Als sie ihren Abschluss gemacht hatte, begann sie bei der Krueger Brewing Company am Fließband zu arbeiten. Sie gab dort die Kronkorken auf die Flaschen. Außerdem modelte sie ein wenig und wurde oft von ihrem Job abgezogen, um sich für Fotosessions zur Verfügung zu stellen und ihre hübschen Stelzen zur Schau zu stellen oder irgendwelche Männer in Uniform zu grüßen. Sie wurde von ihrem Fabrikjob weggeholt und wurde für interessante Erfahrungen freigestellt. So wie Marilyn Monroe auf dem berühmten Foto für das Magazin Yank war es immer meine Mom, nach der verlangt wurde, um ein Produkt zu präsentieren oder als Maskottchen einer Fabrik zu posieren. Sie sah aus, als würde sie Betty Grable bei ihrem berühmten Pin-up-Foto im Badeanzug imitieren wollen. Sie trug ausschließlich knallroten Lippenstift und präsentierte stets ihre langen, sexy Beine. Mom war umwerfend schön und ihr Lachen war ansteckend. Bei allem, was sie ausprobierte, war sie in der Lage, zu brillieren, und sie konnte Leute haarscharf einschätzen. Sie wusste, dass sie irgendwie anders war als die Leute um sie herum und nicht der Typ war, der gerne zur Ruhe kommen wollte oder konnte.
Bald schon strebte Mom danach, Newark hinter sich zu lassen und den Hudson River zu überqueren: Sie peilte die grellen Lichter des kosmopolitischeren Manhattans an. Mom wollte einfach mehr. Sie wünschte sich ein großes, fabelhaftes Leben und ich denke, dass sie das Gefühl hatte, Newark könnte ihr das nicht bieten. Es machte ihr offenbar nichts aus, irgendjemanden hinter sich zu lassen. Ich frage mich oft, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie geblieben wäre. Es scheint mir undenkbar, dass sie zufrieden gewesen wäre.
Mom fing an, jeden Tag mit dem Bus nach New York City zu fahren, um dort zu arbeiten. Schließlich ergatterte sie einen Job im berühmten Gaslight Café. Ihr Gehalt war minimal und der Großteil ihres persönlichen Umsatzes bestand aus Trinkgeldern. Sie arbeitete an der Garderobe und empfing Stammgäste nur mit einem Lächeln und einem Kopfnicken, weil ihr Namensgedächtnis eine Katastrophe war. Einmal, als sie ihrer Mutter einen ihrer Freunde vorstellte, vergaß sie doch glatt den Namen ihrer eigenen Mutter! Sie murmelte irgendetwas und wiederholte dann einfach immer wieder den Vornamen ihres Freundes, wobei sie fast erleichtert wirkte, dass sie sich in diesem schrecklichen Augenblick wenigstens irgendeinen Namen merken konnte. Nun, diese Unfähigkeit, sich an Namen zu erinnern, plagte sie ihr Leben lang, aber besonders während ihrer Zeit im Gaslight, wo man ein höheres Trinkgeld erwarten durfte, wenn man sich die Namen der Klienten merkte. Um dieses Manko auszugleichen, nahm Mom die Mäntel entgegen, legte ihren Kopf augenzwinkernd zur Seite und trug ihn zur Garderobe. Mom hatte einen kleinen Notizblock bei sich in der Garderobe, auf dem sie sich Charakteristika der Kunden und kleine Details über ihr Leben – Dinge, die sie ihr gegenüber erwähnten oder die sie gehört hatte – notierte. Sie schrieb sich auf, ob ein Mann etwa ein Kind hatte, das aufs College ging, ob ein Familienmitglied erkrankt war oder seinen Urlaub an irgendeinem bestimmten Ort verbracht hatte. Auch machte sie sich Notizen zur Farbe der Krawatte, der Haare oder zu sonstigen Eigenschaften. Zum Beispiel: „rote Haare und krumme Nase: Bob“ oder „glatter Seitenscheitel, riecht nach Old Spice: Jack“. Jenen Männern, denen sie keinen Namen zuordnen konnte, brachte sie im Austausch für ihre Mäntel ihr Nummernzettelchen mit in die Hüften gestützten Händen und sagte in einem koketten Ton: „Nun, wie kommt es, dass Sie heute nicht Ihre gelbe Krawatte tragen? Schande über Sie! Nächstes Mal will ich die wieder sehen. Einen schönen Abend noch.“ Die Männer fühlten sich dadurch alle als etwas Besonderes und erhielten einen Schub für ihr Ego, was dazu führte, dass sie wiederum etwas tiefer in ihr Portemonnaie griffen.
