An jenem Abend gewann Cassius Clay, und er war der jüngste Boxer, der je einem Schwergewichts-Champion den Titel abluchste. „Ich habe die Welt erschüttert“, erklärte er den Medien. Das traf wohl zu – auf seinen Auftritt im Ring, aber auch auf die Wirkung, die er auf ein paar Kinder in Gary, Indiana, hatte, von denen er gar nicht wusste, dass sie ihm die Daumen drückten.
Auf dem Rasen zwischen unserem Kinderzimmerfenster und der 23. Avenue stand ein Baum. Wenn Stürme oder sogar Tornados über Indiana hinwegfegten, dann saßen Michael und ich oft am Fenster und staunten, wie viel Kraft tatsächlich in ihnen steckte. Wir waren fasziniert davon, den Kampf zwischen Mutter Natur und den Muskeln unseres Baumes zu beobachten. Er bog und neigte sich, zuckte und duckte sich wie Ali, aber nie brach er auseinander oder kippte entwurzelt um. Für mich stehen diese starken Bäume für den Familienverband, und die Äste sind wie Kinder, die mit ihrem Leben in alle möglichen Richtungen wachsen. Aber sie alle gehören zum selben Baum und stammen aus derselben Saat, und sie stehen stets fest verwurzelt da, ganz gleich, bei welchem Wetter.
Irgendwann erzählte ich Michael von dieser Analogie, und er ließ sie auf eine Plakette schreiben, die er in Neverland aufhängte. Inspiriert war der Gedanke sicherlich davon, dass Joseph uns als Kindern gesagt hatte, dass die Wurzeln unserer Familie so tief und so verzweigt seien wie die eines Baumes. Eine intakte Familie war unseren Eltern, die beide aus schwierigen Verhältnissen stammten, sehr wichtig. Das endlose Tauziehen zwischen Josephs Vater und Mutter, das er so intensiv miterlebt hatte, wollte er auf keinen Fall selbst wiederholen. Mutters Eltern wiederum hatten sich scheiden lassen, nachdem sie von Alabama nach Indiana gezogen waren, und Mutter war bei ihrem Vater, Papa Prince, geblieben, während ihre Schwester Hattie mit Mama Martha ging. Mutter und Joseph hatten sich geschworen, die Familie stets zusammenzuhalten, und uns immer wieder gepredigt, dass wir uns von nichts und niemandem auseinanderbringen lassen dürften.
Bevor die Jackson 5 erstmals öffentlich auftraten, führte uns Joseph eines Tages im Herbst nach draußen, um uns eine letzte Lektion fürs Leben zu geben. Wir gingen zu unserem Baum. Rings um den Stamm lagen abgebrochene, kleine Zweige, und er bückte sich, um sechs davon aufzuheben, die alle ungefähr dieselbe Länge hatten. Dann befahl er uns, um ihn herum Aufstellung zu nehmen und gut aufzupassen.
Er erinnerte uns daran, wie wichtig der Zusammenhalt war und dass wir stets aufeinander Acht geben sollten. Dann löste er einen Zweig von den anderen und brach ihn in der Mitte durch. „Wenn ihr getrennt seid, dann kann man euch einzeln brechen“, sagte er und hob die fünf anderen Zweige, die er noch in der Hand hielt, hoch. Er fasste sie eng zusammen und versuchte, sie erst mit den Händen und dann übers Knie zu brechen. Doch so sehr er das mit der ganzen Kraft eines Fabrikarbeiters auch versuchte, es gelang ihm nicht. „Wenn ihr aber zusammenhaltet, kann euch niemand etwas anhaben.“
Wenn ich mich recht erinnere, fand unser erster echter öffentlicher Auftritt als The Jackson 5 am 29. August 1965 statt, an dem Tag, als Michael sieben Jahre alt wurde. Das fiel allerdings niemandem auf, denn mit den Geburtstagen war es wie mit Weihnachten, sie wurden im Hause Jehovas nicht gefeiert. Aber Michaels siebter Geburtstag war insofern anders, als es eben doch kein ganz normaler Tag wie alle anderen war.
Evelyn Lahaie, die Frau aus der Nachbarschaft, die unseren Gruppennamen vorgeschlagen hatte, eröffnete uns die Chance, bei einer Modeveranstaltung für Kinder aufzutreten, die sie im Big-Top-Einkaufszentrum an der Kreuzung von Broadway und 53. Avenue veranstaltete. Sie war die Moderatorin des „Tiny Tots Jamboree“, einer Fete für die Kleinen, und wir wurden angekündigt als „The Jackson Five Musical Group: eine neue, spektakuläre Band der kleinen Leute“. Ich erinnere mich nur noch daran, dass eine ganz ordentliche Zahl junger Mädchen da war und Joseph uns nach dem Auftritt sagte, wir sollten „runter zum Publikum und unsere Fotos verkaufen“.
