Weigerte sich ein Schiffskapitän jedoch, solche aus den Gefängnissen rekrutierten Kerle an Bord zu nehmen, dann konnte es passieren, daß die Casa sehr schnell Mittel und Wege fand, ihm das Patent zu entziehen und ihm sogar das eigene Schiff wegzunehmen oder es zu beschlagnahmen. Mit anderen Worten: Er wurde auf sanfte, aber nachdrückliche Art dazu erpreßt, sich der „Schützlinge“ anzunehmen, die für sein Schiff den Untergang bedeuten konnten.
„Señores“, sagte Gomez Rascón. „Wir stehen wieder einmal einer heiklen Situation gegenüber. Wie lautet unsere genaue Position?“
Solares, der Erste, nannte sie ihm und fügte hinzu: „Wir befinden uns also bereits fast auf der Höhe von Santiago de Cuba.“
„Aber der Wind ist zu stark“, erklärte der Steuermann Elcevira. „Ein höllischer Sturm, Señor Capitán. Wir dürfen nicht wagen, nach Norden auf den Hafen zuzusteuern.“
„Dem stimme ich zu“, sagte Solares. „Wir riskieren dabei Kopf und Kragen.“
„Sehr richtig“, pflichtete Rascón ihnen ebenfalls bei. „Wir haben nur noch die eine Wahl. Wir müssen vor dem Sturm lenzen, also westwärts segeln. Nur so können wir uns retten. Señores, geben Sie Juan Alentejo ein entsprechendes Lichtsignal. Dann setzen Sie ein Hecklicht, denn er wird in unserem Kielwasser segeln und uns folgen. Geben Sie der Mannschaft alle erforderlichen Anweisungen, und sorgen Sie dafür, daß die Verschalkungen der Schotten und Luken sowie die Festigkeit der Manntaue regelmäßig überprüft werden.“
„Jawohl, Señor“, sagten die beiden gleichzeitig.
Dann war es Solares, der sich noch einmal zu Wort meldete. „Aber was sollen wir den Leuten in den Stauräumen sagen?“
„Vorläufig gar nichts“, erwiderte der Kapitän mit ernster Miene. „Lassen wir sie im Ungewissen. Sie müssen glauben, daß wir Santiago bald erreichen. Wenn sie erfahren, daß es eine Verzögerung gibt, werden sie noch unruhiger. Das müssen wir verhindern.“
„Was ist mit den Hundesöhnen, die mit zur Mannschaft gehören?“ fragte Elcevira. „Denen können wir es nicht verheimlichen.“
„Der Bootsmann soll ein waches Auge auf sie haben.“ Rascón erhob sich. „Gott segne unser Schiff und die ‚Almeria‘. Hoffen wir, daß wir unser Ziel unbeschadet erreichen.“
Solares und Elcevira bekreuzigten sich mit ihm zusammen, dann zeigten sie klar und verließen die Kapitänskammer im Achterkastell. Sie eilten nach vorn, enterten das Hauptdeck und teilten die Kommandos aus.
Wenig später lenzte die „San Sebastian“ vor dem Sturm und rauschte westwärts. Die „Almeria“ war in ihrem Kielwasser. Alentejo orientierte sich an dem auf und ab tanzenden Hecklicht, das Rascón hatte setzen lassen.
Die Schiffe ritten donnernde Brecher auf ihren gischtenden Kämmen ab, sie taumelten über den schmalen Grat in gähnende Wasserschluchten und drohten darin unterzugehen. Sie stampften, schlingerten und rollten und waren den Mächten der Natur ausgeliefert. Nur wenig konnten Rascón und Alentejo noch tun. Sie ließen Trossen durch das Hennegat ausbringen, die im Kielwasser ihrer Dreimaster schlingenförmig mitliefen und den Schiffen weniger Fahrt und mehr Kursstabilität verleihen sollten.
So trieben sie durch die Nacht, ihrem Schicksal ausgeliefert. Nie war es so fraglich gewesen wie jetzt, ob sie Santiago jemals erreichten, selbst auf dem Atlantik nicht. Was brachte die nahe Zukunft?
Weiter westlich, ebenfalls an der südlichen Küste von Kuba, kämpften zwei andere Schiffe mit dem Sturm – eine Dreimastgaleone und ein düsterer, unheimlich wirkender Zweidecker. Geheimnisvoll und mit komplizierten Zusammenhängen verbunden waren die Zukunft, der Auftrag und das Ziel dieser Schiffe, deren Anblick jeden Beobachter in Staunen versetzt hätte.
Die Galeone mit den drei Masten war spanischer Herkunft. Einst hatte sie „Santa Clara“ geheißen und Perlen befördert. Dann aber war sie aufgebracht und entführt worden, und ein findiger Schiffsbaumeister hatte sie gründlich umkonstruiert, so daß sogar der frühere spanische Kapitän sie nicht wiedererkannt hätte.
