Ich lief im Kreis, heulte und verschluckte mich an meinen Tränen. Dann ließ ich die Küche hinter mir und ging die Treppen zu meinem Schlafzimmer hoch. Ich weinte mir die Augen aus und fluchte noch ein paar Minuten lang. Dann fing ich an, den Zorn in mir zu spüren. Er fühlte sich an wie eine heiße Flüssigkeit, die sich ihren Weg entlang meiner Beine bahnte, bis sie schließlich meine Wangen erreichte. Mein Gesicht glühte förmlich vor Entrüstung.
Die Wut war schrecklich, aber schließlich schaltete ich innerlich einen Gang zurück und dachte: Wer ist dieser Kerl? Was ist mit seinem eigenen Leben und seinen Beziehungen los, dass er sich veranlasst fühlt, so ignorant und giftig daherzuschreiben? Was steckt dahinter, dass er eine Frau, mit der ihn keine persönliche Erinnerung verbindet und die er nie getroffen hat, so attackiert? Wofür steht sie in seinen Augen?
Wenn diese tote, 79-jährige Frau so viele Jahre, nachdem sie aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden war, so eine energische Reaktion bei ihm auslösen konnte, dann musste doch etwas hinter der Sache stecken, dem es wert war, auf den Grund zu gehen. Abgesehen davon war er ja weder eine Mutter noch eine Tochter. Die Beziehung zwischen Müttern und ihren Töchtern sind oft gespannt und auf faszinierende Weise kompliziert. Ich wusste, dass das bei mir so war. Aber was hatte sie in ihm ausgelöst? Was kümmerte es ihn?
Ich wusste sofort, was ich tun würde. Es war an der Zeit, unsere Geschichte zu erzählen, jene meiner Mutter und mir, die Flugbahn ihres Lebens und des meinigen nachzuzeichnen und zu zeigen, wie ich wurde, wer ich bin, durch alles, was sie war.
Dieses Buch handelt von allem, was mit Teri Shields Dasein zu tun hatte. Es ist keine Erzählung im Stile von Meine liebe Rabenmutter. Aber ich hebe meine Mutter auch nicht auf ein Podest. Über sie wurde schon so viel geschrieben und das meiste davon scheint ziemlich negativ zu sein. Dies ist auf keinen Fall ein Versuch, sie zu idealisieren, aber auch nicht, sie zu verdammen. Es ist einfach nur so, dass nun ich an der Reihe bin, die Geschichte so wiederzugeben, wie ich sie erlebt habe. Sie erzählt von den 48 Jahren, die ich meine Mutter gekannt habe – obwohl ich sie nie wirklich gekannt habe. Mein Leben, diese 48 Jahre standen dennoch stets in Beziehung zu ihrem Leben. Sie hatte auf alles in meinem Leben Einfluss gehabt. Sie befand sich am Scheitelpunkt von allem. Fast alles, was ich tat, tat ich für sie, als Reaktion auf sie, wegen ihr oder trotz ihr. Ich ahmte sie entweder nach oder versuchte, mich von ihr unabhängig zu machen. Entweder probierte ich, von ihr loszukommen oder in sie hineinzukrachen.
Ich dachte die ganze Zeit an sie. Sie war Teil meines Alltags. Obwohl ich hart arbeitete und erfolgreich ein gesundes Privatleben und Heim mit meinem bodenständigen Mann und meinen beiden lieben Töchtern erschuf, waren Moms Anforderungen, solange sie lebte, nie weit weg.
Sie hatte mich beschäftigt, bis sie schließlich starb. Und nachher offenbar ebenso, weil ich jeden Tag über sie geschrieben habe. Nun aber entfernt sich ihre Stimme langsam.
Als Kind konnte ich mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Ich stellte mir vor, dass auch ich sterben würde, wenn sie es täte.
Nun bin ich aber immer noch hier, mit meinen beiden eigenen Töchtern. Dieses Buch handelt davon, was vor ihrem Tod passiert ist und was danach.
„Meine Gefühle bezüglich meiner Mutter und unserer Beziehung zueinander sind so verwirrend, dass sie in Klarheit niederzuschreiben heißen würde, ich hätte sie verstanden, was ich aber nicht tue.“
– aus Brookes Tagebuch
Wer war meine Mutter? Ich glaube, dass ich sie besser als irgendwer sonst kannte. Und ich kannte sie eigentlich überhaupt nicht. Ich könnte jetzt einen auf philosophisch machen und sagen, dass sie sich selber nie wirklich gekannt hat, und die Person, die sie erschuf, schließlich zu ihrer Wirklichkeit wurde. Sie sah sich selbst so, wie sie gerne gehabt hätte, dass andere sie wahrnehmen würden, und sie errichtete die notwendigen Barrikaden zwischen ihrem wahren Ich und der Person, die sie darstellte. Sie machte es selbst für ihre Tochter unmöglich, hinter den Vorhang dieses Mythos zu blicken.
