Eine Aufnahme für Prestige war es auch, die Coltrane als Balladenspieler bekannt machte. Er nahm sein erstes Balladensolo in „How Deep Is The Ocean“ über einem langsamen Hintergrund auf, ohne dass die Rhythmusgruppe in die doppelte Geschwindigkeit wechselte. Das Stück erschien bei Prestige auf einer Platte mit vier Tenorsaxofonisten: Auf Tenor Conclave sind neben Coltrane auch Zoot Sims, Al Cohn und Hank Mobley zu hören. Das Solo beginnt sehr hübsch, eingeleitet von einem schwebenden, getragenen Spiel. Als er den zweiten Chorus erreicht, scheint Coltrane das richtige Gefühl für das Stück jedoch zu entgleiten. Seine Improvisation fällt zurück in ihre gewohnten Bahnen, jene Wirbel schneller Noten und Phrasen, die an metrisch ungewöhnlichen Punkten abgehackt sind, so dass das Ganze mit der Stimmung der Nummer nicht mehr recht zusammenpasst. Hank Mobley, dessen Solo direkt an das von Coltrane anschließt, demonstriert hier größeres Geschick.
Auf Tadd Damerons „Mating Call“ spielte Coltrane im November 1956 ein weiteres Balladensolo. Was er in „Soultrane“ spielte, seiner eigenen Komposition, war weicher und gefühlvoller als seine Performance in „How Deep Is The Ocean“, dafür aber monochromatischer. Es ist jene Art fast naiver Kerzenscheinmusik, mit der Johnny Hodges umgehen konnte, Coltrane hingegen nicht.
Prestige begann Coltrane nun öfter einzusetzen. Es war das Resultat seiner neuen Bekanntheit durch die Tourneen mit dem Davis-Quintett und der ganzen Kritiken, die er bekam, gute wie schlechte. Der Kritiker Bill Coss schrieb über die erste Platte des Miles Davis Quintet bei Prestige in der Zeitschrift Metronome: „Auf den Solisten liegt zuviel Echo, die Ensembles sind im Allgemeinen schlecht. Das Tenorsaxofon in dem Rollins-Stitt-Stückchen ist sogar noch mehr daneben.“ Ein Jahr später schrieb ein Kritiker in Down Beat über die Davis-LP Relaxin’, Coltranes Spiel weise „hier zuweilen eine Zögerlichkeit und einen Mangel an melodiösem Gehalt auf, die seine Effektivität für mich in Frage stellen und die Qualität der gesamten LP schmälern. Dies trifft vor allem auf die ersten beiden Nummern zu, bei denen seine Soli reichlich ziellos und irgendwie schrill daherkommen.“ Er bedachte die Platte trotzdem mit vier von fünf Sternen.
Coltrane erschien auf Prestige-Platten von Elmo Hope, Tommy Flanagan und bei einer Aufnahme ohne Bandleader mit dem Titel Interplay For Two Tenors And Two Trumpets des Pianisten Mal Waldron. Er spielte eine exzellente Version von Jimmy Heaths „C.T.A.“ für ein Album von Arthur Taylor ein und nahm für eine Platte mit dem Titel Dakar gemeinsam mit zwei Baritonsaxofonisten eine Reihe seltsamer, beschwörender Stücke auf.
Doch zurück zu den Prestige-Sessions. Im Mai 1957 nahm Coltrane zusammen mit dem Tenorsaxofonisten Paul Quinichette Cattin’ With Coltrane And Quinichette auf, eine schwache kleine Platte. Die Begleitung der Rhythmusgruppe klingt, als habe man sie zum Spielen zwingen müssen. Bei den Höhepunkten des Albums, den Soli in „Anatomy“ und „Vodka“, könnte man meinen, Coltrane übte für sich alleine, wenn er bis an die Grenze des Nützlichen Muster aus seinem Instrument quetschte, die auf verminderten Skalen basierten. Mal Waldron, der die Stücke für die Session schrieb und pro forma als ihr musikalischer Leiter fungierte, spielt, als habe er Fausthandschuhe an: Er klopft kurze graue Phrasen um das mittlere C herum in die Tastatur. Waldron war damals heroinabhängig, doch er war immer ein Musiker, den eine seltsame emotionale Abwesenheit auszeichnete. Eine Überdosis verschüttete 1963 seine Fähigkeit, Klavier zu spielen. Als er sich drei Jahre später wieder erholt hatte, pflegte er mehr oder weniger wieder denselben Stil.
