Mom verkehrte nun mehr in vornehmeren Kreisen und hatte schon bald viele neue Freunde. Sie erlebte die fabelhaften Fünfziger in New York City sowie alles, was damit verbunden war. Zu ihrem Freundeskreis zählten viele schwule Männer, die entweder Frisöre oder in der Modebranche tätig waren, und sie betörte viele Vertreter der gehobeneren Gesellschaft New Yorks. Damals war sie blond – eine ein Meter und 75 Zentimeter große Sexbombe mit einer schmalen Taille, langen hinreißenden Beinen sowie einer sexy Stundenglasfigur. Sie schien ihre äußerlichen Vorzüge zu zelebrieren und hatte kein Problem damit, Bikini oder Minirock zu tragen.
Eine ihrer Freundinnen hieß Joanne, die ebenso eine Blondine war. Joanne hatte einen fiesen Papagei, dem Mom zu fluchen beibrachte. Jo und Mom trugen oft die Badeanzüge der jeweils anderen und fotografierten sich in witzigen Posen auf verschiedenen Booten und mit unterschiedlichen männlichen Verehrern. Derselbe Einteiler mit Leopardenmuster ist auf vielen Fotos von Mom und auch von Jo getragen.
Mom liebte es, fotografiert zu werden, wobei sie immer ein Glitzern in den Augen sowie ein Glas in der Hand hatte. Auf Fotos, die sie mit anderen Leuten zeigen, zieht meine wunderschöne Mom stets die Aufmerksamkeit zuerst auf sich. Ihre Begleiter waren entweder reich oder attraktiv und man konnte ihnen ansehen, dass sie sie mit Wohlstand überhäufen wollten – ein Leben, nach dem sie sich sehr sehnte. Ein spezielles schwules Pärchen zählte zu den besten Freunden meiner Mutter. Sie wohnten auf Fire Island und erzählten gerne und oft die Geschichte, in der Mom eines Tages einen ihrer Pudel an der Leine über die Uferpromenade spazieren führte. Der Hund wickelte die Leine rund um eines ihrer Beine. Mom verhedderte sich und fiel der Länge nach auf die Holzplanken. Ihr Kleid rutschte ihr dabei über den Kopf – und sie trug dabei nicht einmal einen Hauch von Unterwäsche.
Mom machte mit ihren vielen Talenten keine Karriere in einem Bereich, sondern fing ständig neue Jobs an. Ihre Straßenschläue und ihr innovativer Geist halfen ihr dabei, sich in ihnen auszuzeichnen, bis sie eben wieder weiterzog. Es wirkte so, als sei sie auf der Suche nach einer Art von Anerkennung oder sozialem Status beziehungsweise als würde sie ihren Wurzeln entkommen wollen.
Es sollte nicht lange dauern, bis Mom einen Mann traf, mit dem sie sich verlobte. Ich habe nie viel über ihn gewusst und war schockiert und traurig, als ich herausfand, warum sie schließlich nicht gemeinsam vor den Altar getreten waren. Mom erzählte mir die Geschichte von seinem Tod jedes Mal, wenn sie mich in das erste P. J. Clarke’s an der Ecke 55th und Third Avenue mitnahm, um einen Cheeseburger zu essen. Es stellte sich heraus, dass Mom und ihr Verlobter – später erfuhr ich, dass er Morton Gruber hieß – mit einer Freundin von Mom sowie deren Freund auf ein gemeinsames Date gegangen waren. Sie alle stiegen zusammen ins Auto und waren auf dem Weg zum Abendessen mit ein paar Drinks im P. J. Clarke’s. Sie fanden keinen Parkplatz und die Ladys sollten auch nicht zu weit zu gehen haben. Moms Verlobter saß hinterm Steuer und schlug vor, dass er die anderen drei Passagiere vor dem Restaurant absetzen könnte, um schon mal einen Tisch zu organisieren. Er würde inzwischen einen Parkplatz suchen und sich ihnen dann drinnen anschließen. Mom und die anderen beiden begaben sich hinein, warteten die üblichen zehn Minuten auf einen Tisch und setzten sich dann nieder, um erst einmal einen Cocktail zu bestellen. Es verging noch etwas mehr Zeit und die kleine Gruppe fing an, sich über die üble Parkplatz-Situation zu unterhalten. Schließlich verging noch mehr Zeit und das Trio begann, sich Sorgen zu machen. Hatte der Verlobte etwa plötzlich kalte Füße bekommen? Dieser Scherz sollte sich schlussendlich als schreckliche und morbide Vorahnung herausstellen. Nur Augenblicke später hörte man Sirenen und sah Rotlicht durch die Fenster. Alle eilten vor die Türe und jeder war zu Tode erschrocken angesichts dessen, was sich vor ihnen offenbarte.