Jahrelang dachte ich, sie wäre die stärkste, ehrlichste und unverblümteste Frau überhaupt. Rückblickend wird mir klar, dass sie die aufrichtigste Erzählerin harmloser Schwindeleien war, die ich jemals kennen lernen würde.
Ich verstehe sehr viel von dem, was meine Mutter betrifft, und auch ihr kompliziertes Naturell, aber manche Fakten hatte sie verschleiert oder verdreht. Manche Informationen kamen entweder falsch an oder gingen im Alkohol unter. Und da gab es noch viel Traurigkeit, Schmerz und tiefe Unsicherheit. Ich hatte immer das Gefühl, dass es eine gewisse Bereitschaft, verletzlich zu sein, voraussetzt, wenn man eine Person wirklich kennen will. Verletzlichkeit stellte in den Augen meiner Mutter eine Schwäche dar.
Ich habe mir lange schon die Fragen gestellt: Wie gut kenne ich Mom? Wie gut kennt jeder von uns seine Mutter? Und wie gut kennen unsere Mütter uns? Wie viel von mir macht umgekehrt meine Mutter aus? Muss ich sie besser kennen, um mich selbst zu kennen?
Selbstverständlich gibt es da viel, das man wissen kann. Es gibt Geschichten – jene, die sie mir erzählt hat, und jene, die ich von anderen gehört habe. Und Fotos – so viele Fotos! Sie erzählen ihre ganz eigene Geschichte.
Ich weiß, dass meine Mutter, Theresa Lillian Schmon, in Newark im US-Bundesstaat New Jersey am 11. August 1933 zur Welt kam. Sie hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester, die der Augenstern meiner Mutter war. Mom war ein perfektes Beispiel für ein Sandwich-Kind. Sie überwand ihr niedriges Selbstwertgefühl, indem sie rebellierte und ein Wildfang war.
Ich lächle, wenn ich an sie als süßes, aber taffes Kind denke, dessen Einstellung und Humor es zu einer Überlebenskünstlerin machten. Ich bin stolz auf meine Mutter als kleines Mädchen, doch machen mich Gedanken an ihre Kindheit in erster Linie eher traurig.
Nachweislich musste ihre eigene Mutter, die ebenfalls Theresa hieß, aufhören, zur Schule zu gehen, als sie neun Jahre alt war, um sich um ihre drei Geschwister zu kümmern. Die Mutter meiner Großmutter war nämlich gestorben, was sie zu einer Art Ersatzmutter für drei Kinder machte. Später verlor sie ihren Bruder bei einem tragischen Badeunfall in Newark. Ich kann mir die Schuld und die Wut, die sich daraus ergibt, ein Geschwisterchen in so einem zarten Alter und unter meiner Aufsicht zu verlieren, nur ausmalen. Als ich bei der Newark History Society Nachforschungen zu meinem Stammbaum betrieb, fand ich auf Mikrofilm ein Dokument, das belegt, dass der Vater meiner Großmutter neben diesen Kindern auch noch für eine zweite Familie auf der anderen Seite der Stadt aufkam. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Großmutter je vom Doppelleben ihres Vaters erfahren hat, aber ich habe so ein Gefühl, demzufolge all diese Umstände sicherlich ihren Tribut gefordert haben müssen. Ihre hartgesottene Persönlichkeit muss darin ihren Ursprung haben. Meine Großmutter war in meinen Augen stets eine kalte Person und gab oft spitze Bemerkungen über meine Mutter ab. Aus irgendeinem Grund lehnte sie sie ab und ich bekam das mit, wenn sie zu Besuch war. Grandma schenkte meiner Mutter nie Anerkennung für die Dinge, die sie von ihr geschenkt bekam, ihrer anderen Tochter aber schon. Ich denke, sie nahm meiner Mom übel, dass sie sie verlassen hatte, anstatt für immer bei ihr zu bleiben und sich um sie zu kümmern. Wenn ich ungezogen war, wenn wir Grandma besuchten, war ihre Vorstellung von einer passenden Beleidigung: „Oh, du bist genau wie deine Mutter!“
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