Im September 1956 engagierte der Bassist von Davis, Paul Chambers, Coltrane als Mitglied seines eigenen Quintetts. Das Ergebnis dieser Aufnahmen war Whims Of Chambers, eine Platte für Blue Note. Auf ihr fanden sich zwei Kompositionen von Coltrane, „Nita“ und „Just For The Love“, die ersten aufgenommenen Stücke, bei denen Coltrane selbst als Urheber genannt ist. Sie sind im Entwurf sehr selbstbewusst und progressiv, ohne das erdige Swingfeeling der Rhythmusgruppe aus Horace Silver, Chambers und Philly Joe Jones zu zerstören.
„Nita“ ist eine dreißigtaktige Nummer, die wiederkehrende Akkordfolgen nach dem Muster ii-V-I verwendet – eine beliebte und oft anzutreffende Akkordfolge im Jazz, die vor allem deshalb gern eingesetzt wird, weil man mit ihr sehr schnell in eine neue Tonart wechseln kann. In „Nita“ folgten diese Akkordmuster einander im Abstand von drei Halbtonschritten. Hier spielte Coltrane zum ersten Mal eine spezielle harmonische Bewegung, der eine solche auf Dreierschritte bezogene Akkordfolge zugrunde lag. Einige Jahre später führte er sie in „Giant Steps“ zur Meisterschaft. „Just For The Love“, ein eigenartiger Blues in F, ist eine Bebop-Melodie, die klingt, als begänne sie mitten in einem Gedanken. Die Stimmung des Stücks bleibt bis zum Schluss abrupt.
Schließlich nahm Prestige Coltrane unter Vertrag und bot ihm an, eigene Alben zu machen. Dafür sollten auch einige seiner Kompositionen aufgenommen werden, die bei ihrer ersten Veröffentlichung auf der Platte von Paul Chambers sehr interessant erschienen waren. Der Vertrag vom 9. April 1957 war lächerlich: dreihundert Dollar pro Album, bei drei Alben pro Jahr.
Obwohl ihn die Kritiker als zweitbesten neuen Tenorsaxofonisten hinter Sonny Rollins einstuften (in der Rubrik „New Star“ im sommerlichen Kritiker-Poll von Down Beat), hatte Coltrane noch immer kein Album unter eigenem Namen auf dem Markt. Bei Rollins hingegen waren es mehr als zehn.
Coltrane hatte eine Phase der allgemeinen Veränderung und Weiterentwicklung hinter sich. Im April wurde er wegen seines insgesamt unprofessionellen Verhaltens von Miles Davis gefeuert – er kam berauscht zu den Auftritten, trank in den Spielpausen und sah abgerissen aus. Wenn wir der Autobiografie von Miles Davis Glauben schenken wollen, bohrte Coltrane auf der Bühne in der Nase und aß seine eigenen Popel. Sonny Rollins übernahm als Ersatzspieler von Juni an eine Zeitlang seinen Platz. Es ist gefährlich, anhand seiner Kunst Thesen über den Geisteszustand eines Künstlers aufzustellen, bei Coltrane jedoch ergibt sich ein deutlicher Zusammenhang: Die Phasen, die am stärksten von Klarheit und Ehrgeiz geprägt sind, waren jene, in denen er nicht nur Alkohol und Drogen entsagte, sondern auch emotional zielgerichtet war. In einer Zeitung in Cleveland erschien ein wenig später im selben Jahr ein Artikel, der Coltrane mit einer Aussage über seinen eigenen Zustand vor dem Frühjahr 1957 zitiert, den er als „Depression“ bezeichnet.
Im Mai, wieder zu Hause in Philadelphia, gelang es ihm mit Unterstützung von Freunden und seiner Familie, dem Heroin und dem Alkohol zu entsagen und nahezu trocken zu werden. (Später machte er Andeutungen, er habe sich in jenem Sommer mit Thelonious Monk auf einige nächtliche Scotch getroffen – vermutlich waren es aber nur Monk und seine Freundin, Baroness Nica de Koenigswarter, die Scotch tranken.) Coltrane entgiftete sich nach Cowboy-Art, schloss sich zu Hause ein und machte den sogenannten kalten Entzug.
Am letzten Tag des Mai nahm er in New York City ein respektables Album für Prestige auf, das unter dem Titel Coltrane erschien. Es war sein erster Longplayer als Bandleader. Schon beim ersten Stück, „Straight Street“, ist die Haltung klar: Coltrane verbesserte sich immer weiter. Er wollte seine Chance nicht verpassen. In fast jedem Solo des Albums behielt er den Überblick und schlenderte mit Bedacht durch die Läufe und technischen Tricks – doch es gab nun mehr davon, und er spielte sie mit größerer Hingabe und Präzision. Für eine Hälfte des Albums wählte er die dunkle Klangfarbe von Sahib Shihabs Baritonsaxofon als harmonische Begleitung. Im Großen und Ganzen machte er aus der Platte etwas Besonderes, etwas Eigenes.
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