Die Erhebungen waren sehr klein und sahen danach aus, als hätte ein Kind Friedhof gespielt, und nicht nach einer echten Gedenkstätte. Als Daly mit bloßen Händen darin grub, fand er nichts außer verrottenden Blättern und Erde. Ihm schien, als würde kurz ein Vorhang zur Seite gezogen, um das unheilvolle Bild eines kranken Geists aufscheinen zu lassen. Beim Aufsehen entdeckte er, dass alte Zeitungsausschnitte auf Dornen gespickt waren, wie Votivgaben für eine heidnische Gottheit. Die meisten Zettel waren durchnässt und vom Wind zerfetzt. Er nahm einen ab. Es war ein alter Bericht über eine Bombe, die nicht hochgegangen war. Ein anderer Ausriss war ein Artikel über eine Detonation, die ein sechsjähriges Mädchen und eine Nonne getötet hatte.
Plötzlich war er wie elektrisiert. Als hätte er in einem Lift die Aufwärts-Taste gedrückt und wäre mit der Kabine direkt in Hughes’ verwirrten Verstand gefahren. Plötzlich war er sicher, dass die Gedanken des alten Manns den engeren Kreis seines Gartens und seiner Felder verlassen hatten und weiter hinausgewandert waren.
Wieder im Cottage, übergab er Eliza Hughes die gelben Haushaltshandschuhe.
»Ich nehme an, die gehören Ihnen. Sie waren an einer Art Gedenkstätte in der Hecke, mit improvisierten Gräbern und Kreuzen.«
Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Du meine Güte, David und seine verrückten Spiele.«
Mit müdem Blick sah sie ihn an. »Inspector Daly, die Demenz hat den Kopf meines Bruders zu einem Rummelplatz gemacht, auf dem er den ganzen Tag Achterbahn fährt. Er vergisst nicht nur immer mehr und vergisst, wo er ist. Seit er diese Krankheit hat, hat er auch eigenartige Marotten, unter anderem hängt er alte Zeitungsausschnitte in der Hecke auf. Immerzu redet er von der Vergangenheit und behauptet, er sieht Geister. Seit ein paar Wochen bastelt er aus allem, was er in die Finger kriegt, Kreuze. Aus Bändern, Stöcken, Blumen oder Seilen. Ich versuch, alles wegzuräumen, wenn Besuch kommt, aber ich kann ihm ja nicht permanent hinterherlaufen. Und dann schreibt er immerzu irgendwelche Botschaften. Wirklich schreckliche Sachen, die ich lieber nicht wiederhole. Voller Flüche und Verwünschungen.«
Daly beschloss, nicht nachzuhaken. Die Frau war offenkundig in einer schrecklichen Situation. Ohne Beistand musste sie miterleben, wie der bröckelnde Verstand ihres Bruders tagtäglich weiter verfiel. Er rieb sich die Augen und stand auf.
»Wir tun unser Bestes, um Ihren Bruder zu finden, Miss Hughes«, versprach er. Schweigend und ihren Morgenmantel eng um sich ziehend, sah ihm Eliza nach, als er ging.
Draußen war es noch dunkel, und die Äste des Schlehdorns krallten sich an den Wind. Die umherhuschenden Lichtkegel zeigten ihm an, wo seine Officer die Felder absuchten, die sich bis zum unsichtbar daliegenden Seeufer erstreckten. In wenigen Stunden würde es dämmern. Wenn sie Hughes nicht bald fänden, würde er an Unterkühlung sterben. Nur Gott wusste, was im Kopf des alten Manns vor sich ging.
Auf dem Weg zurück zum Auto begann das Handy in Dalys Tasche zu klingeln. Er kannte die Nummer nicht und ging ran.
»Wo ist dein schwarzer Anzug, Celcius?«, fragte eine vertraute Stimme.
»Anna«, rief er überrascht und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. »Wo bist du?«
»In deinem Haus. Ich hab den Ersatzschlüssel unter dem gebrochenen Pflasterstein gefunden. Im Schrank und in der Kommode ist der Anzug nicht.«
»Was machst du denn da?«
»Der Schwiegervater meiner Schwester ist am Donnerstag gestorben, und heute Vormittag ist Beerdigung in Dublin. Ich wollte, dass du mich begleitest, aber jetzt ist es zu spät. Ich hab deinen Traueranzug nirgends gefunden.«
»Der ist in der Reinigung.«
»Ich denke oft an dich, Celcius. Das wollte ich dir längst sagen. Aber ich muss jetzt los.«
»Ich bin mit einem Fall beschäftigt. Kannst du nicht noch eine Stunde warten?«
Die bisherige Zärtlichkeit in ihrer Stimme wurde von der bekannten Entschiedenheit verdrängt. »Nein. Ich muss sofort los. Meine Schwester wartet auf mich. Und du bist ja immer mit irgendeinem Fall beschäftigt.«
»Einen Moment noch. Kannst du mir einen Gefallen tun?«
Sie seufzte. »Was denn?«
In einem verzweifelten Versuch, das Gespräch zu verlängern, drückte Daly das Telefon fester an sein Ohr. Sein Atem ging schneller, hektischer, als wäre er in einem Raum eingesperrt, in dem die Luft immer dünner wurde.
