„Er sitzt also in Einzelhaft?“ fragte er.
„Ja. Zu den anderen Galgenvögeln hat er keinen Kontakt. Und das ist auch gut so. Er würde die anderen bloß aufwiegeln, hat der Sargento gesagt.“
„Und der Kommandant? Verhört er ihn persönlich?“
„Nein. Das tut der Gouverneur. Don Antonio. Der Dicke.“ Carnera grinste und trank seinen Becher leer. Jussuf griff zum Krug und schenkte nach. „Hast du den schon mal in seiner Prachtkarosse durch Havanna rollen sehen?“
„Nein, noch nie.“
„Er spielt sich auf wie der König von Spanien persönlich. In der Residenz sind auch die Türklinken aus Gold, und er kleidet sich wie zwei Fürsten auf einmal. Er gibt rauschende Feste und hat immer die schönsten Frauen um sich.“
„Das freut mich für ihn“, sagte Jussuf. Absichtlich stellte er sich unbedarft und unwissend. Dieser Carnera war ein Plappermaul, eine ausgesprochene Plaudertasche, dessen Geschwätzigkeit von Becher zu Becher stieg. Er war froh, daß er mal alles abladen durfte, was ihm auf der Seele lag. Es geschah sonst selten, daß ihm jemand so aufmerksam zuhörte wie dieser „alte Bart“, von dem er noch nicht einmal den Namen wußte.
Carnera nahm rasch noch einen Schluck Wein zu sich, dann schüttelte er so heftig den Kopf, daß Jussuf zu fürchten begann, er würde ihm von den Schultern fallen.
„Nein“, sagte Carnera. „Das darf dich nicht freuen. Frag lieber, woher er das viele Geld hat.“
„Als Gouverneur ist er sicher gut bezahlt.“
„Aber nicht so gut, daß er sich all den Prunk leisten kann.“
„Ich verstehe nicht, auf was du hinauswillst.“
„Don Antonio ist schlimmer als dieser Caligula“, raunte Carnera ihm über den Tisch hinweg zu. „Ein Schnapphahn und Galgenstrick der übelsten Sorte. Das glaubst du nicht? Oh, dann mußt du aber noch viel lernen, mein Freund.“
„Du meinst, er sei bestechlich oder so?“
„Durch und durch korrupt.“
„Und das darf sich ein Gouverneur ungestraft erlauben?“ fragte Jussuf mit gespielter Empörung.
„Ja. Keiner klopft ihm auf die Finger. Er ist wie ein Krake. Was er einmal an sich gerissen hat, das gibt er nicht wieder frei.“ Carnera beugte sich vor. Sie waren wie zwei Verschwörer, die die Köpfe zusammenstecken und einen geheimen Plan aushecken. „Nur einer hat versucht, ihm das Handwerk zu legen. Der Mann heißt Don Juan de Alcazar, und er soll ein Sonderbeauftragter des spanischen Königs und der Casa de Contratación sein. Auch den Rang eines Generalkapitäns hat er. Mehrfach hat er Don Antonio gerügt, seit er hier ist, und dafür hat der Dicke versucht, ihn verschwinden zu lassen. Du weißt wohl nicht, was hier passiert ist, als der Pirat Catalina die Stadt angriff, um sie in Schutt und Asche zu legen, was?“
„Nein, davon habe ich nichts gehört.“
Carnera holte zu einem ausführlichen Bericht über die jüngsten Ereignisse in Havanna aus. Er ließ nichts aus und erzählte und erzählte bis hin zu dem Tag, an dem Don Juan mit Cariba, dem Kreolen, an Bord der „Pax et Justitia“ gegangen und die Kriegskaravelle zur Jagd auf den Seewolf ausgelaufen war.
Jussuf unterbrach den Alten absichtlich nicht. Er wollte ihn nicht verärgern oder mißtrauisch stimmen. Carnera würde von sich aus wieder über Caligula sprechen. Im übrigen war es interessant, zu hören, wie gut er über alles informiert war. Nichts schien seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Jussuf merkte sich dies für spätere Gelegenheiten. Ein Informant wie dieser Alte konnte für ihn noch andere Male von großem Nutzen sein.
