Die Menschen drehten sich zu ihm um, manche erschraken.
»Wer hat die Mutter Gottes gestohlen?« – »Sie müssen was unternehmen!« – »In was für einer Zeit leben wir hier eigentlich?«, bombardierten ihn die Leute mit Fragen und Forderungen.
Kowalski ging nicht darauf ein. In tiefem Bass fragte er in die Runde: »Wer von Ihnen ist Frau Hundeshagen?«
Eine kleine zierliche Frau um die siebzig meldete sich. Sie stand abseits, telefonierte mit ihrem Handy. Kowalski ging auf sie zu, während Marie die Leute beruhigend aus der Kirche leitete. Nur eine alte Frau, die hinter der Säule zusammengekauert saß, blieb, von niemandem wahrgenommen, sitzen.
»Ich habe gerade mit dem Dechant in Göttingen gesprochen. Der ist während der Vakanz für unsere Gemeinde zuständig. Er kommt sofort«, erklärte Frau Hundeshagen dem Wachtmeister. »Entschuldigen Sie, aber ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Wie konnte das passieren? Wir haben doch eine Alarmanlage! Scheinbar hat die jemand ausgeschaltet. Wer macht so was?«, fragte sie verzweifelt.
»Tja, wenn ich das wüsste.« Kowalski zuckte die Achseln. Nach einer kurzen Pause meinte er: »Aber wir werden das herausfinden, Frau Hundeshagen. Die Mutter Gottes wird bald wieder an ihrem Platz stehen. Da gebe ich Ihnen mein Wort drauf. ›Maria in der Wiese‹ ohne das Gnadenbild, das geht nicht. Entschuldigen Sie, jetzt muss ich telefonieren.«
Der Wachtmeister wandte sich ab, rief beim Duderstädter Polizeirevier an und fragte nach Kriminalhauptkommissar Christian Schneider.
»Der ist schon nach Hause gegangen«, erklärte ihm der Polizist am anderen Ende der Leitung.
Kowalski berichtete ihm von dem Vorfall in der Wallfahrtskirche, überlegte kurz und entschied dann: »Ich hab Schneiders Handynummer. Ich ruf ihn selbst an. Wenn ich ihn nicht erreiche, melde ich mich nochmal.«
»Aber es ist ein anderer Diensthabender zuständig«, erwiderte der Kollege.
»Vergiss es. Wenn uns hier einer helfen kann, dann ist das ›Schnüffel‹.« Er unterbrach die Verbindung und scrollte nach der Nummer von Schneider.
Am ärgsten fällt der Größenwahn oft grad´ die kleinen Leute an.
– Eugen Roth –
Mittwochnachmittag in Duderstadt
Am Behinderteneingang der St.-Cyriakus-Basilika in Duderstadt parkte ein Pick-up. Mehrere Decken und ein paar Bretter lagen auf der Ladefläche. An der Rückfront stand eine große Holzkiste mit Deckel. Wahrscheinlich wurde hierin Werkzeug transportiert. Der Kasten war mit einem Gurt befestigt, damit er nicht verrutschen konnte.
Bestimmt ein Tischlerei- oder ein Restaurationsbetrieb, mutmaßte Mathilde, die mit ihrer dreijährigen Nichte Elsa vom Spielplatz kam. Eine lustige Zeichnung mit einem augenzwinkernden Wurm, der eine Holzbank repariert, grinste die Betrachterin an. ›Benedikt Holzwurm‹ stand in geschwungenen Lettern unter dem Firmenlogo. Mathilde gefiel die Zweideutigkeit. Sie rief nach Elsa.
»Guck mal! Hier ist ein lustiger Wurm auf dem Auto!«
Das Kind zögerte. Es schaute gerade einer Amsel zu, die einen Wurm aus dem Rasen zog und verspeiste. Erst als die Amsel davongeflogen war, kam sie angelaufen, stoppte vor dem Bild und betrachtete es eingehend. »Waru-um?«, stellte sie heute gefühlt zum hundertsten Mal ihrer Tante diese Frage, die wohl alle Dreijährigen umtreibt.
»Warum? Weil der Mann, dem das Auto gehört, Holzwurm heißt«, erklärte Mathilde.
»Warum heißt der Holzwurm?«
»Ich denke, das ist sein Nachname.«
»Ich will auch ›Holzwurm‹ heißen«, bettelte Elsa und knabberte mit ihrer kleinen Schnute – wie der Wurm auf dem Bild – an Mathildes Hand.