»Kannst du für mich einen Lottoschein ausfüllen?«, sagte er, ehe sie auflegte. »Ich hab so ein Gefühl, dass das unsere Glückszahlen sein könnten – 49, 11, 21, 7. Die zwei letzten kannst du dir aussuchen.«
Es gab eine Pause, während sie die Zahlen notierte.
Als sie wieder sprach, war die Zärtlichkeit in ihre Stimme zurückgekehrt. »Ist das jetzt der neue romantische Daly?«, fragte sie.
»Wie meinst du das?«
»Die Zahlen – rückwärts gelesen ergeben sie das Datum unseres ersten Rendezvous. Sieben Uhr am zwölften November 1994. Hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst.« Sie hielt kurz inne. »Ich ruf dich an, wenn die Zahlen gezogen werden. Bye, Celcius.«
Bei der Rückkehr in das Cottage seines Vaters empfingen Daly die Dämmerung mit drohendem Regen und ein aufziehender Kater. Doch eine Lücke hatte die Sonne noch in den Wolken gefunden und warf einen Lichtstreifen auf tief liegendes Moorland und Hecken. Auf dem Weg zur Tür drängten sich ihm einige Einzelheiten mit schmerzlicher Klarheit auf: die hellen Steinmauern, eine Fensterscheibe, in der sich das flammende Morgenlicht spiegelte, das Whiskeyglas, das weiß vor Reif im Schatten unter dem Vordach stand.
Bereits beim Eintreten ins Haus spürte er ihre Anwesenheit. Sie hatte sich die Mühe gemacht, im Wohnzimmer etwas Ordnung zu schaffen, Kleidungsstücke zusammenzulegen, benutzte Tassen und Teller wegzuräumen und die Zeitungen und CDs in ein Regal zu legen.
Er empfand einen Stich, weil sie sich die Zeit genommen hatte, sich den Gegenständen im Raum zu widmen, nicht aber auf ihn hatte warten oder das Gespräch fortsetzen wollen. Statt sich richtig zu verabschieden, hatte sie ihn mit diesem aufgeräumten Zimmer zurückgelassen, dessen Luft von ihrem Parfüm und einer unguten Stille erfüllt war. Die Erinnerung an ihre Stimme schrammte an den Rändern seines Katers entlang. Vielleicht hätte er den Anruf der Leitstelle doch ignorieren sollen, in seinem Verhau bleiben und auf ihr Kommen warten sollen?
In den ersten Monaten ihrer Trennung, als Anna bei ihren Eltern in Glasgow lebte, hatte Daly sie oft angerufen. Der Gedanke hatte ihn gequält, sie könnte mit einem anderen Mann zusammen sein. »Da ist niemand, dem wir die Schuld geben können, außer uns selbst«, hatte sie immer wieder gesagt. Aber ihm war es schwergefallen, ihr das zu glauben, und gefangen im Denken eines Detective, war er überzeugt gewesen, ein unbekannter Täter habe ihre Liebe zerstört. Diese Reaktion war in mancher Hinsicht irrational gewesen, gespeist von Selbsttäuschung und Wahn.
In den ersten Monaten hatte er tagtäglich auf die Post mit den Scheidungsunterlagen gewartet, aber sie kam nie. Er bot das gemeinsame Haus in Glasgow zur Vermietung an und bewarb sich um eine Versetzung nach Nordirland. Er hatte gehofft, nach Belfast zu kommen, aber zu seiner Überraschung wurde er nach Armagh geschickt, die Stadt, in der er aufgewachsen war. Zu der Zeit war es ihm sinnvoll erschienen, in das leer stehende Cottage seines Vaters zu ziehen.
In einem anderen Telefongespräch hatte er gefragt, was sie von ihm verlange. Sie hatte geantwortet, er müsse beweisen, dass er auch ein Leben jenseits seines Berufs habe. Noch in Glasgow kam er zu der bitteren Erkenntnis, dass er, zerrieben zwischen Lust an der Ermittlerarbeit und Papierkram, diesem Anspruch nicht gerecht werden konnte. Sie hätte genauso gut einen Beweis für die Existenz einer vierten Dimension fordern können. Mittlerweile würde er wohl sogar die Zeit krümmen, um zu retten, was er mit ihr gehabt hatte.
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