„So ist das in Havanna“, schloß Carnera seinen umfangreichen Bericht ab. „Da siehst du mal, was hier so alles passiert.“ Er trank und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. „Aber warum erzähle ich dir das eigentlich alles? Du langweilst dich wahrscheinlich.“
„Durchaus nicht“, beeilte sich Jussuf zu versichern. „Für mich ist das spannend. Aber du wolltest mir noch mehr über diesen Caligula erzählen.“
„Richtig. Ich bringe ihm das Essen und Trinken und kehre seine Zelle aus. Er hat mich gefragt, ob ich ihm nicht heimlich ein Werkzeug zuschmuggeln könnte, aber ich habe geantwortet, das sei mir zu riskant. Wenn er flieht, kriegt der Kommandant doch sofort raus, wer ihm geholfen hat.“
„Ja, bestimmt.“
„Daraufhin hat er mich beschimpft und bespuckt. Ich gehe nicht mehr gern zu ihm rein. Ich habe Angst, er könnte mich mit den Ketten erdrosseln.“
„Und Don Antonio foltert ihn, oder?“
„Ja, genau das. Zweimal hat er ihn schon ausführlich vernommen. Aber das tut er nicht wegen der Toten, ach wo! Es ist ja sowieso klar, daß Caligula der Mörder ist. Er braucht also nichts mehr zu gestehen. Alles spricht gegen ihn.“
„Dann frage ich mich, warum Don Antonio ihn überhaupt foltert“, sagte Jussuf mit nachdenklicher Miene.
„Weil er ein gieriger Krake ist“, sagte Carnera gedämpft. „Wenn er nicht fette Beute wittern würde, hätte er den Gefangenen gar nicht erst aufgesucht.“
Jussuf winkte Libero zu. Das Kerlchen näherte sich und nahm den leeren Krug mit, um ihn zu füllen. Carnera leerte wieder seinen Becher. Jussuf nippte nur an seinem Bier und sagte: „Caligula hat also Geld bei sich? Meinst du das?“
„Golddublonen in einer Geldkatze, die er um die Hüften getragen hat, und zwei Beutel mit Perlen“, erwiderte der Alte. „Möglich, daß der Dicke darauf scharf ist. Fest steht, daß er darüber hinaus etwas von Caligula wissen will, was dieser aber nicht bereit ist, preiszugeben.“
„Was das wohl ist?“ sagte Jussuf.
„Denken könnte ich es mir schon“, brummte Carnera und schielte zu Libero, der mit dem frisch gefüllten Krug zurückkehrte. „Don Antonio will wissen, wo es mehr von dem Geld und den Perlen gibt. Aber er kriegt nichts aus Caligula heraus. Dem kann man die Arme und Beine abreißen, der sagt nichts.“
Jussuf hätte sich vor Widerwillen fast geschüttelt. Er hoffte inständig, daß der Alte ihm die Schilderung der Foltermethoden, mit denen man Caligula bearbeitete, ersparen würde. Und was Don Antonio de Quintanillas Bestreben betraf, dem Gefangenen das Geheimnis zu entlocken, da wußte er natürlich ganz genau, um was es sich handelte: Caligula sollte die Lage der Schlangen-Insel verraten. Aber er sträubte sich. Verständlicherweise. Wenn er redete, war er geliefert. Dann ließ Don Antonio ihn unverzüglich aufhängen.
Jussuf verließ die Kaschemme, Carnera war am Tisch eingeschlafen. Jussuf kehrte zur Faktorei zurück und teilte Arne und Jörgen, die beide noch wach waren, mit, was er erfahren hatte.
„Das ist eine ganze Menge“, sagte Arne. „Meine Hochachtung, Jussuf, du hast deine Sache wieder mal gutgemacht. Und einen neuen Informanten hast du dir auch gleich geschaffen.“
Jussuf grinste. „Der alte Knochen hat natürlich sehr geheimnisvoll getan und viel herumgeredet, aber ich habe ihm versichert, daß ich kein Sterbenswörtchen über unsere Unterredung verlauten lassen würde. Wir haben einen Pakt abgeschlossen und besiegelt, wenn ich das mal so nennen darf. Folglich dürfte ich euch gar nicht berichten, was er mir alles gesagt hat.“
„Mach es nicht so spannend“, sagte Jörgen. „Wie ist Don Antonio denn überhaupt mit den Wachsoldaten und dem Kommandanten im Gefängnis verblieben? Gibt es nun einen Prozeß oder nicht?“
„Noch nicht“, entgegnete Jussuf. „Und alle Wachleute bis hinauf zum Sargento und Kerkerkommandanten sind von Don Antonio dazu verpflichtet worden, nichts über den Gefangenen verlauten zu lassen, vor allem nicht einem gewissen Don Juan de Alcazar gegenüber, falls der wieder in Havanna erscheinen sollte. Auch Don Ruiz de Retortilla ist entsprechend instruiert worden.“
„Aha!“ sagte Arne. „Jetzt weiß ich Bescheid. Der Dicke will wieder mal sein eigenes Süppchen kochen und Don Juan vermutlich ausbooten. Das sieht ihm ähnlich.“
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