Weißt du, mein Kind, von den Gänsen muss auch einmal eine geschlachtet werden, sonst werden sie zu alt, das Futter wird zu teuer und ihr müsst ja auch was zu essen haben.
Sofort rief ich nein, ich will aber keine Gans essen, doch Tante Ida tat, als ob sie mich nicht gehört hätte, sie sprach einfach weiter. Die Zeiten sind noch sehr schlecht, mein Kind, man kann glücklich sein, einen solchen Gutshof, wie ihr ihn habt, zu haben, auf dem Tiere leben können, die man auch essen kann.
Dass dein Vater alles von dem Tier verwerten muss, das heißt, wenn er eine Gans schlachtet, muss das Blut von ihr in einer Schüssel aufgefangen werden, damit deine Mutti eine Suppe daraus kochen kann.
Weine nicht, mein Kind, du musst lernen, dass das Leben und der Tod oft sehr nah beieinander sind. Du willst doch auch leben? So musst du auch essen.
Die Tränen liefen immer noch über mein Gesicht, ich hatte mich bei all den Worten fest an Tante Ida gekuschelt. Als sie dann aufhörte zu sprechen, sagte ich bockig, ich werde aber keine Suppe essen.
Darauf antwortete die Tante nicht, sondern sagte, liebes Kind, lass uns wieder zu Mutti und Vati gehen, ich bringe dich nach Hause.
Als wir bei Vati ankamen, hing ich immer noch an Tante Idas Schürze. Ich rechnete mit einem Donnerwetter von Vati, doch da hörte ich die Worte von Tante Ida, die sie zu Vati sagte. Carl, du kannst doch nicht von einem kleinen Mädchen diese Arbeit verlangen, ruf mich, wenn du mich brauchst, dann werde ich dir helfen. Lange dauerte es, bis ich das, was da geschah, vergessen konnte, öfter liefen noch die Tränen.
Von der Blutsuppe mit geschlagenem Eischnee hatte ich nichts gegessen.
Vati tat ich nach der Sache mit der Gans doch leid. Er schenkte mir eines Tages ein kleines, schwarzes Kätzchen.
Da war aller Kummer verflogen, dieses Kätzchen sollte mir allein gehören, aber ich sollte gut für es sorgen, sagte Vati. Ja das wollte ich tun, denn nun hatte ich ein Tierchen für mich ganz alleine zum Liebhaben.
Da mir so schnell kein Name für das Kätzchen einfiel, sagte ich zu ihm, du sollst Kätzchen heißen, dabei blieb es auch, wir beide wurden von nun an unzertrennlich.
Mein Bruder Albrecht hatte sich zum Geburtstag ein Aquarium mit Fischen gewünscht, das er auch bekam. Das Aquarium durfte in der Küche auf einer Ecke von unserem Küchenarbeitstisch stehen. Mein Bruder gab sich alle Mühe, das Fischbecken mit schönen Wasserpflanzen, Steinen, Sand und vielen anderen Dingen auszustatten.
Er war stolz auf seine Fische mit dem schönen Aquarium. Wenn das Aquarium gesäubert werden musste, half ich ihm dabei. Mutti sagte eines Tages, legt doch eine Glasplatte auf das Becken, damit die Fische nicht rausspringen. Wir hielten das für einen Scherz, doch Mutti machte ein so ernstes Gesicht, als sie das sagte, dass wir ihr das glaubten. Lasst ein Stückchen frei auf dem Wasserbecken, dass die Fische Luft bekommen, sagte sie noch.
Wir hatten viel Freude mit den Fischen, aber diese Freude mussten wir bald teilen, denn mein Kätzchen war größer geworden und konnte schon auf den Tisch springen, auf dem das Aquarium stand. Es freute sich, wie wir, über das lustige Treiben der Fische. Mit ihren Samtfüßchen, die aber schon die Krallen ausstreckten, versuchte sie, die Fische zu fangen. Das machte mir viel Freude, ich sah es als Spiel. Doch als Mutti das sah, sagte sie, vergesst nie, die Glasplatte darüber zu decken, sonst habt ihr bald keine Fische mehr. Wir machten uns keine großen Gedanken, denn was soll eine Katze bei den Fischen? Wie wir wussten, sollen Katzen wasserscheu sein.
Doch mein Kätzchen meinte es anders. Oft sahen wir es bei den Fischen sitzen, hin und wieder versuchte es, durch die kleine Öffnung der Glasplatte zu angeln. Das sah sehr lustig aus, ob sie wohl mit den Fischen spielen wollte, dachte ich? Aber sie kam ja nicht dran.
