2.3.6.8 Johannes Kuhn
Johannes Kuhn (1924–2019)81 zufolge ist Geduld eine – wenn auch nicht geschätzte – Tugend, besonders für krisenhafte Tage. Um wirken zu können, braucht die Geduld Kuhn zufolge wie bei Jüngerl „einen langen Atem“ (Kuhn 1989, S. 7) und setze damit der Hektik des Alltages eine zeitliche Struktur der Langlebigkeit entgegen. Geduld ist nach Kuhn dort sinnvoll, wo das Lebenstempo das Handeln und Erleben zu stark bestimmt. Die Perspektive auf die Geduld ermögliche einen neuen, eigenen „Ausgangspunkt“ (ebd.), von dem aus sich eine als mühsam erfahrene Fragestellung anders betrachten lasse. Anlässe für Geduld können nach Kuhn im Leben unerwartet auftreten oder eine Routine unterbrechen. Geduld ereigne sich somit als eine Begegnung, die sich verbunden mit Unerwartetem und Ereignissen, Höhen und Tiefen zeige und in einen „Lernprozeß“ (ebd.), den er mit „Das Leben ist so!“ (ebd.) kommentiert, einbinde (vgl. Kuhn 1989, S. 7).
2.3.6.9 Tomáš Halík
Tomáš Halík (geb. 1948, vgl. Halík 2010) diskutiert in seiner Monographie „Geduld mit Gott“ (Halík 2010) die Frage, warum Gott gerade in persönlichen und gesellschaftlichen Krisen – wie es der Atheismus im Kommunismus ihm zufolge darstellt – als nicht erfahrbar erlebt werde. Halík versteht Geduld als Unterscheidungskriterium zwischen dem Glauben und dem Atheismus. Halíks Auffassung nach wirkt Gott oft im Verborgenen und lädt den Menschen dazu ein, mit ihm geduldig zu sein. Dies zeige sich besonders im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe, die er als die drei „Aspekte unserer Geduld mit Gott“ (Halík 2010, S. 10–11) definiert, über die in einer Glaubenskrise der Einfluss Gottes erfahrbar werden könne (ebd.). Die Aufgabe des Priesters sei es, anderen Menschen mit Geduld und Respekt zu begegnen (ebd., S. 29) und sie unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status orientiert am Vorbild Jesu in ihrem Leben und ihrer Suche nach Sinn mit Offenheit in ihren existenziellen Fragen zu begleiten (vgl. ebd., S. 38–40). Am Beispiel der Begegnung von Zachäus und Jesus werde deutlich, dass die Figur Jesu selbst ein Vorbild in Bezug auf Geduld gewesen sei (vgl. Halík 2010, S. 69).
2.3.6.10 Jean-Philippe Toussaint
Jean-Philippe Toussaint (geb. 1957)82 geht von einer Dualität der Kräfte in einem kreativen Prozess des Schreibens aus. Seiner Auffassung nach sind die „Dringlichkeit und die Geduld“ (Toussaint 2012, S. 21–22) die beiden Pole, die einen Schreibprozess maßgeblich bestimmen. Vordergründig scheinen sie nach Toussaint nicht vereinbar zu sein. Dennoch bedingten sie einander und sorgten bei jedem Schriftsteller in unterschiedlicher Gewichtung für die Entstehung eines Werkes. Mit der Dringlichkeit kämen der Antrieb und das Tempo hinzu, die Geduld zeige sich im Durchstehen in zähen Phasen, bringe Langsamkeit und Beständigkeit mit sich, meist zu Beginn und im gründlichen Abschluss des Werkes (vgl. ebd.). Bei Toussaint heißt es: „Alles beginnt und endet beim Schreiben eines Buches mit der Geduld“ (ebd., S. 23). Die Dringlichkeit entspricht ihm zufolge dem aktiven, anstrengenden Eindringen in den abstrakten Ort eines Inneren (vgl. ebd., S. 33). Erreichbar sei sie als Zustand, in dem alles herausbricht und sich von selbst entwickelt, „nur mit unendlicher Geduld“ (ebd., S. 35) und stelle deren Belohnung dar (vgl. ebd.). Die Geduld zeige sich gerade in den Phasen der „Flaute“ (ebd. S. 36–37) des „Nichtvorankommens“ (ebd.), in denen „Ausdauer“ (ebd.), „Zähne zusammenbeißen“ (ebd.) und „Dranbleiben“ (ebd.) gefordert seien.
2.3.7 Zusammenfassung: Geduld im historischen Kontext
Über die genannten historischen Kontexte und persönlichen Lebensbedingungen hinweg werden Veränderungen des Verständnisses von Geduld sichtbar (vgl. Abb. 3: Geduld im historischen Kontext).
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