Doch Bons Musik aus dieser Zeit gehörte zum Besten, was das Jahrzehnt zu bieten hatte. Weshalb erhielt er damals dafür kein bisschen Anerkennung? Die Wahrheit ist, dass nur wenige Kritiker AC/DC jemals richtig ernst genommen haben. Nach Bons Tod sollte es noch 28 Jahre dauern, bis die prestigeträchtigste Musikzeitschrift der Welt, Rolling Stone, AC/DC auf ihr Cover hievte. Als 2008 Black Ice erschien, stellte Chefredakteur Jason Fine ein paar Nachforschungen an, die ihn zutiefst überraschten: „Die letzte größere Story über AC/DC haben wir 1980 gebracht. Wir haben die Band buchstäblich übersehen. Sie kam bei uns nur ganz selten in ein paar Kurzberichten vor. Aber Rolling Stone stand damit nicht allein. AC/DC waren einfach nie ein Band, die von vielen Kritikern beachtet wurde. Irgendwie hat man sie immer von oben herab behandelt.“
Das trifft absolut zu, vor allem in Bezug auf den Rolling Stone. Bei ihrer ursprünglichen Veröffentlichung wurden Bons beste Platten – Let There Be Rock, Powerage, If You Want Blood You’ve Got It und Highway To Hell – dort nicht einmal einer Besprechung für würdig befunden. 2
Der späte Respekt, der AC/DC seitens der amerikanischen Mainstream-Musikpresse zuteilwurde, kam viel zu spät für Bon. Angus amüsierte dies ungemein: „Es ist schon seltsam, weil, als er noch lebte, alle über Bon gesagt haben, dass er direkt aus der Gosse käme. Niemand nahm ihn ernst. Dann, nachdem er tot war, war er plötzlich ein großer Poet. Sogar er selbst hätte darüber gelacht.“ 3
Im Grunde genommen stellen die Blütejahre 1977 bis 1979 den Ursprung der Legende um Bon dar. Sie bilden auch die Grundlage für AC/DCs großen Durchbruch, der sich schließlich 1980 mit Back In Black einstellen sollte. Es gab im Bereich der Rockmusik wohl kaum eine Band, die härter als AC/DC schuftete. Immerhin gaben sie in dieser Zeit 450 Konzerte, den Großteil davon in den USA. Ihr Terminplan war mörderisch und viele andere Bands wären daran zerbrochen. Bons letzte zwei Touren durch Nordamerika zogen sich fast ohne Unterbrechung von Mai bis Oktober 1979 hin – eine schier endlose Abfolge von Flughafenhallen und Imbisslokalen am Straßenrand. Am Ende dieses kritischen Jahres hatten AC/DC Auftritte in drei Dutzend amerikanischen Bundesstaaten sowie drei kanadischen Provinzen absolviert. Sie waren so gut, so unnachgiebig, so voller Schwung, dass andere große Bands keine große Lust hatten, mit ihnen eine Bühne zu teilen. So etwa die Gruppe Molly Hatchet, die gerade erst ihr Album Flirtin’ With Disaster veröffentlicht hatte.
„Wir sollten zehn Shows mit AC/DC spielen“, sagte ihr leider verstorbener Leadsänger Danny Joe Brown. „Zwar hatten sie bereits mehr Alben veröffentlicht, doch wir verkauften uns zu diesem Zeitpunkt besser als sie. Als wir festlegten, wer die Shows eröffnen und wer sie abschließen sollte, einigten wir uns darauf, dass wir uns abwechseln würden. Wir spielten in Knoxville, Tennessee 4,und AC/DC gingen auf die Bühne. Verdammt, die Leute rissen sich ihre Shirts vom Leib. Die Show war halb vorüber und man konnte sehen, wie alle jedes verdammte Wort von jedem Song mitsangen. Und ich sagte: ‚Ach du Scheiße, und diesen Vögeln sollen wir jetzt ‚Gator Country‘ vorsingen.‘ Das war schon unwirklich. Ich rief unseren Manager an und sagte zu ihm, dass er uns niemals wieder diese Hunde auf den Hals hetzen sollte. Unnötig zu erwähnen, dass wir für den Rest der Tour vor ihnen auftraten. Das war die einzige Band, die Molly Hatchet echt einen Arschtritt verpasst hat. Aber dafür ordentlich.“
Die drei Jahre, in denen AC/DC durch Nordamerika tingelten, versorgten Bon auch mit reichlich Material für sein Songwriting. In dieser Zeit fasste die Band auch Fuß im amerikanischen und kanadischen Radio und mauserte sich zu einem legitimen Headliner. Sie traten in riesigen Arenen auf und teilten sich die Bühnen mit Gruppen, die bereits zu den größten der Welt gehörten oder sich auf dem Weg an die Spitze befanden: Aerosmith, Journey, Van Halen, Kiss. Doch Bon erwartete sich mehr von seinem Leben, sowohl privat als auch musikalisch. Kreativ frustriert glitt er in eine depressive Stimmung ab. Er litt unter seiner Alkoholsucht und seinem Drogenmissbrauch. Auch stand er auf Kriegsfuß mit Malcolm Young. Sein Rücken schmerzte und seine Leber war in einem bemitleidenswerten Zustand. Außerdem war er Asthmatiker. Allerdings sagt Pattee Bishop: „Ich sah ihn nie einen Inhalator verwenden.“ Silver meint hingegen, dass er gelegentlich nach dem Rauchen einen benutzte.
