„Auf jeden Fall, weil wir es ihnen glaubwürdig genug darstellen.“
„Und die andere Hälfte der Crew für die ‚Pommern‘?“ verlangte Thorfin Njal zu wissen. „Woher soll die genommen werden? Doch wohl hoffentlich vom Schwarzen Segler!“
„Nein“, sagte der Seewolf. „Sie wird von der ‚Isabella‘ abgezogen. Deine Männer würden kaum als Deutsche durchgehen.“
Der Wikinger war immer noch wütend – und verzweifelt. Er wußte nicht, was er unternehmen sollte, um Hasard umzustimmen und die Besatzungsliste zu ändern. So ging es auch den anderen. Hasard hatte gesprochen – punktum und basta.
„Ich beantrage Abstimmung“, sagte er.
Nur zögernd gab der Bund seine Zustimmung für den Vorschlag. Tatsächlich aber wußte auch keiner einen Gegenvorschlag vorzubringen. Nur Old O’Flynn erhob einen Einwand.
„Du könntest in Havanna erkannt werden, Hasard“, sagte er. „Dann sieht es nicht nur für Arne, Jussuf und Jörgen schlecht aus, sondern für euch alle.“
„Ich werde mich dort tagsüber nicht an Deck zeigen.“
„Aber da ist noch was“, sagte Jean Ribault. „Die Kampfkraft der ‚Pommern‘ reicht gegen den Zweidecker der Black Queen garantiert nicht aus. Es ist also noch die Frage, ob sich die eine Aktion mit der anderen verbinden läßt.“
Hasard setzte ein grimmiges Grinsen auf. „Auch daran habe ich gedacht. Ich habe nicht die Absicht, meine Männer und mich selbst in einem sinnlosen Gefecht zu verheizen. Vielmehr werde ich in die Trickkiste greifen, um der Queen und ihrem Anhang zur verdienten Höllenfahrt zu verhelfen.“
„Wie?“ fragte Siri-Tong.
„Das findet sich noch.“
„Das hört sich aber wirklich vage an.“
Er sah sie an. „Dann laß du dir doch etwas einfallen.“
„Als Handelsfahrer getarnt, könntet ihr die ‚Caribian Queen‘ in eine Falle locken. Vielleicht sind die Spanier sogar zur Zusammenarbeit bereit“, sagte sie.
„Wir schlagen die Queen also mit ihren eigenen Waffen – dem Feind Spanien, dessen sie sich bedient?“ Hasards Miene drückte wenig Überzeugung aus. „Das klingt nicht gut. Ich hasse Intrigen. Wir werden versuchen, sie auf dem direkten Weg zu vernichten.“
„Dann bietet sich an, daß weitere Schiffe die Schlangen-Insel verlassen und sich mit der ‚Pommern‘ an der Südküste von Kuba treffen“, sagte die Rote Korsarin. „An diese Möglichkeit hast du noch nicht gedacht. Im Verband können wir die Queen leichter schlagen.“
„Das ist ein brauchbarer Vorschlag“, sagte Hasard. „Aber laß mich erst mal die Lage sondieren. Danach sehen wir weiter.“
Er wollte allein aufbrechen, daran ließ sich nicht rütteln. Unterschwellig begriffen seine Kameraden, daß er genau das Richtige und in dieser Lage Ratsamste tat, aber sie hatten auch den Wunsch, ihm Unterstützung zu leisten. Daß sie auf der Schlangen-Insel zurückbleiben und praktisch mit gebundenen Händen die weitere Entwicklung abwarten sollten, behagte ihnen gar nicht.
Doch es ließ sich nicht ändern. Die „Pommern“ wurde noch an diesem Abend im Licht von Laternen und Öllampen ausgerüstet und munitioniert. Es war keine Zeit zu verlieren.
Hasard überlegte sich die Auswahl seiner Crew sehr genau. Schließlich entschied er sich für Dan O’Flynn, Ferris Tucker, Big Old Shane, Ed Carberry, Smoky, Blacky, Al Conroy, Stenmark, Gary Andrews, den Kutscher, Pete Ballie, Matt Davies, Sam Roskill, Luke Morgan und die Zwillinge. Auch Plymmie, die Wolfshündin, war mit von der Partie.
Die ersten zwölf sollten der „harte Kern“ der Crew sein, was aber keine Zurücksetzung der anderen bedeutete. Mit weiteren vierzehn Männern aus der Crew der „Wappen von Kolberg“ war die „Pommern“ am Ende also einschließlich Hasards, Renke Eggens’ und der Zwillinge mit zweiunddreißig Mann besetzt.