»Nein, n´te«, schnalzte Mathilde mit der Zunge und zog energisch ihre Hand weg. »Das geht nicht. Du heißt doch ›Schneider‹, so wie dein Papa und Onkel Christian. Und ich auch. Das ist ein viel schönerer Name. Wenn deine Mama am Samstag den Papa heiratet, dann will sie auch ›Schneider‹ heißen und nicht mehr ›Kuckuck‹, so wie Oma und Opa in Bad Lauterberg.«
»Waru-um?«
»Äh, warum, warum, warum? Das musst du deine Mama fragen. Du fragst mir ja ein Loch in den Bauch«, antwortete Mathilde gereizt und zog ihre Nichte weiter. Warum ist dieses Kind so anstrengend? Waren Thomas und Moni auch so gewesen? Sie dachte an die Zeit zurück, als ihre Zwillinge drei Jahre alt waren und ihren Alltag bestimmten. Nein, sooo anstrengend waren die nicht. Sie konnten ja miteinander spielen. Da brauchte ich nicht ständig Programm machen. Heutzutage fordern das die Kinder ja von ihren Eltern regelrecht ein. Ich hätte gar nicht die Zeit gehabt. Neben dem Halbtagsjob im Büro, den Eltern, die meine Hilfe brauchten, Haus und Garten … Und Christian? Ja, der war als Kriminalbeamter auf der Leiter nach oben gefordert. Eine Fortbildung nach der anderen. ›Ich will eine leitende Funktion, keine leidende als Straßenpolizist‹, war sein Spruch, wenn ich mich beschwert hab, dass ich alles allein machen muss. Also hab ich zurückgesteckt. Ja, so war das damals.
Die kleine Elsa riss Mathilde aus ihren Gedanken. »Tante Mathi, schau mal!«, rief sie rückwärtsgehend. »Da kommen zwei Männer aus dem Haus. Was haben die da?«
»Das ist kein Haus, Elsa. Das ist eine Kirche!«, korrigierte Mathilde kopfschüttelnd und dachte: Am Handy kennt sich die Kleine besser aus als ich. Aber was eine Kirche ist, weiß sie nicht. Verrückte Welt!
»Ich will mal gucken!«, rief Elsa und lief den Weg zurück.
Abermals schüttelte Mathilde den Kopf und atmete stöhnend aus. »Kleiner Feger!«, raunte sie und war froh, dass hier vor der Pfarrei keine Autos fuhren. Sie schaute Elsa nach und musste die Hand an die Stirn halten, denn die Sonne blendete stark. Ihr fiel auf, dass die Männer, die aus dem Gotteshaus kamen, blaue Arbeitshosen und die gleichen rotgrün-karierten Hemden anhatten. Wie Zwillinge. Auf dem Kopf trugen sie beigefarbene Schirmmützen. Ihr Gesicht war durch schwarze Mundschutzmasken verdeckt.
Als sie Elsa und Mathilde erblickten, stoppten sie kurz, dann nickten sie sich zu und Mathilde beobachtete, wie sich ihre Gangart schlagartig veränderte. Im Eilschritt trugen sie nun das flache Teil, das in eine Wolldecke gewickelt war, den abgeschrägten Eingang hinunter zu ihrem Wagen.
Die holen bestimmt ein Gemälde zum Restaurieren ab.
In den Pfarrnachrichten hatte sie allerdings nichts darüber gelesen. Aber genau wusste sie es nicht. So streng wie früher nahm sie ihre kirchlichen Pflichten schon lange nicht mehr wahr. Viel zu oft fühlte sie sich von der Obrigkeit der Kirche unverstanden. Außerdem waren aus Furcht vor einer Pandemie seit dem Frühjahr sämtliche Messen abgesagt worden, sodass die Gläubigen auch untereinander kaum noch Kontakte pflegen konnten. Das gemeinschaftliche kirchliche Leben und das Vereinsleben waren so gut wie tot.
»Was machst du da?«, sprach Elsa einen der Männer an und stellte sich ihnen in den Weg.
»Vorsicht, Kleine! Mach Platz!«
»Hopp! Hopp!«, rief der andere mit drohend tiefer Stimme, um sie zu scheuchen.
Erschrocken trat Elsa zur Seite. »Warum bist du böse?«, fragte sie den Mann keck, beäugte ihn von oben bis unten.
»Weil du im Wege stehst! Verschwinde!«, antwortete er lauter werdend, nickte dem Anderen zu und warf Mathilde einen finsteren Blick rüber. Eingeschüchtert drückte sich Elsa an die Mauer mit dem Geländer und ließ die Männer vorbei. Sie legten das Teil mitsamt der Wolldecke hastig auf die Ladefläche zwischen die Decken, stiegen gehetzt in den Wagen.
Komisch. Als wären sie auf der Flucht, durchfuhr es Mathilde, als der Motor aufheulte. Aufgeregt rief sie: »Elsa! Bleib an der Mauer stehen! Rühr dich bloß nicht von der Stelle! Hörst du?« Sie hielt ihre Hand zum ›Stopp!‹ hoch. »Stehen bleiben!«
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