Hesekiel Ramsgate hieß dieser ausgefuchste Schiffsbaumeister. Er hatte die „Santa Clara“ in eine deutsche Galeone aus Kolberg in Pommern verwandelt. Im Großtopp flatterte die Flagge mit dem roten Greif auf silbernem Feld, das Wappen Pommerns, an der Besanrute die Flagge von Kolberg mit der Bischofsmütze, den drei Stadttürmen und den beiden Schwänen. Die Galionsfigur war ein Greif, rot angestrichen, das Wappentier von Pommern. Das Schiff war überdies schwarz angestrichen worden, und auf jeder Seite hatte Ramsgate an den Schanzkleidern Halterungen anbringen lassen, in denen beliebig viele Drehbassen zusätzlich montiert werden konnten.
Und der Kapitän dieses rätselhaften Schiffes? Nun, er hieß Philip Hasard Killigrew und hatte es selbst gekapert. Er galt als Spaniens Todfeind, doch bislang war es selbst Don Juan de Alcazar, dem Sonderbeauftragten in Havanna, nicht gelungen, ihn zu stellen oder gar zu fassen. Vielmehr war es der Seewolf, der der spanischen Nation immer neue Stiche und Hiebe zufügte, nicht zuletzt dank seiner guten Verbindungen in Havanna. Dort nämlich saß ein gewisser Arne von Manteuffel, sein leiblicher Vetter, der sich als Handelsherr getarnt und eine Faktorei eröffnet hatte. Die Verständigung klappte prächtig: durch Brieftauben, die von Havanna zur Schlangen-Insel und umgekehrt aufgelassen wurden.
Damit nicht genug: Zuletzt hatte Hasard auch noch die Verwegenheit gehabt, frech und gottesfürchtig an Bord der „Pommern“ in den Hafen von Havanna einzulaufen. Allerdings hatte er sich nicht offen an Deck gezeigt. Die Begegnung mit Arne hatte in der Kapitänskammer stattgefunden, und Arne hatte ihm alles erzählt, was sich zuletzt auf Kuba ereignet hatte.
Hasards Ziel war es, die Black Queen endgültig zu vernichten. Aber wieder einmal war sie ihm entwischt, zusammen mit Caligula und ihren vier letzten Getreuen. Ihr Schiff, den Zweidecker „Caribian Queen“, hatte er den Meuterern abgenommen, die damit auf Beutefahrt gegangen waren.
So gehörte die „Caribian Queen“ jetzt mit zum Verband der Schlangen-Insel-Schiffe – und boxte sich gemeinsam mit der „Pommern“ ostwärts laufend durch die See. Am 27. April hatten sie die Islas de Mangles verlassen und gerieten mitten in den Sturm. Sie waren gezwungen, dicht unter Land in jeweils kurzen Schlägen ostwärts zu kreuzen. Eine mühselige Schinderei, die dadurch erschwert wurde, daß beide Schiffe unterbemannt waren.
Hasard hatte zu dem Raid auf die Black Queen als Crew an Bord der „Pommern“ Renke Eggens, Dan O’Flynn, Ferris Tucker, Big Old Shane, Edwin Carberry, Smoky, Blacky, Al Conroy, Stenmark, Gary Andrews, den Kutscher, Pete Ballie, Matt Davies, Sam Roskill, Luke Morgen und die Zwillinge samt Plymmie, der Wolfshündin, mitgenommen, außerdem dreizehn Männer der „Wappen von Kolberg“. Somit war die „Pommern“ bislang mit zweiunddreißig Mann besetzt gewesen. Nach der Kaperung der „Caribian Queen“ jedoch war Dan O’Flynn als Kapitän mit fünfzehn Mann auf den Zweidecker übergewechselt.
Das war die Situation – und die Crews hatten es nicht leicht, ihre Schiffe im Sturm zu halten. Das Risiko, auf ein Riff zu laufen oder auf Legerwall gedrückt zu werden, war groß, doch andererseits war Hasard gleichsam dazu gezwungen, es auf sich zu nehmen. Die letzte Chance, die Black Queen und Caligula zu erwischen, durfte nicht verspielt werden. Deshalb galt es, keine Zeit zu verlieren.
Daß die Aussichten, die Queen und Caligula noch irgendwo zu stellen, dennoch gering waren, war Hasard klar. Er hatte in dieser Beziehung keinerlei Illusionen. So hatte sein Befehl denn auch gelautet: Rückkehr zur Schlangen-Insel. Sollten sie auf dem Weg dorthin auf die Queen stoßen, würden sie alles daransetzen, sie gefangenzunehmen. Wenn nicht, war es vorläufig auch nicht so schlimm. Denn die Queen war geschwächt, und Caligula hatte in Havanna eine Niederlage erlitten, die auch er nicht so schnell verwinden würde.
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