Voll ausgerüstet und munitioniert ging sie noch vor Mitternacht in See und nahm Kurs auf Havanna. Gleichfalls in dieser Nacht flog der Täuberich Izmir zurück nach Havanna, um Arne von Manteuffel über das bevorstehende Eintreffen der „Pommern“ zu informieren.
„Hoffen wir, daß alles klappt“, sagte Old O’Flynn in dieser Nacht. Heftig drückte er den Kameraden die Daumen – und das taten auch die anderen. Sie alle wußten, was von einem Gelingen der Aktion abhing: die Zukunft der Schlangen-Insel und Coral Islands – und das Leben ihrer Bewohner. Von daher war es nur zu verständlich, daß Hasard die Sache persönlich in die Hand genommen hatte.
Carnera war ein alter, gebeugter Mann, dem in Havanna kaum jemand Aufmerksamkeit schenkte. Er war dürr und häßlich und auf einem – dem linken – Auge angeblich blind. Man beachtete ihn nicht, man mied ihn, er war allein und suchte fast jeden Abend in einer der Hafenkneipen Trost für die Einsamkeit bei einem, zwei oder auch drei Bechern Wein. Hier reagierte er auch seinen Haß gegen seinen Herrn ab, der ihn oft und gern mit Stiefeltritten traktierte.
Dieser Mann war der Kerkerkommandant. Carnera war der Kalfaktor im Gefängnis, der Mann, den man trat und stieß, anbrüllte und verfluchte. Er war das Mädchen für alles, keine Arbeit war zu dreckig für ihn. Carnera hier, Carnera da, Carnera vorn und hinten – er wurde wie ein Hund behandelt.
All seih Leid klagte er in dieser Nacht dem neuen Zechbruder, den er kennengelernt hatte. Ein alter Mann mit einem dichten Vollbart, der selbst nur wenig Bier trank, dafür aber ihm, Carnera, schon den vierten Becher Rotwein ausgegeben hatte.
„Du bist in Ordnung“, sagte Carnera. „Mit dir kann man wenigstens reden.“
„Ja“, sagte Jussuf. „Ich verstehe dich nämlich. Ich habe selbst auch schon viel erlitten.“
„Wohnst du in Havanna? Ich habe dich hier noch nie gesehen.“
„Ich bin mal hier, mal da.“
„Ist ja auch egal“, sagte Carnera und trank wieder einen tüchtigen Schluck Wein. „Die Hauptsache ist, der Mensch lebt und hat was zu saufen.“
„Du arbeitest also im Kerker?“ fragte Jussuf.
„Ja. Manchmal fühle ich mich selbst wie einer der Kerle, die da einsitzen. Der Kommandant ist ein Leuteschinder. Der Sargento ist auch nicht viel besser, und die Soldaten verhöhnen mich dauernd. Ein Drecksleben ist das.“
Sie saßen im „Malagena“ neben einer Säule an einem kleinen Tisch. Die Kaschemme war inzwischen wieder eingerichtet worden. Lopez und Libero hatten sich die größte Mühe gegeben, wenigstens die Theke, die Regale, die Tische und Stühle wieder in Ordnung zu bringen.
Denn Lopez wollte sich sein gutes Geschäft nicht verderben lassen, nicht durch einen Caligula und nicht durch Diego Cámara und den Gendarmen, die ins Gras gebissen hatten. Ein weiterer Gendarm, so hieß es, lag im Sterben. Aber all das und die Erzählungen, die über Caligulas Raserei in Havanna kursierten, machten die „Malagena“ nur noch attraktiver. Brechend voll war es in dieser Nacht.
Jussuf hatte herausgefunden, daß Carnera der Kalfaktor im Stadtgefängnis war. Er hatte ihn beschattet und war ihm gefolgt. Dann war es ihm gelungen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und ihn zu einem „Schlückchen Wein“ einzuladen.
„Hast du auch mit den Gefangenen zu tun?“ fragte er ihn.
„Ja.“
„Sitzt nicht dieser Schwarze im Kerker, der hier Amok gelaufen ist?“
„Ja, der. Das ist vielleicht ein Kerl. Ich habe Angst vor ihm.“
„Sitzt er denn sicher?“
„Das schon. Er ist ja angekettet. Und jeden Tag wird er verhört“, erwiderte Carnera. „Aber er schreit nicht, das ist der Witz. Ich habe noch keinen erlebt, der so gut Schmerzen aushält wie der.“
Jussuf schloß unwillkürlich die Augen. Er verachtete alles, was mit Grausamkeit zu tun hatte. Folter und peinliches Verhör waren für ihn etwas grenzenlos Gemeines, Menschenunwürdiges, auch im Fall eines Mannes wie Caligula.
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