Bon umschrieb seinen Alltag mit AC/DC mit den Worten: „Tagein, tagaus, fliegen, fahren, rein ins Hotel und wieder raus.“ Doch trotz all der Herausforderungen war er prinzipiell glücklich mit dem Weg, den er eingeschlagen hatte.
„Manchmal ist es schon anstrengend, wenn man jeden Abend in einem anderen Hotel absteigt, aber es ist sicher nicht so schlimm, als würde man fünfzig Jahre seines Lebens an einer Drehbank stehen. Ich bin hier und ich bin frei. Ich sehe jeden Abend neue Gesichter und berühre neue Körper oder was auch immer. Das ist doch toll. Es gibt nichts Vergleichbares.“
Letztendlich hatte er nur die eine Drehbank gegen eine andere Maschinerie, nämlich den Rock ’n’ Roll, eingetauscht. Bon kämpfte gegen die Langeweile an, die das permanente Umherreisen mit sich brachte, indem er schrieb. Er nannte sein Notizheft, das er überallhin mitnahm, sein „Buch der Wörter, meine gesammelte Poesie“.
„Ich habe seitenweise Material“, verriet er der australischen TV-Größe Ian „Molly“ Meldrum. „Daraus ergeben sich dann mitunter drei oder vier gute Ideen für Songs.“
Was geschah nach Bons Tod mit diesem Notizheft beziehungsweise diesen Notizheften? Wurden irgendwelche Inhalte – Titel, Zeilen, Strophen, Refrains – für Back In Black verwendet? Egal, wie viel Mühe sich Angus, Malcolm und ihre Bandkollegen auch dabei gegeben haben, diese Fragen abzuwimmeln – die Antworten, die sie mitunter gaben, sind doch eher widersprüchlich und wenig überzeugend. Ein paar der Songs auf Back In Black klingen so unverkennbar nach Bon Scott – „You Shook Me All Night Long“, „Back In Black“, „Hells Bells“, „Have A Drink On Me“, „Rock And Roll Ain’t Noise Pollution“ sind nur die augenscheinlichsten Beispiele –, dass die Verschwörungstheorie, der zufolge Bon tatsächlich Lyrics zum Album beisteuerte, jedoch keine Erwähnung als Songwriter fand, gar nicht so weit hergeholt anmutet.
* * *
Kurz vor seinem Tod hatte Bon während eines Besuchs in Australien den ehemaligen Bassisten von AC/DC, Mark Evans, in seinen Plan eingeweiht, ein Soloalbum mit Southern Rock aufzunehmen. Eben dieser Southern Rock, ein einzigartiger Hybrid aus Gitarren-Rock, Blues und Country, war zu jener Zeit, als AC/DC in Nordamerika Fuß fassten, sehr angesagt und eine Reihe von Southern-Rock-Bands gingen mit AC/DC auf Tour. Seine Begeisterung für das Genre sowie den amerikanischen Süden manifestierte sich in seiner Gürtelschnalle, die eine Abwandlung der Flagge der Südstaaten zierte. Die 13 Sterne, die normalerweise die einzelnen Staaten der Konföderation symbolisieren, wurden auf ihr durch den Schriftzug LYNYRD SKYNYRD ersetzt. Er trug sie 1979 ständig. Aber soweit wir wissen, sprach Bon dieses Southern-Rock-Album gegenüber Malcolm nie an, und er hat auch keine ernsthaften Vorbereitungen dafür getroffen.
Ich unterhielt mich mit etlichen Musikern der berühmtesten Southern-Rock-Bands dieser Ära – Lynyrd Skynyrd, .38 Special, Outlaws, Blackfoot und andere – und mit Personen, die mit ihnen in Kontakt standen, doch ihre Aussagen widersprechen sich bisweilen. Jedenfalls entsteht der Eindruck, dass Bon noch keine konkreten Pläne dafür geschmiedet hatte, so ein Album aufzunehmen. 5
Silver bestätigt, dass er mit ihr über ein Soloprojekt gesprochen hätte – allerdings blieb er sehr vage und erwähnte nichts Spezifisches wie etwa Southern Rock. Seine oberste Priorität war es, den Durchbruch mit AC/DC zu schaffen.
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