Schicksal nimm deinen Lauf, eines Tages vergaß mein Bruder Albrecht nach dem Füttern der Fische die Glasplatte über das Becken zu legen, das musste mein Kätzchen mitbekommen haben, denn als wir wieder in die Küche kamen, war unser erster Blick zu den Fischen. Aber was war das? Kein einziger Fisch war mehr drin.
Und mein Kätzchen saß ganz friedlich neben dem Fischbecken. Mein Bruder und ich stritten um die Wette, wer wohl vergessen hatte, die Glasplatte drauf zu legen? Als Mutti kam, sagte sie zu Albrecht, hört auf zu streiten, deine Schwester ist noch zu klein, sie kann die Glasplatte nicht runtergenommen haben. Nun war es passiert, Kätzchen hatte alle Fische rausgeangelt und gefressen. Ich wollte mein Kätzchen bestrafen, doch Albrecht sagte, lass dein Kätzchen, es kann nichts dafür, ich hätte besser aufpassen müssen. Nun sahen wir erst, dass das Kätzchen ganz nass war von wegen wasserscheu, sie war bestimmt mit der Hälfte ihres Körpers im Aquarium gewesen, so nass wie sie war.
Als wir uns nun das Kätzchen ansahen mit dem nassen Fell, wie sie versuchte, mit ihren Pfötchen das Wasser von sich abzuschütteln, konnten wir uns nicht mehr halten vor Lachen. Ja, ja, sagte Mutti, ich habe es mir gedacht, entweder eine Katze oder Fische, doch ihr wolltet ja nicht auf meine Worte hören.
Mein Kätzchen und ich blieben weiter gute Freunde, wir waren unzertrennlich. Bis eines Tages, als es Winter geworden war, ich nach ihm rief, aber es kam nicht mehr. Ich weinte bitterlich, so oft ich es auch immer wieder rief, das Kätzchen blieb verschwunden. Was mit ihm passiert war, weiß ich bis heute nicht. Doch wenn ich an es dachte, weinte ich und hoffte, es wäre eines Tages wieder da. Aber es kam nie wieder.
So nun aber zu einem anderen Tier von unserem Hof, es war ein kleines Schweinchen. Es bekam wie alle unsere Tiere einen eigenen Stall. Ich durfte sogar mit ihm spielen. Wenn ich mit ihm spielen wollte, holte ich es aus dem Stall in einen kleinen Garten, in dem auch ein paar Hühner waren, damit das Schweinchen nicht so alleine sein sollte. Auch Vati war einverstanden, dass ich mit dem Schweinchen zusammen war.
Doch schneller als gedacht wuchs das Schweinchen, es wuchs und wuchs, na ja bei all dem guten Essen, was es von Mutti bekam, konnte es auch nicht anders sein. Es bekam gekochte Kartoffeln aus unseren Feldern, die wir geerntet hatten. Auch irgend so eine Kleie, die Mutti unter die gekochten, gestampften Kartoffeln mischte. Ich hatte Mühe, mit Schweinchen zu spielen, denn immer öfter warf es mich einfach um. Denn es war einfach zu schnell gewachsen und sein Garten war im wahrsten Sinne zu einem Saustall geworden. Gras gab es keins mehr, den Garten hatte es total mit seiner Nase umgegraben. Wenn ich mit Futter zu ihm kam, konnte ich schon von Weitem sein Grunzen hören. Ich musste mich beeilen, das Futter auszuteilen, sonst hätte ich im Schmutz gelegen.
Da ich meine schönen Schuhe nur am Sonntag tragen durfte, war ich immer mit nackten Füßen beim Schwein. Wie meine Füße dann aussahen, kann ich kaum erklären, sie waren total voller Schlamm, besonders wenn es geregnet hatte. Ja, die schönen Schuhe, die ich hatte, waren nur für den Sonntag zum Kirchgang oder zu irgendwelchen Feierlichkeiten. Da ja kleine Kinder schnell wachsen, die Schuhe knapp waren, konnte man immer nur ein paar Schuhe kaufen. Wenn diese Schuhe zu klein wurden, durfte ich die Ferse hinten runtertreten und sie dann zu Hause noch weiter anziehen. Erst dann gab es wieder Sonntag Schuhe.
Heute war nichts wie sonst. Was ist denn nun schon wieder los? Vati kam aufgeregt zum Mittagessen und seine ersten Worte waren, das Schwein ist krank. Da hörten wir auch schon das Auto von unserem Tierarzt. Alle liefen wir nach unten zu dem Schwein. Ich durfte nicht mit in den Stall. Darum stand ich ängstlich am Zaun und schaute neugierig durch die Latten des Zauns.
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