Für uns war diese Fete in erster Linie eine gute Möglichkeit, uns für die richtig große Sache aufzuwärmen, die einige Monate später, Anfang 1966, an der Schule von Jackie und Rebbie stattfinden sollte, der Theodore Roosevelt High. Bei dem Auftritt im Einkaufszentrum hatte uns Mutter schon gesagt, dass wir bald auf besseren Bühnen stehen würden. Die Schule veranstaltete einmal im Jahr einen Talentwettbewerb, bei dem die verschiedensten Bands aus der Stadt gegeneinander antraten – Garys Version der Ed Sullivan Show sozusagen. Wir waren bei weitem die Jüngsten, und wir konnten es nicht erwarten, neben den anderen zu bestehen.
Hinter der Bühne trommelte Michael auf den Bongos, die er noch immer spielte. Jackie schüttelte seine Maracas, und noch zwei weitere Bandmitglieder stießen zu uns: Jungs aus der Gegend, Earl Gault, unser erster Schlagzeuger, und Raynard Jones, der bei ein paar Gelegenheiten Bass spielte. Die Turnhalle der Schule war gerammelt voll. Dieses Mal handelte es sich um zahlendes Publikum; ein Ticket kostete 25 Cent. Wir wussten außerdem, dass ein paar vertraute Gesichter darunter sein würden, zum Beispiel einige von denjenigen, die sich schon zuvor die Nasen an unserem Fenster plattgedrückt hatten und die nur darauf warteten, dass wir uns blamierten.
Als Tito unsere Gitarren holen wollte, die abseits der Bühne an einer Wand lehnten, stellte er fest, dass jemand versucht hatte, uns zu sabotieren, indem er an den Wirbeln der Instrumente herumgefummelt hatte. Josephs guter Rat – „Überprüft immer, ob die Gitarren richtig gestimmt sind“ – rettete uns gerade noch rechtzeitig den Hals. „Da will jemand nicht, dass ihr gewinnt“, sagte unser Vater, „also geht jetzt da raus und zeigt’s ihnen!“
Er stand neben uns am Bühneneingang, und er sah nicht halb so zuversichtlich aus, wie wir uns fühlten. Vor unseren Auftritten war er immer nervös – in unseren Anfangstagen, als wir in Talentshows spielten, aber auch später noch, als wir schon einen Plattenvertrag hatten. Während wir auf der Bühne standen, besaß er keine Möglichkeit mehr, auf uns einzuwirken, und keine Kontrolle. Aber wir waren bereit. Wir traten vors Publikum, höflicher Applaus schallte uns entgegen, und wir schalteten auf den Autopiloten unserer Proben. Den Anfang machten wir mit „My Girl“ von den Temptations. In dem kurzen Augenblick, als der Applaus verhallte und die Musik noch nicht eingesetzt hatte, sah ich kurz zu Tito hinüber, und hinter ihm im Schatten sah ich Joseph. Immer noch angespannt. Raynard am Bass legte mit dem pulsierenden Anfang los … dann folgte Tito mit dem Melodiebogen auf der Gitarre … Jackie mit seinen Maracas, Michael mit seinen Bongos … und dann fing ich an zu singen.
Wir kamen richtig in Schwung, als ich eine weitere Temptations-Nummer anstimmte, das etwas schnellere „Get Ready“. Und Jackie, Marlon und Michael ließen die Bühne erbeben, als sie auf Michaels Gesangsfinale hinarbeiteten – James Browns „I Got You (I Feel Good)“. Schon bei der ersten Strophe sprangen die Leute von den Sitzen. Ich guckte nach rechts, dorthin, wo Joseph stand, um zu sehen, ob er es gut fand. Er war noch immer angespannt, hielt die Arme seitlich am Körper. Nur seine Lippen bewegten sich, als er tonlos den Text mitsprach, die Augen starr auf Michael gerichtet. „Eeeeoooowwww!“, schrie Michael. „I FEEEEL good …“ Bei seinem hohen, hyänenartigen Schrei blieb den Zuschauern der Mund offen stehen, dann kreischten sie vor Begeisterung. Und bei „I Got The Feeling“, unserem letzten Song, brachte er das Feeling wirklich rüber. Er sprang vor die Bühne und fing an zu tanzen, ein perfekt choreographierter Derwisch. Ein siebenjähriger Derwisch.
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