. Da in diesem Bereich 70 Prozent unseres Immunsystems angesiedelt sind, kann jede Schädigung die Gesundheit erheblich beeinträchtigen und so zum Beispiel eine Arthritis verschlimmern, die Entzündungsbereitschaft erhöhen und Autoimmunerkrankungen auslösen. Der Magen-Darm-Trakt ist ein gutes Beispiel für solch einen „Reißnagel“, der behandelt werden muss, damit eine Arthritis besser wird.
2013 erschien mein erstes Buch, Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln (2014 auf Deutsch bei VAK erschienen). Danach bin ich wiederholt in der Dr. Oz Show und anderen Sendungen im US-Fernsehen aufgetreten, um zu erläutern, wie ich entzündliche Erkrankungen behandele. Daraufhin suchten immer mehr Patienten mit derartigen Erkrankungen meinen ärztlichen Rat. Erstaunlicherweise hatte die breite Mehrheit darunter Arthritis! Viele hatten rheumatoide Arthritis (RA), etliche Psoriasisarthritis (PsA), andere kämpften mit verschiedenen Autoimmunkrankheiten wie Lupus erythematodes (Kurzform: Lupus) oder dem Sjögren-Syndrom, das mit entzündlichen Gelenkveränderungen einhergeht. Hinzu kamen Patienten mit Gelenkschmerzen und -schwellungen, bei denen keine dieser Erkrankungen eindeutig diagnostiziert werden konnte, sowie viele mit Arthrose (OA, von englisch: Osteoarthritis), deren Schmerzen auf Entzündungsprozesse zurückzuführen waren.
Als ich mit diesen Patienten intensiv an ihrer Gesundung und einer verbesserten Lebensqualität arbeitete, schälte sich für die Arthritispatienten ein eigenständiger Behandlungsansatz heraus, bei dem es in erster Linie um die Gelenke und – aufgrund neuester Forschungsergebnisse – die Darmsanierung ging. Zudem erkannte ich, dass Menschen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen ein Konzept benötigen, dass dauerhafte Heilung und Gesundheit verspricht und sie dabei unterstützt, das Begonnene zu Ende zu führen. Seit meinem ersten Buch haben neue Untersuchungen bestätigt, was die funktionelle Medizin ihren Patienten seit Jahren anbietet: Arthritis und Entzündungsprozesse gehen vom Darm aus und müssen dort behandelt werden. Parallel dazu erwarb ich in diesem Zeitraum kostbares Wissen, wie man Rückfälle verhindern kann. Auch wenn ich Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln nach wie vor als Goldstandard für die Behandlung von Autoimmun- und entzündlich bedingten Erkrankungen betrachte, habe ich ein spezielles, innovatives Behandlungskonzept für Arthritis entwickelt, das ich in diesem Buch vorstelle. Ich weiß, dass dieses Programm hilft, denn ich habe es bei allen betroffenen Patienten in meiner Praxis eingesetzt. Ich weiß es aber auch, weil ich damit meine eigene Arthritis geheilt habe.
In meinem letzten Buch habe ich berichtet, wie ich meine Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunstörung der Schilddrüse, erfolgreich behandeln konnte. Dadurch verschwanden dank des funktionellen Ansatzes auch meine Probleme mit einer hohen Quecksilberbelastung sowie die Blähungen und die Verstopfung, die mir seit meiner Kindheit zu schaffen machten. Dieser Weg zur Heilung hatte entscheidenden Anteil an der Entstehung des Behandlungsansatzes, den ich in Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln näher erläutert habe. Dank passender Ernährung, Sport und Stressbewältigungsmethoden bin ich seit fünf Jahren gesundheitlich stabil. Mein Leben ist ausgewogen. Ich fühle mich im Gleichgewicht. Doch wie John Lennon schon in Beautiful Boy sang: „Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne schmiedest.“ Und somit präsentierte mir das Leben nicht nur einen, sondern gleich zwei erschütternde Ereignisse.
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