Zu jener Zeit war die Third Avenue noch keine Einbahnstraße. Morton hatte das Auto auf der anderen Straßenseite geparkt, hatte die Fahrbahn überquert und war dabei von einem Wagen erfasst worden. Sein Körper war an die zehn Meter weit durch die Luft geschleudert worden. Er war sofort tot gewesen. Als die Rettung schließlich eintraf, hatte ihm bereits jemand seine Uhr und seine Geldtasche entwendet. Die ganze Geschichte war unglaublich. Ich konnte nicht fassen, dass es Leute gab, die einen Toten oder einen sterbenden blutenden Mann bestehlen würden.
Wenn er überlebt hätte, hätte ich wohl nie existiert.
Laut meiner Mutter wurde die Third Avenue am nächsten Tag in eine Einbahnstraße umgewandelt. Man konnte nun auf ihr nur mehr Richtung Uptown fahren. Eigentlich kam es zwar erst ein wenig später zu dieser Umwandlung, aber für sie klang „am nächsten Tag“ eben etwas dramatischer und ansprechender. Das war nur eine der leicht manipulierten Wahrheiten meiner Mutter.
Ich kann mir den Schmerz, den meine Mutter erfahren musste, nur ausmalen. Ich glaube, dass durch den Verlust ihres Vaters als Kind und später ihres Verlobten eine tiefgründige Angst vor dem Verlassenwerden in ihrem Herzen Wurzeln schlug. Mom war in vielerlei Hinsicht eine Person, die sich nicht unterkriegen ließ, und sie unternahm alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Weg weiterzugehen. Sie war keine, die über ihre wahren Gefühle sprach, sondern eine, die still für sich und alleine litt.
Ihr Leben ging weiter und sie fand andere Verehrer, allerdings nahm sie keine Heiratsanträge mehr an. Sie wollte auf Dates gehen, sich amüsieren, unterhalten werden beziehungsweise – so nehme ich an – Alkohol trinken. Mom war das Herzstück jeder Feier und ihre Trinkerei hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Auswirkungen, außer vielleicht, dabei zu helfen, ihren Status als „lustiges Mädel“ aufrechtzuerhalten.
Irgendwann traf Mom dann doch einen anderen Mann, von dem es heißt, dass es zwischen ihr und ihm sehr ernst gewesen sein soll. Allerdings sollten noch Jahre vergehen, bis ich die Wahrheit über diese Beziehung erfahren sollte.
Obwohl sie in ihrem Leben einige Tragödien durchleben musste, hatte sie auch ziemlich viel Spaß. Mom liebte den Broadway und jeden, der mit dem Theater zu tun hatte. Einige Jahr traf sie sich mit einem verheirateten (aber in Trennung lebenden) Mann namens Murray Helwitz, der als Schatzmeister am Shubert Theatre tätig war. Sie dateten für eine Weile und Mom öffnete sich so die Welt der Premierenfeiern, der spätabendlichen Cocktails sowie der Dinnerpartys in unterschiedlichen Clubs, wo auch getanzt wurde. Gesellschaftliche Events dieser Art hauchten meiner Mutter Leben ein. Sie freundete sich mit allen Barmännern, Garderoben-Girls und Restaurant-Managern an. Dies schien der Beginn eines lebenslangen Musters zu sein, denn sie fühlte sich immer zu jenen hingezogen, die sie als „Underdogs“ bezeichnete.
Obwohl sie sich auf der Suche nach einer fabelhaften und glamourösen Zukunft befand, schien sie sich stets an den Randgebieten aufzuhalten. Es war, als ob sie in zwei sich widersprechenden Welten zuhause sein wollte. Es war eine paradoxe Situation, da sie zwar einen höheren sozialen Status anstrebte, doch sich gleichzeitig nicht von einem düstereren und problematischeren sozioökonomischen Umfeld lossagen konnte. Sie strebte nach Anerkennung und einem Aufstieg in ihrem Leben, schien sich aber gleichzeitig dagegen zu wehren. Es wirkte, als ob sie sich danach sehnte, ihre Wurzeln hinter sich lassen zu können, doch konnte sie ihnen nie wirklich ganz entsagen. So fing sie immer an, sich ein wenig ungehobelter auszudrücken, wenn sie sich eingeschüchtert fühlte. Ich sagte immer, dass sie ihre Herkunft aus Newark wie ein Polizeiabzeichen mit sich führte, um es hervorzuholen, wenn sie es für notwendig hielt oder sich bedroht sah. Wann immer sie das Gefühl hatte, ihre Rüstung hätte eine Delle abbekommen, wann immer sie glaubte, sich ungeschickt verhalten zu haben, würde sie mithilfe ihrer barschen Newark-Erziehung gegensteuern. Sie begründete ihre Zähigkeit jedenfalls oft und offen damit, dass sie aus Newark stammte. Ich war mit ihr immer gerne dort zu Besuch, weil sich alles so unkompliziert anfühlte. Aber ich ließ diese Welt auch immer wieder gerne hinter mir, da ich mich irgendwann langweilte – so wie sie ja auch.
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