Mom zerknüllte die Geldscheine und stopfte sie in ihre Taschen. Am Ende des Abends nahm sie dann den Bus zurück nach Newark, wo ihre Mutter bereits mit dem Bügelbrett und einem heißen Bügeleisen auf sie wartete. Mom zog dann das zusammengeknäuelte Geld hervor und gab es ihrer Mutter, die dann noch wach blieb, um die Banknoten wieder glattzubügeln und zu stapeln. Ich bin mir nicht sicher, ob Mom jemals etwas von dem Geld für sich behalten durfte. Eher vermute ich, dass alles an ihre Mutter ging, damit sie sich um die Familie kümmern konnte. Mom schien das nie etwas auszumachen und sie fing stattdessen an, die Aussicht auf eine größere Welt anzuvisieren, eine, in der sie nicht jeden Tag mit dem Bus hin- und herpendeln würde müssen.
Zu dieser Zeit begann sie auch, sich von Sal zu entfernen. Sie würden zwar für immer Freunde bleiben – bis zu ihrem Tod –, aber sie entschied, alleine nach New York City zu ziehen. So machte sie sich auf die Suche nach einem Apartment und war in der Lage, sich eines an der East Side für eine in den Fünfzigerjahren gute Miete zu sichern. Als Nächstes fing sie an, im Modeviertel zu arbeiten – in unterschiedlichen Lagerräumen und manchmal auch als Model. Mom schickte, wenn es ihr möglich war, weiterhin Geld an ihre Mutter. Ich fand später Schreiben von meiner Großmutter und meiner Großtante Lil, in denen sie sich für das Mietgeld bedankten.
Meine Mutter sehnte sich nach einer etwas gehobeneren Karriere, konnte aber weder auf Erfahrung noch auf eine Ausbildung im Bereich Verkauf und Management verweisen. Sie selbst sah das allerdings nicht als Hindernis an. Als ich aufwuchs, sagte sie oft zu mir: „Brookie, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Akzeptiere nie ein Nein als Antwort und lass sie nie deinen Schweiß sehen. Finde heraus, was nötig ist, und finde einen Weg, es umzusetzen.“
Sie bewarb sich um einen Job an der Kassa der Kosmetik-Abteilung eines noblen Kaufhauses in Uptown namens Lord and Taylor. Hier war es, wo sie auf ihre langjährige Freundin und meine spätere Patentante Lila Wisdom treffen sollte. Lila stammte aus Tucson, Arizona, und war ein paar Jahre jünger als Mom. Sie wurden zu besten Freundinnen, Mom sah sich aber selbst immer als die Tonangebende, die Kapitänin des Schiffes sozusagen, an. Ich kannte sie ausschließlich in dieser Rolle, weshalb das für mich Sinn ergibt. Lila war in einer kleinen Stadt aufgewachsen und hatte einen College-Abschluss. Mom benahm sich wie ihre herrische große Schwester und diese Dynamik funktionierte.
Da Mutter auch keine Ausbildung in der Welt des Make-ups vorweisen konnte – abgesehen davon, dass sie wusste, wie sie ihren allgegenwärtigen feuerroten Lippenstift sowie passenden Nagellack auftrug –, musste sie kreativ sein und selbstbewusst wirken. Ihr Job bestand darin, Kundinnen zu schminken und ihnen in weiterer Folge Produkte anzudrehen. Mom war Rechtshänderin und nicht in der Lage, ihre linke Hand ruhig einzusetzen oder ihre rechte Hand so zu verdrehen, dass sie mit dem Schminkpinsel Lidschatten gleichmäßig auf beiden Augen verteilen hätte können. Nachdem sie ein paar Picasso-Gesichter aufgemalt hatte, kam sie schließlich zu einer Lösung. Sie schminkte zuerst die linke Seite des Gesichts einer Frau mit ihrer rechten Hand und drehte daraufhin die Frau mit dem Gesicht zum Spiegel. Dann überreichte sie der Kundin das Pinselchen, als wäre sie eine weise Lehrerin, und sagte: „Nun sehen wir mal, ob Sie das, was ich gerade mit der einen Gesichtshälfte gemacht habe, auch selber hinbekommen.“
Die Frauen liebten ihre Aufmerksamkeit und die Anleitung. Indem sie von einer Expertin eine Fertigkeit erlernten, fühlten sie sich befähigt, das Schminken in die eigenen Hände zu nehmen. Sie kauften daraufhin reichlich Produkte bei ihr und alle waren glücklich. Die Geschäftsleitung hielt Mom für ein Genie und so wurde sie rasch befördert. Lila war anfangs Moms Vorgesetzte, schon bald aber war Mom es, die den Laden schmiss. Das war eine ihrer Begabungen: ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln. Die Leute sahen zu ihr auf und glaubten, dass sie alles vollbringen könnte, sogar Dinge, in denen sie nicht formell ausgebildet worden war. Sie war ein Mensch, der nie zugegeben hätte, etwas nicht zu wissen.
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